Unverhüllt

19. März 2020 18:56; Akt: 19.03.2020 18:56 Print

«Mein Vergewaltiger machte mich unfruchtbar»

von Zora Schaad - Mit 15 wurde Sarah vergewaltigt. Jahre später muss sie deswegen ihre Gebärmutter entfernen lassen.

Storyimage

(Bild: privat)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sarah* spricht nie darüber. Bloss drei Personen wissen, was damals passiert ist. Die Worte kommen ihr kaum über die Lippen, allein die Erinnerung schüttelt sie durch.

Sie war 15 und unterwegs zu einer Kollegin. Es war Nachmittag, noch hell draussen, als ein Mann sie am Bahnhof Wil ansprach und um Hilfe fragte. Er bat sie, mitzukommen. «Ich habe ihn begleitet. Ich ging immer vom Guten aus.» In seiner Wohnung vergewaltigte der Mann Sarah.

Lange für sich behalten

Sarah kehrt nach Hause zurück, verkriecht sich. Sie spricht mit niemandem darüber, erstattet keine Anzeige, geht nicht zum Frauenarzt. Erst ein halbes Jahr später weiht sie ihre Schwester ein. «Meine Mutter hat selbst psychische Probleme. Mit meinem Vater kann ich über solche Dinge nicht reden.» Sarah geht es nicht gut. Wegen einer starken Magersucht kommt sie in die Klinik, doch auch da kann sie sich nicht öffnen.

Allein schlägt sie sich durch, absolviert ein Studium an einer Fachhochschule. Immer wieder plagen sie Albträume. «Ich träume, wie der Mann über mich herfällt. Er war etwa doppelt so alt wie ich, ich hatte keine Chance.» Mit 19 lernt Sarah ihren jetzigen Freund kennen. Er ist einfühlsam und verständnisvoll, mit ihm kann sie über alles sprechen. «Am Anfang war es schwierig, körperliche Nähe zuzulassen. Immer wieder kamen Erinnerungen an die Tat hoch. Heute kann ich seine Berührungen geniessen.»

Gebärmutter muss entfernt werden

Eines Tages hat Sarah plötzlich starke Bauchkrämpfe, später kommt Erbrechen dazu. Als ihr Hausarzt ihre Blutwerte sieht, wird sie sofort ins Spital eingeliefert. Nach stundenlangen Untersuchungen entdecken die Ärzte, dass ihre Eileiter durch eine Gonorrhö-Infektion komplett vereitert sind.

Einzige Ansteckungsmöglichkeit: die Vergewaltigung. Weil sich der Erreger so lange unentdeckt ausbreiten konnte, müssen die Chirurgen Gebärmutter und Eileiter der damals 19-Jährigen entfernen. «Nach dem Eingriff sagten die Ärzte, dass ich nie schwanger werden könnte. Sie sagten es einfach so dahin und liessen mich damit allein. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hatte mir so sehr eigene Kinder gewünscht.»

Fünf Jahre später kämpft Sarah immer noch mit der Diagnose. Doch heute gelingt es ihr auch, Pläne für die Zukunft zu schmieden. «Ich möchte mit meinem Freund durch die Welt reisen, gemeinsam eine schöne Wohnung beziehen und eines Tages vielleicht einem Kind aus ärmlichen Verhältnissen ein liebevolles Zuhause geben.»
* Name geändert