Kachelmann-Prozess

11. Februar 2011 11:27; Akt: 11.02.2011 13:24 Print

Der Wind hat gedreht

von Amir Mustedanagic - Ein Jahr nach der mutmasslichen Vergewaltigung sehen die Prognosen für Jörg Kachelmann wieder gut aus. Zwei grosse Hürden wurden beseitigt.

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Nichts bringt den Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann wohl besser auf den Punkt als der 27. Verhandlungstag. Am Mittwoch tagte die 5. Strafkammer des Landgerichts Mannheims auf den Tag genau ein Jahr nach der mutmasslichen Vergewaltigung von Sabine W. durch den Wettermoderator. Der Tag begann wie so viele Prozesstage vorher – mit grossem Spektakel: Dutzende Medienleute versammelten sich vor dem unscheinbaren Gerichtsgebäude, um die bekannte Journalistin und Feministin Alice Schwarzer bei ihrem Gang vors Gericht zu sehen.

Der «Prozess des Jahres» hatte auf einmal plötzlich wieder den Show-Charakter, welchen er während der vielen Prozesstage unter Ausschluss der Öffentlichkeit fast verloren hätte. In den Salven klickender Fotokameras um Alice Schwarzer wäre fast untergegangen, dass es am Mittwoch im schmucklosen Saal 1 des Gerichtes um einen Vergewaltigungsprozess geht. Einen Vergewaltigungsprozess, der sich langsam, aber sicher wohl seinem Ende nähert und sich immer mehr zu Gunsten von Jörg Kachelmann wendet.

Dass die eigentliche Schuldfrage im Vergewaltigungsprozess in den Hintergrund gerückt ist, war und ist eine mehr als diskutable Eigenschaft des Verfahrens gegen Jörg Kachelmann. Immer wieder widmeten sich Staatsanwaltschaft, Presse und vor allem auch die Verteidigung Nebenschauplätzen. Negative Highlights waren die Androhung der Durchsuchung von Redaktionsräumen des «Focus» und der «Bunte», Kachelmanns Wechsel von Verteidiger Reinhold Birkenstock zu Johann Schwenn, der Auftritt von Sabine W. mit einem Ratgeber-Buch über Soziopathen oder nun auch die wenig hilfreiche Vorladung von Alice Schwarzer.

Gutachten bröckelt und mit ihm die Anklage

Kachelmanns polternd und furios auftretender Verteidiger Johann Schwenn zerrte die Journalistin förmlich in den Zeugenstand, weil sie einen «öffentlichen Feldzug gegen den Wettermoderator» führe, wie er begründete. Schwenn unterstellte Schwarzer gar, Kontakt zum Therapeuten von Sabine W. gehabt zu haben. «Ich beantrage, Alice Schwarzer als Zeugin zu laden», so Schwenn vergangenen Freitag, «sie wird bekunden, dass sie mit dem Zeugen auch über das Verfahren gesprochen hat.» Dass die Journalistin selbst bei einem Kontakt irgendetwas zum Vorwurf der Vergewaltigung beitragen könnte, das glaubte weder Schwenn noch sonst jemand. Der Verteidiger verfolgt damit eine ganz andere Strategie.

Schwenn grinste nur, als Schwarzer von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machte und forderte, dass dies zu Gunsten des Angeklagten und zu Lasten der Glaubwürdigkeit von Therapeut Seidler gewertet werden müsse. Kachelmanns Verteidiger hatte auf diesen Moment gewartet. Die Glaubwürdigkeit des Therapeuten ist eine der letzten Hürden, die der Anwalt seines Mandanten auf dem Weg zum Freispruch beseitigen muss. Kein Wunder, widmeten sich Jörg Kachelmann und sein Verteidiger Johan Schwenn am Mittwoch im Gericht zunächst mehr ihren Tablet-PCs als dem Geschehen, wie ein Reporter der «Stuttgarter Zeitung» beobachtete. Die beiden konnten sich an diesem Tag auch getrost zurücklehnen: Die Staatsanwaltschaft räumte die andere grosse Hürde gleich selbst aus dem Weg.

Steilpass für die Verteidigung

Der gerichtlich bestellte Sachverständige Rainer Mattern wurde nach seinem eher belastenden Vortrag vom vorhergehenden Prozesstag am Mittwoch komplett demontiert. Wie der Sachverständige nach mehreren Nachfragen von Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge eingestehen musste, kann er die Verletzungen des Opfers weder einer Vergewaltigung zuschreiben noch definitiv als Selbstverletzung bestimmen. Mattern behauptete dies zwar auch nie, seine Ausführungen tendierten bisher aber zur Darstellung des Opfers. Er hat aber offenbar nicht einmal mit ihr über die Entstehung der Verletzungen gesprochen, sondern versuchte selbst herauszufinden, wie die Striemen am Hals, Schnittwunden am Unterarm und Blutergüsse an den Oberschenkeln entstanden sind.

Letztlich musste Mattern gar eingestehen, dass deutlichere Spuren von Hautpartikeln an der Tatwaffe zu erwarten gewesen wären. «Das kann man als Widerspruch darstellen», sagte Mattern mit einigem Zögern auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft. Für die Sachverständigen der Verteidigung war es von da an ein leichtes Spiel: Es sei «ausgesprochen unwahrscheinlich», dass solch eine Verletzung gemäss den Angaben des mutmasslichen Opfers entstehen könnten, sagte Rechtsmediziner Markus Rothschild und fügte an: «Ich habe jedenfalls noch nie eine solche Befundkonstellation gesehen.»

Im Zweifel für den Angeklagten

Mit den Zweifeln am belastenden Gutachten wird auch der mögliche Schuldspruch immer unwahrscheinlicher. Ausser einigen wenigen Indizien bleiben dem Gericht nur noch die Aussagen von Jörg Kachelmann und Sabine W.. Doch während Kachelmann schweigt, sinken die Chancen für W. und die Staatsanwaltschaft, ihre Sicht der Dinge beweisen zu können. Mit jedem Zweifel rückt Jörg Kachelmann dem Freispruch näher, wenn auch möglicherweise nur einem zweiter Klasse – im Zweifelsfall für den Angeklagten.

Bezeichnend für den Wind, der sich plötzlich für Jörg Kachelmann gedreht hat, ist aber noch etwas anderes: Den Rest des Prozesstages verbrachten die Richter mehrheitlich mit der Frage, wie sich eine Frau selbst die Verletzungen zufügen kann. Die Berichterstattung in den Zeitungen unterstreicht inzwischen jedenfalls die steigenden Chancen für Kachelmann, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Während die eher Pro-Kachelmann geschalteten Publikationen den Tag als Erfolg feierten, beschränkte sich die Contra-Seite in der Berichterstattung auf Agenturmeldungen. Der Blick in die Medien mag auch ein Nebenschauplatz des Prozesses sein. Er ist inzwischen aber ein zuverlässiger Indikator im «Prozess des Jahres» geworden, und gemäss diesem hat sich der Wind eindeutig gedreht.