23. Oktober 2007 18:26; Akt: 23.10.2007 21:40 Print

Darum hat die SVP gewonnen

Die SVP hat in ihrer Kampagne alles richtig gemacht und deshalb an Sitzen gewonnen, sagen Experten. Sie sprach ihre Wählerschaft mit einer klaren Botschaft an - und hatte keine Angst, den Rest der Bevölkerung vor den Kopf zu stossen.

Bildstrecke im Grossformat »
Ganz dem Xenophobie-Barometer entsprechend müssen nun nicht mehr Kosovaren und Türken, sondern auch ein fiktiver deutscher Kinderschänder namens Detlev S. herhalten. Im Herbst 2010 startet die SVP in gewohnter Manier den Abstimmungskampf für ihre Ausschaffungsinitiative. Die islamfeindliche Minarett-Initiative vom Herbst 2009. Die Nein-Kampagne zur Personenfreizügigkeit illustriert die SVP mit diebischen Raben. Sie will sich «mit allen Kräften» gegen die Ausdehnung auf Rumänien und Bulgarien wehren. Gegen die beiden Vorlagen zur erleichterten Einbürgerung machte die SVP 2004 mit Händen, die gierig nach Schweizer Pässen greifen, Stimmung. Bereits ein Klassiker: Die Plakate zur Ausscha(f)fungsinitiative. Nachahmer in Spanien: Die rechtsradikale Gruppe «Democracia Nacional» übernimmt die Schäfli-Kampagne. Billige Kopie: Im deutschen Bundesland Hessen hat die Rechtsaussen-Partei NPD das Schäfchen-Plakat kopiert. Die Schafe sind allerdings keine Schöpfung der SVP-Werber. Die umtriebigen Leute der Dübendorfer Werbeagentur Goal haben die Vorlage von einem englischen Grafiker, der nichts von der Polit-Verstümmelung seines Werkes wusste. Mit Schafmetzger überklebtes SVP-Plakat. Eines der vielen Gegenplakate mit noch mehr schweigenden Lämmern im Hintergrund. Zum gleichen Thema ein Comic. Im SVP-Online-Spiel darf Zottel die Grünen prügeln, Richter treten und Ausländer wegbugsieren. Aus der Küche des Unterwalliser SVP-Nationalrats Oskar Freysinger stammt dieses Plakat: «Benutzt Eure Köpfe». Gläubige Moslems fühlten sich zutiefst verletzt. Die junge SVP Baselland hat mit dem Video, das einen echten Mord (in den USA) zeigt, weit übers Ziel hinausgeschossen. Das vieldiskutierte «Neger-Inserat». Andrew Katumba von Second@s plus ist nicht um eine Replik verlegen. Flyer der Jungen SVP Bern 2006 Die Gleichsetzung des politischen Gegners mit Ungeziefer erregte grosse Empörung. Der SVP wurde vorgeworfen, ... ... sie bediene sich der Bildsprache der Nazi-Propaganda. Ein weiterer Klassiker: Das Messerstecher-Plakat.

Fehler gesehen?

«Die SVP führte den teuersten, emotionalsten und handwerklich besten Wahlkampf, der je in der Schweiz geführt wurde», findet der Zürcher Politikberater Louis Perron.

Die Wähler hätten genau gewusst, für was die Partei stehe. Ebenfalls zum Kampagnen-Erfolg beigetragen hätten das grosse Budget, das starke Engagement und das guten Krisenmanagement in der so genannten Roschacher-Affäre.

Kapiert hats nur die SVP

«Zurzeit hat nur die SVP die Spielregeln begriffen», gibt sich der Waadtländer Kommunikationsberater Marc Comina überzeugt. Entscheidend sei im Schweizer System, ein Maximum der Wählerschaft zu erreichen, nicht eine Mehrheit.

Nur ein Drittel der Wählerinnen und Wähler entschieden sich für die SVP, der Rest lehne ihre Politik klar ab. Mit ihren Stimmen habe die Partei aber bereits einen grossen Einfluss. «Aus diesem Grund kann die Partei auch Schlagwörter einsetzen», sagt Comina.

Für Perron gilt dies in erster Linie für die Schlussphase eines Wahlkampfs. Kurz vor dem Urnengang gehe es nicht darum, Wählende zu überzeugen. Vielmehr sollten die eigenen Leute mobilisiert werden, ihre Stimmzettel abzugeben.

Dafür brauche es eine emotionalisierte und personalisierte Botschaft. «Man darf nicht Angst davor haben, Leute aufzuregen.» Dies sei der SVP in den letzten Wochen gelungen.

Erfolgreich eingesetzt habe die SVP auch die Person von Bundesrat Christoph Blocher, sagt Perron. Zwar gehe es bei einem Wahlkampf immer um Themen. Sie würden jedoch über Köpfe wahrgenommen. Blocher sei von den Wählenden mit den SVP-Anliegen verknüpft worden.

Die Personalisierung werde künftig ein fixer Bestandteil von Schweizer Wahlkämpfen, sagt Comina voraus. «An die Personalisierung der Schweizer Politik wird man sich gewöhnen müssen.» Wie überall auf der Welt delegierten die Schweizer ihre Themen verstärkt an Politiker, denen sie vertrauten.

«Grüne leben vom Wetterbericht»

Den anderen Parteien erteilen die Experten schlechte Noten für ihre Kampagnen. Bei der SP erkennt Perron anders als bei der SVP keine klare Botschaft. Der zweite Grund für die SP-Schlappe sieht er im kleinen Budget der Genossen.

Die FDP-Sitzverluste erklärt sich Comina mit der «intellektuellen» Kampagne der Freisinnigen. Ihr Scheitern sei aufgrund des mangelhaften politischen Marketings programmiert gewesen.

Für Perron haben nicht einmal die Grünen, welche nach der SVP am meisten Sitze gewannen, sich gut geschlagen. Die Partei profitiere von den Sorgen der Bevölkerung um das Klima und habe schlechter abgeschnitten als prognostiziert. «Die Grünen leben vom Wetterbericht.»

Nach Ansicht der beiden Experten hat der SVP-Erfolg System. «Seit 15 Jahren sind die Schweizer Wahlkämpfe wegen der SVP umkämpfter», sagt Perron. Die SVP politisiere seit Anfang der neunziger Jahre mit einer klar definierten Linie, pflichtet ihm sein Lausanner Berufskollege bei.

(sda)