Hosni Mubarak

27. Januar 2011 20:10; Akt: 27.01.2011 20:11 Print

Der wankende Pharao

Seit drei Jahrzehnten herrscht Hosni Mubarak mit harter Hand über Ägypten. Heute ist er alt und krank – und mit den grössten Protesten seit seiner Machtübernahme konfrontiert.

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Demonstranten in Kairo zerreissen unter dem Jubel der Menge ein Plakat von Hosni Mubarak. (Bild: Keystone/Ahmed Youssef)

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In Ägypten kursiert ein Witz: Zine al Abidine Ben Ali, auf seiner Flucht im Flugzeug unterwegs, telefoniert mit Mubarak: «Hallo, Hosni! Hast Du mitbekommen, wie sie mir mitgespielt haben? Kannst Du mich für eine Nacht bei Dir unter unterbringen?» Mubarak antwortet: «Bist Du verrückt geworden? Du hast uns alle in einen fürchterlichen Schlamassel gebracht. Flieg zu König Abdullah nach Saudi-Arabien, grüss ihn und sag ihm, dass ich dieses Jahr möglicherweise die Pilgerfahrt vorziehe.»

Der Thron des Pharaos hat Risse bekommen. Die jahrelang aufgestaute Wut über die verheerende soziale Lage, den wirtschaftlichen Stillstand, die Korruption und die politische Unterdrückung macht sich Luft in Demonstrationen mit zehntausenden Teilnehmern. Sie fordern den Rücktritt des Präsidenten. Dabei werden sie von den Protesten in Tunesien ermutigt, die zum Sturz des seit 23 Jahren regierenden Machthabers Ben Ali führten.

Nachfolger von Sadat

Der 82-Jährige mit den straff zurückgekämmten schwarzen Haaren hält sich mit Ausnahme von Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi länger an der Macht als jeder andere Staatschef in der arabischen Welt. Mubarak kam am 4. Mai 1928 als Spross einer bürgerlichen Familie im Nildelta zur Welt. Karriere machte er in der Luftwaffe als Offizier. Der Jom-Kippur-Krieg 1973 gegen Israel machte ihn zu einem der «Helden» des Landes.

Während einer Militärparade in Kairo im Oktober 1981 erschossen islamistische Soldaten vor Mubaraks Augen seinen Vorgänger im Präsidentenamt, Anwar al Sadat. Der als Sicherheitsfanatiker geltende Mubarak, der selbst sechs Attentatsversuche überlebte, verhängte danach den Ausnahmezustand und hob ihn seitdem nicht mehr auf.

Anlehnung an den Westen

Der Westen hält Mubarak zugute, dass er nach Sadats Ermordung die Politik der Aussöhnung mit Israel trotz diplomatischem Druck der arabischen Nachbarstaaten fortsetzte und Ägypten zu einem «Stabilisierungsfaktor» in der konfliktreichen Region machte. Mubarak suchte die Anlehnung an die USA, deren enger Verbündeter er bis heute geblieben ist. Über die Jahre machte Mubarak sein Land zu einer der führenden Nationen der arabischen Welt.

Auf anderen Gebieten sieht die Bilanz eher düster aus. Bürokratie und Korruption wuchern im Staatsapparat, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Fast jeder zweite der 80 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag. Die wachsende Armut fördert den Extremismus, den Mubarak von Anfang an mit aller Härte zu bekämpfen suchte. Menschen- und Bürgerrechte werden unter dem Ausnahmezustand mit Füssen getreten, willkürliche Polizeigewalt ist an der Tagesordnung.

Wer kandidiert im Herbst?

Ob sich Mubarak bei der Präsidentschaftswahl im Herbst um eine sechste Amtszeit bewerben wird, hat er bislang offen gelassen. Der alte Pharao ist gesundheitlich angeschlagen. Letztes Jahr musste er sich in Deutschland einer Gallenoperation unterziehen, zeitweise kursierten Gerüchte über seinen Tod. In letzter Zeit hinterliess Hosni Mubarak einen gebrechlichen Eindruck. Gerüchte, wonach er seinen Sohn Gamal zu seinem Nachfolger aufbauen wolle, hatten vergangenes Jahr wütende Proteste ausgelöst.

Auch bei den gegenwärtigen Kundgebungen sind nicht nur Parolen gegen den alten, sondern auch den jungen Mubarak zu hören. Seine Amtszeiten liess sich der Präsident bislang vom Volk per Referendum verlängern, doch das war den USA zuletzt zu undemokratisch. Also liess Mubarak, dessen Herrschaftsapparat Staat und Medien fest im Griff hat, bei der Präsidentschaftswahl 2005 Gegenkandidaten zu, um seiner Herrschaft einen demokratischen Anstrich zu verleihen. Das könnte dieses Mal nicht mehr genügen.

(pbl/sda)