Kachelmann-Prozess

01. Februar 2011 13:17; Akt: 01.02.2011 15:39 Print

«Sie weinte beim Anblick des Messers»

Rechtsmediziner Rainer Mattern hat die Verletzungen von Sabine W. untersucht. Er hielt dem mutmasslichen Opfer von Jörg Kachelmann dazu auch die Tatwaffe an den Hals.

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Wettermoderator Jörg Kachelmann folgte am Dienstagmorgen aufmerksam den Ausführungen von Rechtsmediziner Rainer Mattern.

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Der Prozess gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann geht in die entscheidende Phase. Das Landgericht Mannheim befragte am Dienstagmorgen den Rechtsmediziner Rainer Mattern. Er gilt als wichtigster Sachverständige im Prozess. Er untersuchte das mutmassliche Opfer Sabine W. kurz nach der angeblichen Tat im Februar 2010 und lieferte damit die entscheidenden Resultate für die Anklage gegen Kachelmann.

Nach seinem am Dienstagmorgen dem Gericht vorgestellten Gutachten können die Verletzungen des angeblichen Opfers von dem aufgefundenen Küchenmesser stammen. Der kommissarische Leiter der Rechtsmedizin an der Universitätsklinik Heidelberg sagte vor dem Landgericht Mannheim: «Ich kann nicht beweisen, dass der Angeklagte die Verletzungen beigebracht hat, aber ich halte es traumatomechanisch für möglich.» Die Verletzungen am Hals und die blauen Flecke an den Oberschenkeln der Frau können folglich durch die Krafteinwirkung eines Messers beziehungsweise der Knie entstanden sein. Eine Selbstverletzung sei aber ebenfalls nicht auszuschliessen, betonte der 65-Jährige. «Man kann alle diese Dinge, wenn man entschlossen genug ist, sich selbst zufügen», sagte Mattern weiter aus. Dazu müssten aber ganz bestimmte Bedingungen erfüllt gewesen sein.

Test mit der Ehefrau

Gemäss dem gerichtlichen Gutachten müssten mehrere Faustschläge mit einer Krafteinwirkung von etwa 500 Kilonewton gewesen sein, um die blauen Flecke an den Beinen herzustellen. Die Hämatome wären aber auch möglich, wenn man das gebeugte Knie auf die geschlossenen Oberschenkel drückt. Mattern hatte hierzu selbst Versuche mit seiner Ehefrau durchgeführt. Er hatte seine Knie mit Farbe bemalt, sodass die Abdrücke an den Oberschenkeln seiner Frau sichtbar wurden. Die Stellen mit höchster Krafteinwirkung lagen an ähnlichen Stellen wie die des angeblichen Tatopfers.

Die Halsverletzungen könnten von dem Messer durch längeres Andrücken des Messerrückens verursacht worden sein. Dass nicht nur eine Linie entstand, könne damit erklärt werden, dass das Messer nicht völlig statisch nur an eine Stelle gehalten wurde. Dass sich die Frau die Kratzspuren am Hals selbst mit den Fingernägeln zufügte, hielt der gerichtlich bestellte Sachverständige für wenig wahrscheinlich. Dass die Halsspuren des möglichen Opfers kürzer als der Messerrücken waren, ist für Mattern erklärbar. Die Druckintensität sei nicht über die gesamte Fläche gleich. Eine Fotografie mit seiner Assistentin zeigte, dass beim Kratzen am Hals die Haut Falten wirft. Es sei sehr schwierig, eine durchgehende Linie herzustellen. Aber ausschliessen könne man das nicht.

Mattern hielt Sabine W. das Messer an den Hals

Der gerichtliche Sachverständige widersprach damit in wesentlichen Punkten dem Privatgutachten des von Kachelmann beauftragten Rechtsmediziners Bernd Brinkmann. Brinkmann - der vom Gericht wegen Befangenheit abgelehnt wurde - hatte Faustschläge als Ursache für die blauen Flecken gesehen. Die Halsverletzungen stammten gemäss dem Rechtsmediziner eher von Kratzspuren mit dem Fingernagel.

Mattern hatte die Freundin Kachelmanns erstmals am Mittag des 9. Februar 2010 - etwa elf Stunden nach der angeblichen Tat - untersucht. Er legte dem Gericht am Dienstag zahlreiche Fotografien vor, die er in zeitlichen Abständen gemacht hatte. Er hatte auch einmal das angebliche Tatmesser an den Hals der 37-jährigen Radiomoderatorin gehalten, wie er vor Gericht erklärte. Sie habe geweint und zu zittern begonnen. Er habe das Experiment dann beendet. Mattern sagte, der Vergewaltigungsfall gehöre zu jenen, «mit denen ich mich am meisten befasst habe».

Psychologische Gutachten folgen

Brinkmann hatte ausgesagt, er habe in Selbstversuchen in seinem Institut in Münstern blaue Flecke an den Oberschenkeln mit Faustschlägen verursacht. Er habe auch einen Selbstversuch mit dem angeblichen Tatmesser an seinem Arm gemacht. Dabei sei eine andere Kratzspur entstanden als die am Hals des mutmasslichen Opfers. Fotografien von seiner im Selbstversuch verursachten Kratzspur legte Brinkmann dem Gericht allerdings nicht vor. Mattern und Brinkmann dürften sich im Verlaufe des Prozesstages eine heftige fachliche Auseinandersetzung liefern. Sie könnten beide im Prozess gegen Jörg Kachelmann das Zünglein an der Waage sein.

Nach den Rechtsmedizinern werden in den nächsten Wochen zahlreiche psychologische Gutachten folgen, die sowohl vom Gericht bestellt als auch privat vom angeklagten Wettermoderator in Auftrag gegeben wurden. Der Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen die gerichtlich bestellte Aussagepsychologin Luise Greuel wurde vergangenen Montag als unbegründet abgelehnt. Die Bremer Psychologin wird also vom Gericht als Gutachterin gehört. Offen ist noch die Vernehmung einer weiteren Zeugin in der Schweiz.

(amc/ap)