Fall Maddie

14. Dezember 2010 15:43; Akt: 14.12.2010 15:52 Print

Die McCanns waren den Briten «verdächtig»

Aus den von Wikileaks veröffentlichten US-Depeschen geht hervor: Auch die Briten hielten es für möglich, dass die Eltern schuld am Verschwinden von Madeleine McCann waren.

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In den Wikileaks-Depeschen geht es unter anderem um persönliche Einschätzungen der Diplo­maten zu Politikern ihres Gastlands, vertrauliche Absprachen und geheime Informationen. US-Diplomaten beschrieben Berlusconi als «inkompetent, aufgeblasen und ineffektiv». In einem weiteren Dokument sei der italienische Regierungschef als «physisch und politisch schwach» dargestellt worden. Seine «Vorliebe für Partys» halte Berlusconi davon ab, genügend Erholung zu bekommen. Russlands Premierminister Wladimir Putin wurde als «Alpha-Rüde» bezeichnet, als dessen «Sprachrohr» in Europa zunehmend Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi erscheine. Russlands Präsident Dmitri Medwedew sei dagegen «blass» und «zögerlich». Viel wissen die USA über der nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il nicht - ausser dass er ein starker Trinker und Raucher ist. Im allgemeinen beschreibt die US-Diplomatenpost Nordkorea als «schwarzes Loch Asiens». Den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy bezeichnen die US-Diplomaten als «Kaiser ohne Kleider». Sarkozys Berater Jean-David Levitte soll laut den vertraulichen Depeschen den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez als «verrückt» bezeichnet haben. Am 16. September 2009 habe der Franzose dem US-Vizeaussenminister Philip Gordon verraten, dass sogar Brasilien Chavez «nicht mehr unterstützen» könne. Der Venezolaner verwandle eines der reichsten Länder Lateinamerikas in ein zweites Simbabwe. Die USA hätten zudem versucht, andere südamerikanische Länder auf ihre Seite zu ziehen, um «Chavez auszugrenzen». Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner weckte grosses Misstrauen in Washington. Das Aussenministerium habe sogar Informationen über «ihre psychische Verfassung» beschaffen wollen. Über den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi heisse es da, er reise praktisch nicht mehr ohne die Begleitung einer vollbusigen ukrainischen Krankenschwester. Während Angela Merkel in den Berichten als «Teflon-Merkel» beschrieben wird, die nie verbindlich sei, «das Risiko meidet und selten kreativ ist», ... ... bekommt vor allem Aussenminister Guido Westerwelle sein Fett weg: Er wird von den Amerikanern als inkompetent, eitel und amerikakritisch beurteilt. Und CSU-Chef Horst Seehofer wird als «unberechenbar» charakterisiert. Die Amerikaner halten ihn für «aussenpolitisch weitgehend ahnungslos - mit begrenztem Horizont». Der afghanische Präsident Hamid Karsai wird als «schwache Persönlichkeit» beschrieben, der von «Paranoia» und «Verschwörungsvorstellungen» getrieben werde. Die geheimen Depeschen der US-Botschaft in Ankara beschrieben islamistische Tendenzen in der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Ausserdem verstünden Erdogans Berater sowie sein Aussenminister Ahmet Davutoglu wenig von der Politik ausserhalb Ankaras. Davutoglu würde zudem islamistischen Einfluss auf Erdogan ausüben: «Er ist besonders gefährlich.» Ein Schlaglicht wird in den Dokumenten auch auf schwierige politische Prozesse, etwa im Iran geworfen. So hätten Israel genauso wie arabische Verbündete die USA zu einem Militärschlag gegen Teheran gedrängt. Der saudische König Abdullah habe verlangt, «der Schlange den Kopf abzuschlagen». Über Jordanien heisst es demnach in einer Depesche vom 3. Februar 2010: «Während die jordanische Regierung die US-Regierung ohne Zweifel dabei unterstützt, den Druck auf Iran zu vergrössern, werden sie wahrscheinlich eine öffentliche Rolle bei diesem Thema vermeiden.» US-Aussenministerin Hillary Clinton forderte im Juli 2009 die Diplomaten auf, in ihrem Auftrag die Diplomaten anderer Länder bei den Vereinten Nationen auszuspähen. Zu sammeln seien persönliche Kreditkarteninformationen, Vielflieger-Kundennummern, E-Mail- und Telefonverzeichnisse, aber auch «biometrische Daten» und «Passwörter für Verschlüsselungen».

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Als bekannt wurde, dass portugiesische Polizisten die Eltern der kleinen Maddie verdächtigten, etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun zu haben, sorgte das vielerorts für Kopfschütteln - besonders in Grossbritannien. Doch nun zeigen US-Depeschen, die am 28. November von Wikileaks veröffentlicht wurden, dass auch britische Ermittler halfen, Beweismittel gegen den McCanns zu finden.

Wie aus einem Bericht der britischen Zeitung «The Guardian» hervorgeht, hat der US-Botschafter in Portugal, Alfred Hoffman, seinen britischen Amtskollegen Alexander W. Ellis im September 2007 getroffen. Das Treffen fand zwei Wochen nachdem die McCanns von der portugiesischen Polizei offiziell zu «arguidos» (Verdächtigen) erklärt worden waren statt.

Information diskret behandeln

Von diesem Treffen rapportierte Hoffman im September 2007 in einem als «geheim» markierten Dokument nach Washington: «Ohne in Details einzugehen hat Ellis bestätigt, dass die britische Polizei das vorliegende Beweismaterial gegen die McCanns hervorgebracht habe. Er betont, dass die Ermittler beider Länder [Grossbritannien und Portugal] koordiniert zusammenarbeiten.»

Der Inhalt dieser Depesche widerspricht der allgemeinen Annahme, dass es nur die Portugiesen waren, die die McCanns im Verdacht hatten. In einer weiteren Nachricht berichtet Hoffman seinen Vorgesetzten in den USA über die hohe mediale Brisanz des Falles. Der britische Botschafter Ellis, so Hoffman weiter, habe mit dem Medientheater gerechnet. Das sei aber kein Problem, solange die Behörden der beteiligten Regierungen ihre Kommentare geheim hielten.

Die McCanns haben den Status als «arguidos» offiziell erst am 21. Juli 2008 verloren.

(kle)