3 mit Sex

20. März 2020 20:00; Akt: 30.03.2020 17:02 Print

«Während dem Sex blutete ich plötzlich»

Lars hat einen Crush auf Jaron. Doch dann killt eine kleine Verletzung jede Romantik.

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«Mein Bild auf der Dating-App ist etwas veraltet», denke ich und swipe mich auf Grindr durch die Profile junger Männer. Ich werde angeschrieben: «Deine Augen passen gut zu deinem T-Shirt. Ist das bewusst so oder Zufall?» Der Urheber dieser, wie ich finde, charmanten Anmache stellt sich als Jaron vor. «Das ist natürlich bewusst so, extra für dich», antworte ich mit einem Zwinker-Smiley. Nachdem Jaron und ich eine Weile miteinander gechattet haben, beschliessen wir, uns zu treffen.

Jaron kommt wenige Minuten später und etwas verregnet an. Als er lächelnd auf mich zusteuert, hebe ich die Hand und zwinkere ihm zu. Mir fallen seine roten Ohren und die gutmütigen braunen Augen auf. Jaron erzählt mir von seinen Ferien: «Der Strand in Albanien war menschenleer.» Er zeigt mir das Bild einer vertrockneten Qualle. «Die ist aber schön», lüge ich. Jaron merkt es, und wir lachen beide los.

Wir verabreden uns für Netflix und Chillen

Wir haben mehrere Dates. Wir spielen Pingpong, gehen an Konzerte oder setzen uns in eine Bar. Wir können problemlos mehrere Stunden quatschen. Ich rieche Jarons Parfüm gern und es stört mich nicht, dass er beim Küssen laut durch die Nase atmet. Manchmal frage ich mich, wie er nackt aussieht. In der WG erzähle ich bereits von Jaron. «Nice. Genau so muss es sich anfühlen, wenn man jemanden mag», ist Bruce’ Kommentar.

Nach einem weiteren schönen Treffen und einem asiatischen Abendessen lade ich Jaron zum Netflixen in meine WG ein. Wir haben sturmfrei: Ella ist in den Ferien und Bruce auf Tournee.

In meinem Bett suchen wir uns einen Film aus. Ich weiss, dass es ein guter Film ist, weil ich ihn bereits gesehen habe. Es ist nicht schwer, mir nichts anmerken zu lassen: Nach wenigen Minuten Film knutschen wir bereits. Ich glaube zu spüren, wie Jarons Nasenatem an meiner Oberlippe kondensiert. Ich entscheide mich, mit ihm zu schlafen.

«Lars, du blutest stark!»

Während dem Sex sage ich zu Jaron: «Es fühlt sich gut an mit dir.» Dass ich leichten Schmerz verspüre, verschweige ich. Jaron macht weiter, hört dann aber plötzlich auf. «Lars, du blutest ziemlich stark!» Ich schaue an mir herunter und sehe einen wallnussgrossen Blutfleck auf dem Bettlaken. Jarons Gesichtsausdruck ist besorgt. «Wir sollten besser aufhören», meint er. Ich bin nicht sicher, ob ich mir den enttäuschten Unterton in seiner Stimme nur einbilde. Jaron gibt mir einen Kuss und nimmt mich in den Arm. Wir kuscheln noch einen Moment. Als Jaron im Bad verschwindet, wechsle ich schnell das Bettlaken.

Am nächsten Tag gehe ich zum Arzt. Nach der peinlichen Untersuchung bin ich dankbar um den sachlichen Tonfall: «Sie haben eine Analfissur. Das ist eine kleine Wunde an der Innenseite Ihres Afters.» Er verschreibt mir eine Salbe und Enthaltsamkeit. Ich beschliesse, meine Enthaltsamkeit zu nutzen, um zu sehen, ob wir unsere Begegnung auch ohne Sex vertiefen können.

Seit dem Vorfall werden unsere Teffen langweiliger

«Wie gehts dir? Hast du Lust auf Netflix heute Abend?», schreibt mir Jaron ein paar Tage später.Wir treffen uns stattdessen in einer Bar. Während dem Date erzähle ich ihm nichts von meiner Diagnose, es ist mir schlicht zu peinlich. Wie ein Elefant – ein Elefant mit Blutfleck – steht das Thema während des ganzen Abends unausgesprochen zwischen uns. Als ich mich vor meiner Haustür von ihm verabschiede, umarmen wir uns kurz. Und ich lande allein in der WG.

Seit diesem Abend werden unsere Treffen langweiliger und unsere Gespräche wiederholen sich. Es ist, als ob unsere Bekanntschaft einschlafen würde. Inzwischen hören wir nichts mehr voneinander.

Sehe ich Jaron zufällig in einer Bar oder in einem Club, nicken wir uns aus der Distanz wohlwollend zu, tauschen vielleicht ein Lächeln. Danach verlieren wir uns für den Rest des Abends aus den Augen.

PS: Unser Date fand statt, bevor das Coronavirus die Schweiz erreichte.

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