Gestrandet in Zürich

17. April 2010 08:07; Akt: 18.04.2010 14:34 Print

«Wann sieht man sonst so viele Flieger»

Tausende sind gestrandet, Hunderte mussten auf Notbetten schlafen und dennoch gibt es positive Ansätze für das Flug-Chaos: Fliegerfans kommen nie näher an ihre Lieblinge.

(Video: Debby Galka)
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Es ist gespenstisch ruhig am Flughafen Zürich: «Wenn die Flieger nicht wären, würde nichts an einen Flughafen erinner», bringt ein Vater die Stimmung auf dem Flughafen Zürich auf den Punkt. Er ist mit seinem Sohne von Niederglatt angereist. «Mein Sohn ist ein grosser Flieger-Fan, nun hat er die Chance all diese Flieger zu sehen - fantastisch.» Auch wenn es nicht dasselbe ist, wie der Kleine sagt: «Sie starten nicht, sie lärmen nicht - sie rollen nicht einmal.» Trotzdem merkt man die Begeisterung an: Dutzende Flieger stehen auf den Stellplätzen, ein Bild fast wie beim Grounding. Die Flieger-Fans sind aber die einzigen, die dem Flug-Chaos in Europa etwas positives abgewinnen können. Alle anderen wollen nach Hause - irgendwie.

«Wir haben nicht einmal mehr die Kraft, die Stadt zu besichtigen», sagt eine sichtlich übermüdete Engländerin zu 20 Minuten Online. Seit zwei Tagen ist sie bereits in Zürich, weil ihr Flug nach Manchester gestrichen wurde. Nun hat sie die Hoffnung aufgegeben, dass sie doch noch mit dem Flieger nach Hause kommt: Sie steht am Flughafen vor dem Reisebüro der SBB. Wie so viele. Die Warteschlange ist bereits gegen 30 Meter lang. Viele Reisende sind müde und versuchen, irgendwie weiter zu kommen. «Ich will einfach nur nach Hause», sagt ein anderer Passagier. Er ist mit seiner gesamten Familie gestrandet: Frau und drei Kinder. Nun haben sie aber Hoffnung: Sie haben ein Ticket für den Zug erwischt. Die Zeit bis zum Abflug überbrücken die Kinder mit ihren gebastelten Fliegern, und Platz haben sie dafür genügend.

Ausser den Gestrandeten ist der Flughafen jedoch ziemlich leer. «So kenne ich den Flughafen gar nicht», sagt der Mitarbeiter einer Cafeteria. Er habe noch keinen einzigen Gast gehab. Das Schicksal vieler Shops und Läden an diesem Tag: «Normalerweise brummt das Geschäft um diese Zeit, jetzt herrscht gähnende Langeweile.» Selbst die Kioske verzeichnen keinen Ansturm: Die gestrandeten Passagiere mögen nicht Zeitschriften lesen oder sich in der Zeitung informieren - sie wollen nur nach Hause.

Schlafsäcke und Notvisa

Einige der Gestrandeten wie die Engländerin hatten Glück im Unglück: Sie konnten sich eines der letzten Hotelzimmer ergattern. Gegen 300 Passagiere mussten die Nacht jedoch auf dem Flughafen Zürich verbringen, wie Sprecher Marc Rauch zu 20 Minuten Online sagt. Der Zivilschutz wurde aufgeboten und rückte gestern Abend aus. Es wurden Decken, Schlafsätze, Toilettenartikel sowie Getränke und Essen bereitgestellt.

Das Personal des Flughafens Zürich habe zudem «ZürichCards» verteilt, sagte Rauch. Flugpassagiere können damit gratis die öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt Zürich benützen, Museen oder den Zoo besuchen.

Damit Passagiere, die nicht aus dem Schengen-Raum stammen, das Flughafengebäude verlassen konnten, stellte die Kantonspolizei Zürich ausserordentliche Visa aus. Laut Polizeisprecher Stefan Oberlin hatte das Bundesamt für Migration die Genehmigung dazu erteilt. Insgesamt seien rund 60 solche Visa augestellt worden.

Bis Samstagmorgen mussten wegen des Vulkanausbruchs in Island rund 488 Flüge von und nach Zürich gestrichen werden. Wie lange der Luftraum gesperrt bleibt, ist noch unklar. Sicher ist: vor heute Abend um 20:00 Uhr geschieht nichts. Bis dann haben sich bestimmt auch die Flieger-Fans satt gesehen.

(meg/amc/dga/sda)