Der Gaddafi-Clan

25. Februar 2011 18:16; Akt: 21.03.2011 17:19 Print

Eine schrecklich (un)nette Familie

von Karin Laub, AP - Das skandalträchtige Leben der Familie Gaddafi beschäftigt die US-Diplomatie. Sie spricht von einer «Seifenoper». Das zeigen Enthüllungen von Wikileaks.

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Richtet gerne mit der grossen Kelle an: Saadi Gaddafi. (Bild: Keystone)

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Die Kinder des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi haben in den vergangenen Monaten ein skandalträchtiges Leben geführt, das reichlich Stoff für eine «libysche Seifenoper» bietet. Das ist die Einschätzung von US-Diplomaten, deren geheime Aufzeichnungen jetzt von dem Internet-Enthüllungsportal Wikileaks veröffentlicht wurden. Sie zeichnen das Bild von einem von Luxus und Gewalt geprägten Leben im innersten Führungszirkel des ölreichen Landes.

Die wachsende Wut des libyschen Volkes auf die Herrscherfamilie und ihre Eskapaden mag mit eine Ursache für die Revolte gegen Gaddafi sein, die derzeit das Land erschüttert. «Die Familie ist in letzter Zeit ins Trudeln geraten», heisst es in einer Einschätzung, die vor einem Jahr verfasst wurde.

Das Land als Lehen

Aus den Aufzeichnungen der Diplomaten der US-Botschaft in Tripolis geht hervor, wie Gaddafis Kinder ihre jeweiligen Interessensphären abgesteckt und das Land offenkundig als persönliches Lehensgut betrachtet haben.

Muhammad, Gaddafis Ältester, beherrschte den Bereich Telekommunikation, Mutasim war Nationaler Sicherheitsberater, Hannibal baute sich eine Machtposition im Überseehandel auf, Chamis war Befehlshaber einer Eliteeinheit. Gaddafis Tochter Aischa leitete eine quasi staatliche Organisation, ihr Bruder Saadi beschäftigte sich mit dem Aufbau einer Freihandelszone im Westen Libyens.

Saif der Vorzeige-Sohn

Am bekanntesten im Westen ist Saif al Islam Gaddafi. Er wurde als das dem Westen zugewandte Aushängeschild des Regimes aufgebaut, als Reformer präsentiert. Er leitete verschiedene Jugendorganisationen und wurde als möglicher Nachfolger seines Vaters gehandelt. Mit seinem Fernsehauftritt und der kaum verschleierten Androhung eines Bürgerkriegs zeigte Saif Anfang der Woche seine andere Seite.

Wie fest der Zugriff der Familie auf Libyen war, zeigt ein Bericht aus dem Juli 2008: Danach hat Mutassim den Vorsitzenden des staatlichen Ölkonzerns, Schukri Ghanem, gehörig unter Druck gesetzt, ihm 1,2 Milliarden Dollar an Bargeld und Öllieferungen zu geben. Ghanem sagte damals zu einem Vertrauten, er denke über einen Rücktritt nach, da er sich vor Mutassims Rache fürchte, falls er ihm das Geld nicht gebe.

«Gangster»

Der Vertraute beschreibt Gaddafis Kinder in den veröffentlichten Dokumenten als «Gangster». Niemand könne ihnen «entgegentreten oder widerstehen, ohne Konsequenzen zu erleiden, vor allem wenn es um Geld geht».

Ein anderes Dokument aus dem Jahr 2008 berichtet, dass Hannibals Reederei mit staatlichem Kapital ausgestattet worden sei. Diese «enge Verschmelzung von privatem und öffentlichem Interesse» sei auch deutlich geworden, als Libyen kurzerhand Öllieferungen stoppte, weil Hannibal in Genf wegen des Vorwurfs festgenommen worden war, Diener geschlagen zu haben.

Zwei Jahre später wird in einem Dokument aus Berichten zitiert, wonach Hannibal seine Frau Aline körperlich misshandelt haben soll. 2009 habe die Frau damit gedroht, Hannibal zu verlassen, und sei nach London geflohen, heisst es weiter. Hannibals Mutter Safija und seine Schwester Aschia hätten Aline dann überredet, bei der Polizei anzugeben, sie habe sich bei einem Unfall verletzt, und die Misshandlungen zu verschweigen.

Privatkonzert mit Beyoncé

Saadi wird 2009 als Mann beschrieben, der immer wieder Probleme mit Drogen, Alkohol und exzessiven Partys habe und auch des öfteren mit der Polizei in Europa Bekanntschaft gemacht habe. Es sei daher für das Regime ein wichtiges Ziel, den Kindern Gaddafis eine nützliche Beschäftigung zu verschaffen.

Das Protzen mit ihrem Reichtum begann der Herrscherfamilie aber auch Probleme zu bereiten, wie US-Diplomaten berichten. So habe Mutassim «das Jahr 2010 genau so begonnen, wie er 2009 verbrachte: mit einem Urlaub auf (der Karbikinsel) St. Bart's, bei dem dem Vernehmen nach massenhaft Alkohol geflossen ist und es ein Millionen Dollar teures Privatkonzert mit Beyoncé, Usher und anderen Musikern gab».

Zerwürfnisse unter den Kindern

Die Lagebeurteilungen der Diplomaten weisen auch auf «tiefe Zerwürfnisse» unter Gaddafis Kindern hin. Diese zunehmenden Rivalitäten könnten vor dem Hintergrund von Gerüchten über gesundheitliche Probleme des Machthabers und dem Fehlen einer klaren Nachfolgeregelung «eine wichtige, wenn nicht gar entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, ob die Familie in der Lage sein wird, die Macht festzuhalten, wenn der Urheber der Revolution die politische Bühne verlässt», wie es in einer Depesche aus dem Jahr 2009 heisst.