Wahl in Tunesien

26. Oktober 2011 16:52; Akt: 26.10.2011 16:52 Print

Konservative Partei mit hoher Glaubwürdigkeit

von Urs P. Gasche, infosperber.ch - Die islamische Ennahda-Bewegung ist die Siegerin der ersten freien Wahlen in Tunesien. Der Erfolg weckt Besorgnis. Was ist von der Partei zu erwarten?

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Anhängerinnen der Ennahda-Partei an einer Kundgebung am letzten Freitag in Tunis. (Bild: Reuters/Zohra Bensemra)

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Die Islam-Partei Ennahda hat in den ersten freien Wahlen Tunesiens rund 45 Prozent der Sitze im 217-köpfigen Verfassungsrat erobert. Europäische Medien reden von «islamistischer» Partei, was nach «extremistisch» oder fundamentalistisch tönt und grosses Misstrauen weckt.

Tatsächlich handelt es sich um eine konservative islamische Partei mit einer sehr breiten Abstützung, besonders – aber nicht nur – in der religiösen Unterschicht der Bevölkerung. Die Partei war bis zur Revolution verboten und viele ihrer heutigen Führungskräfte sassen jahrelang im Gefängnis oder wurden zu Zwangsarbeit verurteilt. Aus diesen Gründen hat die Partei heute eine hohe Glaubwürdigkeit.

Kontakte mit extremen Imamen

Der rechte Flügel von Ennahda pflegt auch Kontakte zu extremen islamistischen Imamen, wie das Westschweizer Fernsehen nachgewiesen hat. Solche Kontakte sind bei uns etwa mit Kontakten rechtskonservativer katholischer Kreise mit Opus Dei zu vergleichen. Allerdings unterstützen extremistische Islame zuweilen gewaltsame Terroristen.

Die grosse Mehrheit der Wählerschaft – auch von Ennahda – sind jedoch religiöse Muslime, die durchaus die Vorstellung eines demokratischen Staates haben und einen solchen auch wünschen. Die Zeit nach der Wahl wird zeigen, was sich die Partei darunter vorstellt. Äusserungen von Ennahda-Funktionären hinterlassen jedenfalls einen ambivalenten Eindruck (siehe Interview).

Die Sehnsucht nach demokratischen Strukturen ist im Laufe der achtmonatigen Wahlvorbereitungen enorm gestiegen. Es ist ein fast unglaublicher Erfolg, dass sich sämtliche Parteien auf die Spielregeln der Abstimmung geeinigt und die Abstimmung ohne Gezänk oder Zwischenfälle stattfinden konnte. Über 90 Prozent aller registrierten Stimmberechtigten haben völlig freiwillig, ja mit verbreiteter Begeisterung an diesen ersten freien Wahlen teilgenommen. Es war ein nationales Event.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Philipp K. am 26.10.2011 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    CVP-Analogie

    Natürlich ist es den Bürgern Tunesiens überlassen, wie sie ihren Staat organisieren wollen. Die repressive Ben Ali-Partei (Mitglied der Sozialistischen Internationalen) hat das bisher gewaltsam unterdrückt. Aber den beschwichtigenden Vergleich zwischen den "moderaten Islamisten" und der CVP muss man trotzdem mit einiger Vorsicht geniessen. Es gibt einen Unterschied zwischen "Duschen mit Doris" und "Auspeitschen mit Nicolas". Man kann beides nicht das Gelbe vom Ei finden - es ist deswegen noch nicht identisch!

  • Chris Vogt am 26.10.2011 21:29 Report Diesen Beitrag melden

    Arroganz

    Unsere westliche Arroganz ist einfach unfassbar ! Welche Berechtigung haben wir die "sogenannte Demokratie" anderen Kulturen auf zu erzwingen ? Unsere Demokratie ist a) noch sehr jung und b) von der Wirtschaft und Banken bestimmt, hat nicht mit den Menschen zu tun, die den Staat erhalten.

  • Moo Zifer am 26.10.2011 17:51 Report Diesen Beitrag melden

    Unverrückbar...

    "Es gibt absolute Wahrheiten und unverrückbare Dinge" - was könnte die Verbohrtheit und Rückständigkeit besser verdeutlichen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Denkender Mensch am 29.10.2011 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Religionsdiktatur statt Demokratie

    Unverstäntlich das man für Demokratie & würde kämpft und nachher irgendwelche Religionsfanatiker Wählt. Alle die Religionstypen mit ihren Fabelwesen sind nicht besser als jeder X-belibige Diktator. Religion & Demokratie kann nie funktionieren. Die antwort diese Cheman zeigt ja schon das Gleichberechtigung und Menschenwürde im Weltbild der Religionsfanatiker kein Platz hat.

  • Ali Ben Mustafa am 27.10.2011 07:50 Report Diesen Beitrag melden

    Tunesien Qua Vadis?

    Es wird spannend werden mit welchen Argumenten die neuen Machthaber in Tunesion welche fortschrittlichen Errungenschaften wieder abstellen. Der bildhafte Wechsel von einer 'Diktatur' in eine Andere - und eine Befreigung davon wird unendlich viel schwieriger. Der Westen wird sich aber schon so verhalten dass wir mit deren Denkweisen nicht zurecht kommen.

    • Marmemar am 27.10.2011 11:07 Report Diesen Beitrag melden

      Es wird noch schlimmer!

      Ist ja schon klar, das der Westen sich ander`s ferhält... Die Tunesier werden immer noch in Europa fliehen...

    einklappen einklappen
  • ulieni am 27.10.2011 07:21 Report Diesen Beitrag melden

    Tunesien hat nichts gewonnen

    was kann man von einer islamischen Partei schon erwarten. Mit riesen Schritten zurück in die Zukunft das ist alles. Ich hoffe nur, dass sie ihr Volk bei sich behalten und den Westen nicht mit unerwünschten Landsfrauen/männern überschwemmen.

  • Chris Vogt am 26.10.2011 21:29 Report Diesen Beitrag melden

    Arroganz

    Unsere westliche Arroganz ist einfach unfassbar ! Welche Berechtigung haben wir die "sogenannte Demokratie" anderen Kulturen auf zu erzwingen ? Unsere Demokratie ist a) noch sehr jung und b) von der Wirtschaft und Banken bestimmt, hat nicht mit den Menschen zu tun, die den Staat erhalten.

  • Philipp K. am 26.10.2011 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    CVP-Analogie

    Natürlich ist es den Bürgern Tunesiens überlassen, wie sie ihren Staat organisieren wollen. Die repressive Ben Ali-Partei (Mitglied der Sozialistischen Internationalen) hat das bisher gewaltsam unterdrückt. Aber den beschwichtigenden Vergleich zwischen den "moderaten Islamisten" und der CVP muss man trotzdem mit einiger Vorsicht geniessen. Es gibt einen Unterschied zwischen "Duschen mit Doris" und "Auspeitschen mit Nicolas". Man kann beides nicht das Gelbe vom Ei finden - es ist deswegen noch nicht identisch!