Interview mit Kachelmann

09. Juni 2011 11:21; Akt: 09.06.2011 12:15 Print

«Immer habe ich gedacht: Wann ist das vorbei?»

Fast ein Jahr hat Jörg Kachelmann geschwiegen. Nun spricht er in der «Zeit» über die «Irrationalität der Staatsanwälte», die «Lügen» seiner Ex-Geliebten und sein geplantes Buch.

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Kachelmann ist definitiv freigesprochen. Staatsanwalt und Nebenklägerin zogen ihre Anträge auf Revision zurück. . Das Landgericht Mannheim hat den Wettermoderator Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Nach Auffassung der Richter reichten die Indizien nicht für eine Verurteilung aus. Das Urteil wurde im Gerichtssaal mit Jubel aufgenommen. Es ging ein Aufschrei durch das Publikum. Schon Stunden vor dem Urteilsspruch hatten sich über hundert Menschen vor dem Gericht versammelt, um eingelassen zu werden. Die Verteidigung hatte im Plädoyer den Freispruch für Jörg Kachelmann gefordert. Das mutmassliche Opfer habe aus Rache und Hass gelogen, sagte die Rechtsanwältin Andrea Combé vor dem Landgericht Mannheim. Wegen fehlender objektiver Beweismittel stehe Aussage gegen Aussage. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung der 38-jährige Radiomoderatorin Sabine W. gefordert. dem vorletzten Prozesstag, gibt die Staatsanwaltschaft intime Details über den Wettermoderator preis und hält ihn weiter für schuldig. Am 41. Prozesstag, am gab Kachelmann vor Gericht bekannt, dass er während des Prozesses die Studentin Mirjam geehelicht hat. Jörg Kachelmann hat das Steuer übernommen: Zur fuhr der Wettermoderator selbst vor. Die Schweizer Zeugin wurde in Zürich von der Staatsanwaltschaft I befragt. Die ehemalige Freundin von Kachelmann ist von vertreten worden. Über ihre Aussage wollte der Anwalt keine Auskunft geben. Die Befragung sei aber gesittet gewesen, so Landmann. Die deutschen Medien hatten die Frau zu einer Belastungszeugin für den Wettermoderator hochgeschrieben. «Diese Schilderungen waren teilweise falsch und verletzend für meine Mandantin», so Landmann vor den Medien. Der neue Mann an Jörg Kachelmanns Seite: für den Wettermoderator im Rampenlicht. Seine bisherigen Verteidiger Klaus Schroth und Reinhold Birkenstock wurden per sofort vom Mandat entbunden. war kurz und bündig: «Ich habe der 5. grossen Strafkammer des Landgerichts Mannheim heute angezeigt, dass ich nicht mehr Verteidiger von Herrn Kachelmann bin», schrieb er den Medien. Kachelmann hatte sich entschieden von Johann Schwenn zu vertreten zu werden. Mit Birkenstock musste auch Verteidiger Klaus Schrott gehen. mit ihrem Anwalt vorfuhr, hielt sie sich ein Buch vor das Gesicht. Titel: «Der Soziopath von nebenan». Die Suche nach Antworten einer verzweifelten Frau? Ein Zeichen an die Öffentlichkeit? Sicher ist: Vor der entscheidenden Phase des Prozesses kein Zufall. Runde 10 im Prozess gegen Jörg Kachelmann: der an Jörg Kachelmann ging und eine Zeugin versprach, die den Wettermoderator entlasten könnte. Jörg Kachelmann trifft am beim Bezirksgericht Mannheim ein. benutzt Kachemlmann (links) einen Hintereingang, um ins Gerichtsgebäude zu gelangen. Neben ihm sein Anwalt Ralf Höcker. Kachelmann am Landgericht Mannheim. Statt einer Verhandlung wurde gleich vertagt. Für Überraschung sorgte Kachelmanns mutmassliches Opfer. die Kachelmann schwere Vergewaltigung vorwirft, erschien ebenfalls vor Gericht. Aussagen muss sie aber erst später. Kachelmann und seine Verteidiger haben am ersten Prozesstag (6.9.2010) jedoch alle verblüfft: Zum Prozessauftakt haben sie einen gegen zwei Richter gestellt. Die Richter mussten die Sie wird nun am Montag, 13.9. weitergeführt. Mit dieser Entwicklung hatten am Montagmorgen, 6.9.2010, wohl nicht gerechnet, als sie kurz nach neun Uhr Platz nahmen. rechts neben den Richtern, kurz bevor der Befangenheitsantrag gestellt wurde. Der Prozess gegen Kachelmann war auch ein Medienprozess. nahmen am Prozess teil. die Verteidiger von Kachelmann. Zuvor war der Wettermoderator angereist. Der Prozess gegen den Wettermoderator war am ersten Prozesstag ein gewaltiges standen zahlreiche Schaulustige vor dem Landgericht Mannheim Schlange. Die war mit einem Grossaufgebot vor Ort. Sie sind alle gekommen, um den Prozess gegen diesen Mann zu sehen: Jörg Kachelmann. Dieses Bild zeigt, wie er wurde. Dem 52-Jährigen wird besonders vorgeworfen. Nach seiner Verhaftung am Flughafen in Frankfurt am 20. März ... in der Dort hat er gemäss seinen eigenen Angaben auch gefunden. Bei seinem glaubte man noch, der Wettermoderator bleibe nur kurze Zeit in Haft. Schon damals betonte Kachelmann gegenüber den Medien:

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Fehler gesehen?

Lange, sehr lange hat Jörg Kachelmann öffentlich nichts mehr gesagt. Nicht über den Vergewaltigungsprozess, nicht über die Zeit in der Untersuchungshaft und nicht über die Folgen des Gerichtsprozesses für ihn. Nun hat er sein erstes Interview gegeben – und all die Stunden des Schweigens in der Öffentlichkeit nachgeholt: Auf drei Seiten hat die «Zeit» das Gespräch mit ihm und zwei Journalisten in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht. Der Wettermoderator erklärt darin auch, warum er vor Gericht schwieg: «Wieso hätte ich mich beteiligen sollen an diesem Schwachsinn, der über mich erzählt wurde?», kontert er auf die entsprechende Frage der Journalisten. Er habe nichts mehr sagen können als «die kurze Wahrheit: ‹Ich war es nicht!›»

Der 52-jährige Wettermoderator lässt im Gespräch mit der «Zeit» tief blicken: «Ich habe viele Dinge verkraftet, von denen ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, dass ich sie verkraften würde», sagt Kachelmann beispielsweise über die 132 Tage im Gefängnis. «Immer habe ich gedacht: Wann ist das vorbei?» Er habe sich während dieser Zeit auch den Moment eines Schuldspruchs vorgestellt. «Ich habe mich gefragt: Wie sitze ich dann im Gerichtssaal? Wie gucke ich dann? Wie trage ich das bloss mit Fassung?» An einen Freispruch habe er erst gedacht, als es am 31. Mai so weit war. Er habe so viel «Irrationalität im Gerichtssaal kennengelernt, vor allem auch von Mannheimer Staatsanwälten, dass ich bis zum Schluss mit der menschlichen Irrationalität rechnen musste».

«Ich habe versucht, die Fassung zu wahren»

Emotionen unterdrückte Kachelmann vor Gericht. «Vom ersten bis letzten Prozesstag habe ich versucht, die Fassung zu wahren. Ich wollte mit immer demselben Gesicht in die Tiefgarage des Landgerichts fahren – und mit demselben Gesicht wieder raus. Was geht es die sabbernden Fotografen an, wie es mir geht?», sagt er im Gespräch. Wie sehr ihn die mediale Aufmerksamkeit störte, lässt er im Interview durchblicken. «Nur ruhig, Herr Kachelmann», müssen die Journalisten den 52-Jährigen beruhigen, nachdem er über die Frage nach seiner Hochzeit emotional wurde: «Das geht sie einen Scheiss an!», antwortet er auf die Frage, ob er seine Freundin nur aus Kalkül geheiratet habe und was er dazu sage, dass ihm niemand eine monogame Beziehung zutraue – nach dem Harem, dass er über die Jahre gehalten habe.

«Ich habe Menschen verarscht»

«Ich habe Fehler gemacht», sagt Kachelmann dazu. «Ich habe Frauen belogen und ihnen Räubergeschichten erzählt. Und ich bin nicht stolz drauf. […] Ich weiss, ich habe mich mies benommen. Ich habe Menschen verarscht.» Entschuldigt habe er sich dafür aber nur bei wenigen. Etwa bei seiner aktuellen Ehefrau. «Meine Frau steht jetzt unter dem Generalverdacht, nicht nur jung, sondern auch blöd zu sein. Die Leute blicken Miriam an und sagen: die Arme», so Kachelmann. Die Wahrheit sei aber: Ohne sie hätte er den Prozess nicht durchgestanden.

So offen Kachelmann im Interview spricht und so emotional er sich auch gibt – mindestens so bedacht war er gemäss den Journalisten darauf, was er sagte und wie man es interpretieren könnte. Es sei nach diesem Prozess eine Einschränkung, sagt Kachelmann: «Ich antizipiere jede Sekunde alles, was man aus meinem Verhalten herauslesen könnte. Jede Sekunde.» Und dies sei nicht die einzige Beeinträchtigung seines Lebens: Er betrete kein Flugzeug der Lufthansa mehr, weil ihn das an seine Verhaftung erinnere. Er meide Baden-Württemberg, weil er so viel über die Justiz dort gelernt habe. Er nutze nur noch selten sein Handy, weil er Angst habe, geortet zu werden. Auch finanziell habe ihn «das alles komplett fertiggemacht». Aber ans Abhauen in ein fernes Land denke er nicht: «Ich will was unternehmen.»

«Ich werde alle belangen, die behauptet haben, ich sei gewalttätig»

Was er unternehmen will, weiss Kachelmann auch schon sehr konkret: Er schreibe an einem Buch. «Es soll den Titel ‚Mannheim’ tragen, Mannheim als Sinnbild des Elends. […] Das ist mein Versuch, mich in den Kampf gegen die Leute zu begeben, die mich in den Knast bringen wollten.» Auch juristische Schritte schweben ihm vor. «Ich werde die Behauptung nicht auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll», sagt Kachelmann und kündigt an, alle Leute zivil- und strafrechtlich zu belangen, die das behauptet haben.

Dass «einige» seiner ehemaligen Geliebten vor Gericht über ihn aussagten, habe ihn nicht «kolossal überrascht», sagt er. «Wenn Sie jemanden nur alle paar Monate sehen und letztlich nicht viele Gespräche führen, dann lernen Sie diesen Menschen nie richtig kennen.» Der grössere Teil seiner Freundinnen sei anders gewesen: «rational und besonnen». Dass all die intimen Details über ihn öffentlich wurden, sei am Anfang furchtbar gewesen. «Dazu möchte ich mal sagen: Ich bin nicht der Einzige in Deutschland, der fremdgegangen ist. Es gibt da noch zwei oder drei Männer in diesem Land, die das auch getan haben.» Über ihn sei nun aber alles öffentlich. «Mich erpresst niemand mehr.»

(amc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sohn mannheims am 09.06.2011 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Also Doch!!!

    Ist doch offensichtlich das er was zu verbergen hat. Warum sonst sollte seine Ex in die Revision gehen??? Sie hat doch jetzt schon mehr verloren als "Sonnenschein"-Kachelmann! Die gerechtigkeit wird siegen und die Wahrheit an Licht kommen! Sie wird wie ein "Gewitter" über Kachelmann hereinbrechen!!!

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  • Hanspeter Moesch am 09.06.2011 23:46 Report Diesen Beitrag melden

    Fremdbild - Eigenbild

    Wer ist eigentlich dieser Kachelmann, dass man so viel von ihm spricht?

  • Heirihei am 09.06.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Also abgesehen

    ob er nun schuldig ist oder nicht. Es hat sich auf jedenfall gezeigt, dass der ein massives Problem mit der Selbstreflektion hat. Und warum müssen die immer gleich ein Buch schreiben? Wen interessiert das denn schon? Ist doch nur reine Geldmacherei weil er von keinem Sender mehr gebucht wird. Und daran ist er selber schuld.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Justiz Opfer am 10.06.2011 03:58 Report Diesen Beitrag melden

    Weatherman ...

    Jetzt erst recht! Halte durch Sunny-Boy. Musste selber über Jahre gegen diese Staats-Gewalt/-Willkür überleben, und hab' alles "verloren" obwohl ich bis vor BG Recht erstritten habe.

  • Hanspeter Moesch am 09.06.2011 23:46 Report Diesen Beitrag melden

    Fremdbild - Eigenbild

    Wer ist eigentlich dieser Kachelmann, dass man so viel von ihm spricht?

  • Laredo am 09.06.2011 22:13 Report Diesen Beitrag melden

    Die Moral der Geschichte?

    Die Moral seines bisherigen Lebens mag verwerflich sein u hätte es auch nicht toleriert, aber er hat damit kein Gesetz gebrochen im Sinne der Justiz. Wieviele Schwindler und Schwindlerinnen gibt es, die es nur aufs Geld abgesehen haben? Immerhin hat er das auch nie bestritten u findet es mittlerweile wohl auch selbst unwürdig. Was also geht uns sein Privatleben an? Ich komme immer mehr zur Überzeugung, das diese Frau nur aus Rache handelt u jetzt gar Revision möchte. Hat sie neue Beweise?

  • Fredi Oberholzer am 09.06.2011 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    Fehler hat jder Mensch

    Naja ..Männer..meistens motzen die Männer die selbst Dreck am stecken haben.. Ich steh zu Kachelmann , den jeder Mensch hat sein fehler und die Kachelmanns geht die öffentlichkeit niemanden was an..

  • NoName am 09.06.2011 20:32 Report Diesen Beitrag melden

    @ S.M.

    In dubio pro reo - im zweifel für den Angeklagten, wenn du in der 90 Minute einen Penalty eingeschenkt bekommst dann hast du auch verloren und kannst nicht sagen. Eigentlich war ich ja besser und hab bewiesen was ich kann, verloren hast du trotzdem. Und die anderen haben gewonnen. Es ist nichts bewiesen also ist er Unschuldig und völlig zu recht "in dubio pro reo" freigesprochen worden!