09. August 2007 13:08; Akt: 09.08.2007 17:02 Print

«Jetzt wird der Fall Rebecca wieder aktuell»

Vor 25 Jahren wurde die damals achtjährige Rebecca aus Gettnau LU im Kanton Bern ermordet aufgefunden. Polizeiermittler Josef Emmenegger ist seit jenem Tag hinter dem Täter her. «Jetzt kann ich den Fall vielleicht doch noch z'Bode bringe», sagt er im Gespräch mit 20minuten.ch. Seine Hoffnung hat einen Namen: Urs Hans Von Aesch.

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Kasimir-Pfeiffer-Strasse, Luzern, 5. Stock. Als Josef Emmenegger am Morgen des 1. August 2007 in sein Büro kommt, und den Stapel mit den neuesten Polizeimeldungen durchgeht, sticht ihm ein Papier ganz besonders ins Auge. Es ist eine Meldung seiner Kollegen aus St. Gallen. «Vermisst wird die fünfjährige Ylenia», liest er da. Emmenegger legt die Meldung beiseite, sein Blick verliert sich im Raum, ein Gedanke schiesst ihm durch den Kopf: «Jetzt kann ich die Sache vielleicht doch noch z’Bode bringe.» Seit 25 Jahren wartet er darauf. Jetzt gibt es endlich wieder eine heisse Spur.

«Ich habe mich recht verbissen»

Rückblende: Im Frühling 1982 verschwindet im luzernischen Gettnau die achtjährige Rebecca Bieri spurlos. Josef Emmenegger ist gerade seit vier Jahren bei der Kantonspolizei Luzern im Dienst. Die Suche nach dem kleinen Mädchen wird sein grösster Fall. Polizist Emmenegger wird zur rechten Hand seines damaligen Chefs. Er kennt die Gegend um Gettnau wie seine Hosentasche und lernt bald auch die Eltern der verschwundenen Rebecca kennen. Rund ein halbes Jahr später, am 15. August 1982, wird das vermisste Mädchen im Kanton Bern tot aufgefunden. Der Fall lässt Emmenegger nicht mehr los. Bis heute nicht. «Ich habe mich recht verbissen», sagt er. Vor ihm liegen drei Aktenordner. «Soko Rebecca», steht darauf geschrieben. «Ich habe sie nie ad acta gelegt». Jetzt hat er sie wieder griffbereit.

Die dunklen Achtzigerjahre

Der «Fall Rebecca» löste damals nicht nur bei der Kantonspolizei Luzern eine einmalige Fahndungsaktion aus. Eine interkantonale kriminalpolizeiliche Arbeitsgruppe wird ins Leben gerufen. Ihr Name: «Soko Rebecca». Einer der Männer der ersten Stunde: Josef Emmenegger. Der «Fall Rebecca» ist der Beginn, den Emmenegger als die «dunklen Achtzigerjahre» bezeichnet. Zwischen 1980 und 1989 wurden in acht Kantonen elf Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren entführt. Während sieben ermordet aufgefunden wurden, gelten vier bis heute als vermisst. Die Handschrift der Verbrechen wies auf einen psychisch abnormen Täter mit sadistischen Zügen hin. Als am 26. August 1989 in Hägendorf SO die neunjährige Fabienne Imhof ermordet wurde, meldete sich bei der Kantonspolizei Solothurn ein Mann. Er sagte, er habe nichts mit dem Mord an Fabienne zu tun. Eine Stunde später wird er in seiner Wohnung verhaftet. Sein Name: Werner Ferrari.

Emmenegger verhört Werner Ferrari

Ferrari gesteht in der Untersuchungshaft insgesamt vier Morde. Neben jenem an Fabienne Imhof gab er zu, 1983 den zehnjährigen Benjamin Egli aus Kloten, 1985 den siebenjährigen Daniel Suter aus Rümlang sowie 1987 den zehnjährigen Christian Widmer aus Windisch entführt und umgebracht zu haben.

1990 sitzt Werner Ferrari Josef Emmenegger gegenüber. Der vierfache Mörder war während sechs Wochen zum Verhör in Luzern und Emmenegger einer der beiden Ermittler, die Ferrari in Sachen Rebecca verhörten. «Ferrari hatte zwar für den Mord an Rebecca kein Alibi. Aber er bestritt auch immer, etwas mit dem Fall zu tun zu haben», sagt Emmenegger. Für den inzwischen zum Chef Abteilung Leib und Leben aufgestiegenen Polizisten war klar: «Es muss einen zweiten Täter geben. Ferrari hatte es ja vorzugsweise auf Knaben abgesehen. Doch: Nachdem Ferrari verhaftet war, hörte es auf.»

«Dann kam jeweils der Dämpfer»

Die Serie von vermissten und/oder ermordeten Kindern riss ab. Die «dunklen Achtzigerjahre» waren vorbei. Nach einer heissen Spur suchte Emmenegger danach vergebens, obwohl er in all den Jahren 1090 Autos überprüfte und 650 Personen befragte. «Wir hatten oft die Hoffnung: Jetzt sind wir auf der richtigen Spur. Doch dann kam jeweils der Dämpfer», sagt Emmenegger. Die Taten blieben ungeklärt.

«Dieser Zusammenhang ist bei allen im Hinterkopf»

Dann kam der 1. August 2007, und seither flattern immer mehr Details zum «Fall Ylenia» auf das Pult von Josef Emmenegger. «Als schliesslich die Kleider gefunden wurden, war für mich klar: Jetzt wird der Fall Rebecca wieder aktuell.» Aktueller denn je. Hat Urs Hans Von Aesch, der Entführer von Ylenia, auch mit dem Tod von Rebecca zu tun? «Dieser Zusammenhang ist momentan natürlich bei allen im Hinterkopf», gibt sich Josef Emmenegger polizeidiplomatisch korrekt. Seine Hoffnungen ruhen momentan vor allem darauf, neue Details über Von Aeschs Lebenslauf und Aufenthaltsort im Jahr 1982 zu erfahren. Dies herauszufinden liegt nun in den Händen seiner St. Galler Kollegen. Auf grosse Spekulationen will sich Emmenegger nicht einlassen. Die Kantonspolizei Luzern habe aber noch einige Spuren, die mit neuen Fakten zur Klärung des Mordes an Rebecca führen könnten. Kommunizieren wird sie die Hinweise nicht, bis der Fall geklärt ist.

Noch zehn Monate Zeit

Emmeneggers Hoffnung aber lebt. Und sie wird genährt mit der brisanten Auffälligkeit, die ihn im «Fall Ferrari» immer zweifeln liess. «1989 wurde Ferrari verhaftet und es hörte auf. Fast zur gleichen Zeit wanderte aber auch Urs Hans Von Aesch nach Spanien aus –» Wer Emmenegger in diesen Minuten zuhört, glaubt mehr als die pure Hoffnung zu spüren. Der «Fall Ylenia» und Urs Hans Von Aesch ist seine heisse Spur, die ihn vielleicht doch noch zur Lösung seines grössten Falles bringen.

Emmenegger sagt: «Wenn ich den Fall z’Bode bringe, wär das das schönste Geschenk zu meiner Pensionierung.» Er hat noch zehn Monate Zeit.


Marius Egger