Kachelmann-Prozess

03. Februar 2011 15:17; Akt: 03.02.2011 18:10 Print

Alice Schwarzer aus Gerichtssaal verbannt

von Ursula Knapp, AP - Im Kachelmann-Prozess liegen die Nerven blank. Zuerst entlud sich der Volkszorn im Gerichtssaal, dann musste Frauenrechtlerin Alice Schwarzer den Saal verlassen.

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Jörg Kachelmann (in der Mitte) im Gerichtssaal in Mannheim. (Bild: Reuters)

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Der Kachelmann-Prozess polarisiert nicht nur die Öffentlichkeit, sondern zunehmend auch die Besucher im Gerichtssaal. Am Donnerstag, dem 26. Verhandlungstag, kam es im Saal 1 des Landgerichts Mannheim erstmals zu Beschimpfungen und lauten Unmutsäusserungen gegen Gericht und Journalisten. Als der Vorsitzende Michael Seidling den Antrag des Verteidigers Johann Schwenn auf die Herstellung der Öffentlichkeit teilweise ablehnte, quittierten die Zuschauer die Entscheidung mit Pfui-Rufen.

Hintergrund des Streits war, dass Schwenn dem Therapeuten und Traumatologen Professor Günter Seidler zunächst sieben, später sechs Fragen öffentlich stellen wollte. Seidler ist seit der angeblichen Vergewaltigung der Therapeut von Kachelmanns Ex-Freundin. Das Gericht liess zunächst nur vier der Fragen in öffentlicher Verhandlung zu, die übrigen sollten hinter geschlossenen Türen gestellt werden. Zum Schutz der Therapiegespräche, lautete die Begründung. Der Streit darüber zog sich bis zum Nachmittag.

Aber auch Journalisten geraten zunehmend ins Visier des Stamm-Publikums. Die Betreiber mehrerer Blogs gehören zu den ständigen Besuchern des Kachelmann-Prozesses in Mannheim. Sie sind von der Unschuld Kachelmanns mehr als überzeugt. Anwalt Schwenn erntete schon mehrfach Applaus, wenn er den Gerichtssaal verliess. Die Staatsanwaltschaft, insbesondere Lars-Torben Oltrogge, ist dagegen ihr Buhmann.

«Schämen Sie sich»

Als nun am Donnerstag ein Journalist die Verhandlungspause nutzte, um Fragen an Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge in Bezug auf den Therapeuten zu stellen, erregte das den Volkszorn. Eigentlich sind Fragen an den Staatsanwalt üblich. Auch Verteidiger Schwenn werden von den anwesenden Journalisten regelmässig Fragen gestellt.

An diesem Donnerstag ging Schwenn allerdings dazwischen. Er wolle sich zwar nicht in die Arbeit der Journalisten einmischen, sagte der Hamburger Anwalt, tat es dann aber dennoch. Die Frage des Journalisten an den Staatsanwalt sei unsinnig; man wisse doch im Voraus, wie er die Frage beantworten werde. Heftiger Applaus der Blogger. «Schämen Sie sich», wurde der Medienvertreter, der seit dem ersten Tag im Kachelmann-Prozess dabei ist, angeblafft. Die Szene wiederholte sich, als ein zweiter Journalist dabei «ertappt» wurde, dass er mit Alice Schwarzer sprach.

Erste Medienvertreter erwägen angesichts der aufgeheizten Stimmung in Mannheim bereits, den Gerichtssaal künftig nicht mehr allein, sondern lieber im Schutz der Gruppe zu verlassen.

Alice Schwarzer musste gehen

Die Verteidigung hat indes die Vernehmung von Alice Schwarzer als Zeugin beantragt. Schwenn wirft der Journalistin vor, sie habe den Prozess mit einem anderen Zeugen besprochen. Konkret habe sie Kontakt mit dem Therapeuten des angeblichen Vergewaltigungsopfers, Professor Günter Seidler, aufgenommen.

Alice Schwarzer, die für die «Bild»-Zeitung über den Prozess berichtet und am Donnerstag im Landgericht Mannheim anwesend war, musste nach Schwenns Antrag den Gerichtssaal verlassen. Als mögliche Zeugin kann sie bis zur Entscheidung über den Beweisantrag nicht mehr am Verfahren teilnehmen. Schwarzer verliess die Pressebank mit den Worten: «Das nimmt ja Formen an.»