Tunesien, Algerien, Marroko

07. Januar 2011 21:00; Akt: 17.01.2011 16:14 Print

Warum die Jungen auf die Strasse gehen

Auf Nordafrikas Strassen entlädt sich derzeit der Zorn der Bevökerung. Die Probleme Tunesiens und Algeriens sind nicht nur wirtschaftlicher Natur.

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In Algier kommt es zu heftigen Strassenschlachten. (Bild: Keystone)

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Tunesien wird seit Wochen von Unruhen erschüttert. Auch im grossen Nachbarland Algerien ist die Situation angespannt. Experten sind sich einig, dass die Gründe für die Proteste in beiden Staaten ähnlich sind und dass auch Marokko erfasst werden könnte.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch im äussersten Norden Afrikas, die Lebenshaltungskosten steigen, die politischen Führungen scheinen sich für die alltäglichen Probleme der Menschen nicht zu interessieren.

Seit sich am 17. Dezember ein 26 Jahre alter Tunesier in seiner Heimatstadt Sidi Bouzid im Zentrum des Landes selbst anzündete, breiten sich die Proteste in Tunesien immer weiter aus.

Der Hochschulabsolvent hatte keine Arbeit und verdiente sich seinen Lebensunterhalt wie viele Altersgenossen als fliegender Händler mit dem Verkauf von Obst und Gemüse, bis seine Waren wegen fehlender Lizenzen konfisziert wurden.

Nach dem Vorfall kam es in weiten Teilen des Landes zu Kundgebungen. Am Montag lieferten sich in der im Westen gelegenen Stadt Thala hunderte Jugendliche Kämpfe mit der Polizei, bei denen auch Tränengas zum Einsatz kam.

Ähnliche Probleme

Vier Personen kamen in Tunesien bislang ums Leben. Mittlerweile griff der Aufruhr auf Algerien über und könnte auch Marroko erfassen. Die Entwicklung kommt für Kenner der Region wenig überraschend.

«Während es in den Ausbildungssystemen der drei Länder grosse Fortschritte gab, wurde vergessen, junge Akademiker in die Gesellschaft und insbesondere in den Arbeitsmarkt zu integrieren», sagt der Ökonom Driss Benali von der Universität «Mohammed V.» in der marokkanischen Hauptstadt Rabat.

Junge Menschen hätten in den Ländern keinerlei berufliche Perspektiven. Dies werde sich ohne einen grundlegenden Umbau der Wirtschaftssysteme auch nicht ändern, fügt sein Kollege Pierre Vermeren von der Hochschule «Paris I» in der französischen Hauptstadt hinzu.

«Zudem hat die Weltwirtschaftskrise die Auswanderung gestoppt», sagt Vermeren. Der Weggang junger Menschen habe die Arbeitsmärkte der Länder in der Vergangenheit stets entlastet, führt er aus.

Nun sei eigentlich die Politik gefordert, die sich jedoch ebenso wie die Wirtschaft «in der Krise» befinde. Da die Präsidenten Algeriens und Tunesiens, Abdelaziz Bouteflika und Zine el Abidine Ben Ali, vor dem Ende ihrer Karrieren stünden, sei die Politik «im Wartestand und perspektivlos», sagt Vermeren.

Tatsächlich reagierte Algerien auf die auflodernden Proteste nur mit der Ankündigung, Grundnahrungsmittel weiterhin zu subventionieren.

Unterschiedliche Systeme

Trotz ähnlicher Probleme sind die politischen Systeme der drei Länder jedoch sehr unterschiedlich. Vor allem Tunesien wird immer wieder wegen mangelnder Meinungsfreiheit gerügt. «In Tunesien demonstrieren die Menschen auch, um nicht zu ersticken», sagt der Wissenschaftler Antoine Basbous von der Pariser Organisation OPA zur Beobachtung der arabischen Welt.

Die neuerlichen Proteste hätten nicht nur soziale Ursachen, sondern wendeten sich auch gegen die Regierung von Ben Ali, der das Land mit eiserner Hand führe und auch nicht um seine Macht fürchte.

In Marokko sei die Situation politisch entspannter, weil es eine organisierte Opposition gebe, sagt Karim Pakzad vom Institut für internationale Beziehungen IRIS in Paris. Gleiches gelte für Algerien, wo die Regierungspartei FLN für die «nationale Befreiung» stehe und die Oppositionsparteien «Stellung beziehen» dürften.

Mit Blick auf die weitere Entwicklung der Proteste weist Vermeren indes auf die flächendeckende Verbreitung elektronischer Medien in den Ländern hin. «Die Menschen sind den ganzen Tag im Internet, und die Algerier sehen sofort, was in Tunesien passiert», warnt er.

(aeg/sda)