Flucht aus Libyen

23. Februar 2011 11:17; Akt: 21.03.2011 16:44 Print

«Sie schiessen auf Zivilisten und Kinder»

von Paul Schemm, AP - Ägypter, die aus Libyen geflüchtet sind, berichten über den Horror, den sie erlebt haben: «Das ist ein Massaker da drüben.»

Flüchtlinge an der Grenze zu Ägypten: Sie erzählen vom Horror in Libyen. (Video: AP)
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Stossstange an Stossstange stehen Klein- und Reisebusse vor Sallum, einer Stadt an der Grenze zwischen Libyen und Ägypten. Tausende ägyptische Arbeiter versuchen, so schnell wie möglich aus Libyen zurück in die Heimat zu kommen. Entsetzt berichten sie von Luftangriffen, dem Einsatz von Söldnern und blankem Chaos. «Das ist ein Massaker da drüben», sagt Aschraf Mohammed über das blutige Vorgehen des Regimes von Muammar al Gaddafi gegen die Demonstranten.

«Sie schiessen auf Zivilisten und Kinder», berichtet Mohammed, der als Schreiner in Tobruk nahe der Grenze gearbeitet hat. «Wir haben von Luftangriffen in anderen Städten gehört, und ich habe Freunde, die nicht weg können.» Beladen mit Koffern marschiert er durch die Grenzkontrolle auf die wartenden Busse zu - erleichtert, dass er es geschafft hat.

Keine Sicherheit in Libyen

Die Stimmung ist angespannt: Militärpolizisten versuchen für Ordnung zu sorgen und Rettungswagen den Weg freizumachen. In der Nähe wurde eine Reihe weisser Zelte aufgestellt, die als provisorisches Krankenhaus der Streitkräfte dienen. Bislang gebe es kaum Verletzungen zu behandeln, sagt der Arzt Amin Gabr - das könne sich aber schnell ändern.

Seine Patienten hätten erzählt, sie seien von Söldnern aus anderen afrikanischen Staaten verprügelt worden, sagt Gabr. Die Ägypter, die auf Busse Richtung Heimat warten, bestätigen dies. Wachpersonal an der Grenze berichtet, libysche Soldaten hätten sich dort offenbar aus dem Staub gemacht, für Sicherheit seien inzwischen Stammesangehörige zuständig.

«Es gibt keine Sicherheit in Libyen. Die Macht liegt nicht mehr in Muammar (Gaddafis) Händen, weil er das Volk unterdrückt hat», sagt Muftah Farag. «Sie liegt jetzt in der Hand der Leute, die zu Gewehren gegriffen haben.» Wegen des Geldes will der Arbeiter nicht länger in Libyen bleiben: «Das ist es nicht wert, wenn ich mein Leben verliere.»

Hastig geflüchtet

Obwohl die Gewalt schon vor Tagen begonnen hat, strömen die Ägypter erst seit Dienstag nach Hause. Faisal Abdel Asis erklärt, er habe sein Haus wegen Schiessereien und Kämpfen vier Tage lang nicht verlassen können. «Schliesslich hatte ich Angst zu sterben, und deswegen bin ich nach Ägypten zurückgekehrt», sagt er.

Und Ägypter sind nicht die einzigen, die Libyen verlassen und sich in Sicherheit bringen wollen. Mehrere Ingenieure aus Korea machten sich ebenfalls hastig auf den Weg Richtung Grenze, nachdem sie auf der Fahrt nach Tripolis mitten in die Unruhen geraten waren. «Ich habe Gewehre gesehen und verrückte Menschen. ... Alle Polizeiwachen und Regierungsgebäude haben gebrannt», sagt einer aus der Gruppe. «Die gesamte Regierung ist weg.»