Science-Fiction-Fan

21. Dezember 2010 18:27; Akt: 22.12.2010 10:21 Print

Julian Assange überlässt nichts dem Zufall

von Karin Leuthold - Der Wikileaks-Gründer wählte vor vier Jahren auf einer Dating-Plattform einen Decknamen, der es in sich hat. Damals ahnte aber niemand etwas davon.

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Auf der Webseite OkCupid.com ging Julian Assange im Jahr 2006 auf Partnersuche. Erst ein Jahr später gründete er Wikileaks. Unter dem Decknamen Harry Harrison präsentierte sich der damals 36-Jährige als ein «ungewöhnlicher Typ, leidenschaftlich, manchmal etwas eigensinnig», der eine «Sirene sucht, für eine Liebesaffäre, Kinder und der einen oder anderen kriminellen Verschwörung.» Die Dame seines Herzens solle, wenn möglich, aus einem politisch turbulenten Land kommen. Die westliche Kultur schaffe nur «dümmliche Frauen ohne Werte». Sich selber beschreibt er als «gross mit nordischer Erscheinung», der oft «mysteriöse braune Papierbündel» mit sich herumtrage. Dass er manchmal «merkwürdig» sein konnte, beweist ein E-Mail-Verkehr, den eine gewisse Elizabeth dem Portal «Gawker» nach Veröffentlichung der ersten Meldung zur Verfügung stellte. Elizabeth soll Assange eines Abends im April 2004 kennen gelernt haben. In einer Bar in Melbourne sei die damals 19-Jährige auf den Mann zugegangen, «weil er mit seinen weissen Haaren anders aussah als die anderen.» Er habe sehr ruhig auf sie gewirkt, fast etwas «nerdy». «Ich fand ihn besonders sexy», erzählt sie. Trotzdem habe sie mit ihm geredet, bis die Bar schloss. Der damals 33-Jährige habe sich angeboten, die junge Frau nach Hause zu begleiten. Auf dem Weg habe er sie geküsst. Beim Abschied hätten sie Mailadressen ausgetauscht. Zu ihrer grossen Überraschung, rief Assange bei ihr an. Die junge Frau hatte ihm aber nie ihre Telefonnummer gegeben. Über ihre Abwendung sei der Australier dann gar nicht erfreut gewesen. In der darauffolgende Woche schrieb er ihr sieben Mails, in denen er mal fordernd, mal frech seine Enttäuschung bekundete. Dass er heute wegen sexueller Nötigung in Schweden vor Gericht gezogen wird, wundert sie wenig. «Offenbar hat sich sein Verhalten in den letzten sechs Jahren kaum verbessert.» Sie betont, sich nie von Assange bedroht gefühlt zu haben. «Er ist kein böser Mensch, einfach ein kleiner Mistkerl.» Heute, sechs Jahre später, sieht alles ganz anders aus: Seine weiblichen Fans warten in der klirrende Kälte mit Plakaten mit der Aufschrift «Ich will Babys mit dir». Dafür hat der gute Julian seiner Herzensdame eine Luxusvilla zu bieten: Seitdem er am 16. Dezember 2010 aus der Haft entlassen wurde ... ... wohnt er bei Vaughn Smith, dem Gründer des Frontline Club, eine Plattform für Enthüllungsjournalismus. Ellingham Hall ist ein ein Landhaus aus dem 18. Jahrhundert mit zehn Schlafzimmern, 250 Hektar Land und freilaufende Fasane. Die Familie Smith ist seit 225 Jahren im Besitz von Ellingham Hall, auf dem der Journalist nun auch einen Biobauernhof betreibt. Vor dem riesigen Anwesen gab Julian Assange am 17. Dezember 2010 sein erstes Interview unter Arrest: Er forderte dabei die US-Bürger zur Unterstützung gegen «Institutionen» auf. «Wir sind auf eine Enthauptungsaktion vorbereitet. Wikileaks sind nicht nur mein Rucksack und ich», so der 39-jährige Australier.

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Der 39-jährige Julian Assange suchte vor der Gründung von Wikileaks auf der Website «OkCupid.com» eine Partnerin fürs Leben. Unter dem Pseudonym «Harry Harrison» stellte er sich als «grosser Mann mit nordischer Erscheinung» vor. Unter der Rubrik «Aktivitäten» liess er damals bereits durchsickern, was ihn beschäftigt: «Ich leite ein zeitaufwendiges und gefährliches Menschenrechtsprojekt. Ich habe mit Auslandsjournalismus, Geheimdiensten, Politik und Wirtschaftkriminalität zu tun.»

Dabei ist der unscheinbare Deckname «Harry Harrison» offenbar nicht zufällig gewählt - ist 20-Minuten-Online-Leserreporter «Shea» überzeugt. Denn Harry Harrison sei ein US-Schriftsteller, der vor allem für seine Science-Fiction-Romane bekannt wurde. In fast allen Büchern thematisiere Harrison politische und gesellschaftliche Probleme. Tatsächlich sind die Hauptdarsteller meistens Helden wider Willen, die aus der Situation heraus in diese Rolle gerutscht sind.

Assange ist wie die «Stahlratte»

Autor Harrisons bekannteste Serie besteht aus einem zehnbändigen Zyklus um die gesellschaftskritische Figur der «Stahlratte» James Bolivar diGriz. Die «Stahlratte» sei in Harrisons Literatur «ein berühmter Dieb, der von allen gejagt, aber niemals erwischt wird - es sei denn, es passt gerade zu seinen Plänen», erklärt Leserreporter Shea.

Im ersten Buch von Harrisons Serie stellt sich der unfreiwillige Held wie folgt vor: «Schon sehr früh im Leben (...) beschäftigte ich mich ernsthaft mit der Möglichkeit, die Verbrecherlaufbahn einzuschlagen. Dies hatte viele Gründe - nicht zuletzt hatte ich Spass daran, ein Verbrecher zu sein.» In den nächsten neun Bänden beschäftigt sich diGriz mit waffenlosem Kampf, Computertechnik und diversen Methoden zur Anfertigung von Fälschungen. Dabei gerät die «Stahlratte» immer wieder in politische Konflikte, die sie löst, indem sie teilweise brisante Geheiminformationen stiehlt und veröffentlicht. Die Parallelen zu Julian Assange sind heute – vier Jahre, nachdem er als Harry Harrison eine Partnerin gesucht hatte – klar und deutlich. Und ganz sicher kein Zufall.