Südkorea

20. Februar 2018 10:52; Akt: 20.02.2018 11:34 Print

Im Land der Mundschutzmasken

von Marcel Allemann, Gangneung - Für uns Schweizer ungewohnt, für den Koreaner Alltag: Die Leute schützen sich und andere im Olympia-Land mit einer Mundschutzmaske.

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Setzt man seinen Fuss auf koreanischen Boden, fällt dem ausländischen Neuankömmling sofort etwas auf: Viele Leute hier haben kein Gesicht. Das heisst: Sie haben eigentlich schon eines, doch es ist oftmals kaum sichtbar, weil es verdeckt ist. Abgedeckt durch einen Mundschutz, der gerne vom oberen Hals bis fast zu den Augen reicht. Weshalb tragen so viele Leute in Südkorea, aber auch in anderen asiatischen Ländern wie Japan, China oder Thailand einen Mundschutz?

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Es begann mit der Schweinegrippe ...

Der Hintergrund geht ins Jahr 2009 zurück. Als die Schweinegrippe grossflächig im asiatischen Raum Einzug hielt, wurde der Mundschutz zum Objekt, mit dem sich die Leute vor einer Ansteckung schützten. Doch die Schweinegrippe ging vorbei und der Mundschutz blieb. Dies einerseits, weil die Asiaten sehr höfliche und rücksichtsvolle Menschen sind. Sind sie erkältet oder grippig, können sie so ihre Umgebung vor einer möglichen Ansteckung schützen. Oder auch sich selbst, leben wir doch auf einem Planeten, auf dem sich permanent Viren tummeln. Gerade in den grossen asiatischen Städten wie Tokio, Peking, Bangkok oder eben Seoul sind die Menschenansammlungen auf den Strassen und im öffentlichen Verkehr riesig, jedem Einzelnen bleibt wenig Platz, man kommt sich ungewollt näher und damit auch allfälligen Viren.

Dies ist aber längst nicht der einzige Grund für die Mundschutzmasken-Überflutung im asiatischen Raum. Ein weiterer ist, seine Atemwege primär in den Grossstädten vor dem Smog zu schützen, denn dieser stellt ein riesiges Problem dar. Auch als Vorbeugung gegen Heuschnupfen kommt der Mundschutz oft zum Einsatz. Und in Regionen mit kalten Wintern wie der Olympia-Region um Pyeongchang schützt er die Nase und den Mund auch vor der Kälte und eiskalten Winden.

... und wurde zum Trend

Die Asiaten sind also sehr fortschrittliche Menschen, die sich permanent mit der Gesundheitsthematik auseinandersetzen. Doch es liegt nicht nur daran. Viele haben sich inzwischen so sehr an ihre Mundschutzmaske gewöhnt, dass sie diese nicht mehr missen möchten, selbst wenn gar kein direkter gesundheitsbezogener Anlass dafür besteht. Der Mundschutz ist also auch ein gesellschaftliches Phänomen, das sich zu einem Trend entwickelt hat.

So haben Frauen in Interviews angegeben, dass sie einerseits durch die Mundschutzmaske nicht verpflichtet seien, sich täglich zu schminken und andererseits auch nicht den permanenten Blicken des anderen Geschlechts ausgesetzt seien, denn im Gegensatz zu Europa fällt man ja in Asien durch den Mundschutz nicht auf. Ein weiterer Teilnehmer einer Befragung hat auch erklärt, dass er durch den Mundschutz seine Gefühlsregungen verbergen könne, denn diese behalten in Asien viele gern für sich.

Längst hat aber auch die Modeindustrie den Mundschutz als interessantes Verkaufsobjekt entdeckt. Es ist ja nicht so, dass es hier bloss das klassische, aus Spitälern bekannte weisse Wegwerfmodell aus doppellagigem Papier gibt, sondern in verschiedensten Farben und aus den verschiedensten Materialien. Schwarze Mundschütze aus Papier oder Vliesstoff, blaue oder weisse aus Baumwolle, die sich anfühlen wie geschmeidige Unterwäsche, oder auch andere Stoffe. Es gibt modisch relevante Stücke, die sich auch für den Catwalk eignen würden. Diese werden in Korea speziell von Stars aus der K-Pop-Branche abseits der Bühne getragen, was natürlich auch die Jugendlichen animiert, selbiges zu tun.

Wettbewerbsvorteil für die Mundschutz-Athleten?

Im Medienvillage von Gangneung, wo die Journalisten während der Olympischen Spiele untergebracht sind, sieht man die Mundschutzmasken weniger oft als ausserhalb. Es wirkt ein wenig so, als würden die einheimischen Helfer angehalten, nach Möglichkeit darauf zu verzichten, um die ausländischen Besucher nicht zu erschrecken. Seit jedoch das Norovirus in der Olympia-Region Einzug gehalten hat und so einige Journalisten verschnupft und hustend durch die Gegend marschieren, sieht man sie nun wieder vermehrt. Schliesslich geht Prävention vor.

Es stellt sich daher auch die Frage, ob sich die asiatischen Sportler an den Spielen gar einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, wenn sie im Gegensatz zum Rest der Welt Mundschutzmasken tragen und sich so besser vor möglichen Ansteckungen schützen. Der Schweizer Delegationschef Ralph Stöckli gesteht: «Das ist einerseits wirklich sehr gewöhnungsbedürftig, aber andererseits ist es eine sehr gute Massnahme, um sich vor Infektionen zu schützen und sie nicht weiterzugeben.»

Er verrät auch: «Wir von Swiss Olympic haben Mundschutzmasken ebenfalls an die Athleten weitergegeben, aber ich denke nicht, dass diese sehr oft getragen werden, da wir das einfach nicht gewohnt sind.» Vielleicht sollte in dieser Hinsicht, in einem Zeitalter, in dem jedes Detail über Erfolg und Misserfolg entscheidet, ein Umdenken stattfinden. Dass eine Mundschutzmaske die Schweizer Freeskier Elias Ambühl und Fabian Bösch jedoch vor einer Ansteckung mit dem Norovirus geschützt hätte, ist natürlich nicht verbürgt.

20 Minuten hat in Südkorea den Selbsttest gemacht und verschiedene Modelle getestet. Das Fazit: Als Schutz gegen die Kälte und die teilweise heftigen Winde in der Olympia-Region ist das eine Supersache. Vor allem mit den Stoff-Mundschutzmasken. Aber im normalen Alltag ist es ein seltsames und auch nicht sonderlich angenehmes Gefühl, mit verbarrikadiertem Gesicht herumzulaufen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Elene am 20.02.2018 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Ansteckung all gegenwärtig

    Toll, dass dies mit dem Mundschutz klappt. -- Musste vor 2 Wo 8 Std lang einen hustenden und total kranken Arbeitskollegen ertragen. Nun war und bin ich selber mit Grippe im Bett. - Vielen Dank an alle, die bei Krankheit nicht zu Hause bleiben !!

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  • Adrian Müller am 20.02.2018 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Japaner?

    Sorry aber auch die Japaner machen dies und dient nebst dem Style ganz klar, dass wenn man selbst krank ist, dass man nicht alle ansteckt. Sollte man bei uns eine Scheibe abschneiden. Hier gibt es immer noch solche die Husten einen direkt im Bus an.

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  • Skeptiker am 20.02.2018 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzteskonflikt

    Ich würde sagen, bei uns ginge das unter das Vermummungsverbot....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • John Hunki am 20.02.2018 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht mein Ding

    Den ganzen Tag seine eigene Bakterien und Kondenswasser einatmen, nein danke. Bei Operation und Extremfällen ja. Finde es auch optisch nicht schön, aber das ist ja Geschmackssache.

  • Robbon am 20.02.2018 14:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ebenfalls Mundschutz Träger

    Ich war die letzten 2 Wochen krank und habe ebenfalls beim Arztbesuch einen solchen Mundschutz getragen. Wollte niemanden anstecken. Die Reaktion der wartenden Patienten und meines Arztes war ziemlich erstaunlich. Die anderen Patienten setzten sich verängstigt weit weg von mir, begrüssten mich kaum und waren sichtlich verunsichert. Der Komentar meines Arztes: Aha, sind wir schon so weit wie die Asiaten. :-)?

  • fairlight am 20.02.2018 14:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mundschutz

    Letzte Woche wahr ich in Bern unterwegs und plötzlich stand eine Frau vor mir mit einen mundschutz. Im ersten Moment erschrack ich,aber danach machte ich mir so meine Gedanken. Ich leide unter der Lungenkrankheit COPD Wenn ich husten muss drehen sich die Leute zu mir um und machen einen Bogen um mich herum. Ist auch kein gutes gefühl

  • Donlancer am 20.02.2018 13:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viren

    Abgesehen vom Smog, die meisten Ansteckungen geschehen durch Berührung, z. B. Hände usw.

  • Thomas Zinsli am 20.02.2018 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht seit 2009

    Arbeitete 1984 in Süd Korea. Der Mundschutz gehörte schon damals zum Alltag.