Ägypten

27. Januar 2011 16:07; Akt: 27.01.2011 18:19 Print

Al-Baradei will die Macht übernehmen

Mohammed al-Baradei greift in die Proteste gegen die Regierung Mubarak ein. Wenn die Strasse es wolle, sei er bereit, die Macht in Ägypten zu übernehmen.

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Mohammed El Baradei gilt als arabischer Oppositioneller, mit dem der Westen leben kann. (Bild: Keystone)

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Der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed al-Baradei hat sich für eine Übergangsregierung angeboten. Der pensionierte Berufsdiplomat rief Präsident Hosni Mubarak am Donnerstag vor dem Hintergrund anhaltender Unruhen offen auf, sich zurückzuziehen.

«Wenn die Menschen, vor allem die jungen Menschen, möchten, dass ich den Übergang anführe, werde ich sie nicht hängen lassen», sagte der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) am Donnerstag am Wiener Flughafen kurz vor seiner Abreise nach Kairo.

Al-Baradei will ein neues Ägypten sehen

Dort wollte Al-Baradei am Freitag an Oppositionsprotesten teilnehmen. «Das Wichtigste für mich ist nun, ein neues Ägypten zu sehen, und zwar eines, das durch einen friedlichen Wechsel erreicht wurde», sagte er.

Mubarak habe dem Land 30 Jahre lang gedient und es sei Zeit für ihn, sich zur Ruhe zu setzen, sagte der 68-jährige Al-Baradei der Nachrichtenagentur Reuters.

Keine Rückkehr mehr

Der 82-jährige Mubarak müsse ankündigen, bei der Wahl im September nicht mehr anzutreten. Eine Rückkehr zum alten System werde es nicht geben, sagte Al-Baradei weiter: «Das Volk hat die Kultur der Angst durchbrochen, und wenn einmal die Kultur der Angst durchbrochen wurde, gibt es kein Zurück mehr.»

Al-Baradei hatte im vergangenen Jahr versucht, sich als führender Gegenspieler zu Mubarak zu etablieren und könnte nun zum Kopf der Oppositionsbewegung werden. Kritiker halten ihm jedoch vor, zu lange im luxuriösen Wien verbracht zu haben, statt sich den Problemen in seiner Heimat zu widmen.

Weiterer Toter

Unterdessen hielt der Druck der Strasse auf die Regierung in Kairo am dritten Tag der Proteste an. In Suez steckte eine Menschenmenge eine Polizeiwache in Brand und legte auch an einem Regierungsgebäude und einem Büro der Mubarak-Partei Feuer. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Tränengas ein.

Ein Demonstrant kam Augenzeugen zufolge bei Zusammenstössen mit Sicherheitskräften in der Ortschaft Scheich Suwajed im Norden der Sinai-Halbinsel ums Leben. Es wäre der siebte Tote bei den Protesten, unter denen auch zwei Polizisten waren.

Seit Beginn der Proteste am Dienstag wurden in ganz Ägypten mindestens 1000 Menschen festgenommen, wie ein Vertreter der Sicherheitskräfte sagte. 46 davon seien wegen «Aufruhr und Sabotage» angeklagt worden.

Von Seiten der Regierung gab es keine Zeichen für ein Einlenken. Regierungssprecher Magdy Rady sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Polizei zeige zwar «eine maximale Zurückhaltung». Allerdings greife sie bei «nicht legitimen Formen der Meinungsäusserung oder der Zerstörung von Eigentum» ein.

Mubaraks Partei dementiert

Mubaraks Nationaldemokratische Partei (NDP) dementierte am Donnerstag Gerüchte, wonach führende NDP-Politiker vor den Protestaktionen der Opposition ins Ausland geflohen sein sollen. NDP- Generalsekretär Safwat al-Scherif sagte, diese Spekulationen entbehrten jeder Grundlage.

Zuvor hatte in Kairo das Gerücht die Runde gemacht, Präsidentensohn Gamal Mubarak habe sich am Vorabend mit Frau, Kind und grossem Gepäck nach London abgesetzt. Mubarak Junior gehört zu den führenden Funktionären der NDP. An einer Pressekonferenz der Partei am Donnerstag nahm er nicht teil.

Al-Scherif, einer der treuesten Weggefährten von Mubarak, betonte, die NDP habe nichts gegen die Protestaktionen der Jugend. Es sei aber versucht worden, die demokratischen Freiheiten zu missbrauchen, um Chaos zu stiften.

Die Unruhen führten zu einem Kurseinbruch an der Kairoer Börse. Sie schloss am Donnerstag mit einem Rekordverlust von über 10 Prozent. Der Handel musst zeitweise ausgesetzt werden.

(sda/ap)