Kachelmann-Prozess

09. Februar 2011 14:17; Akt: 09.02.2011 16:06 Print

Schwarzer muss mit Zeugen-Aussage warten

von Ursula Knapp, AP - Ihre Aussage wird mit Spannung erwartet, doch noch muss Journalistin Alice Schwarzer draussen bleiben. Im Prozess gegen Jörg Kachelmann setzen zunächst die Gutachter ihren Streit fort.

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Die mit Spannung erwartete Aussage der Journalistin Alice Schwarzer im Vergewaltigungs-Prozess gegen Jörg Kachelmann verzögert sich. Vor dem Landgericht Mannheim setzten am Mittwochnachmittag zunächst die Gutachter ihren Streit fort. Dabei ging es um die Frage, ob sich das angebliche Opfer die Verletzungen selbst beigebracht hat. Das Gericht hat am Morgen den gerichtlich bestellten Sachverständigen Rainer Mattern gehört und setzte am Nachmittag den Prozess mit der Befragung der Rechtsmediziner Markus Rothschild und Klaus Püschel fort. Sie sind vom angeklagten Jörg Kachelmann zu seiner Verteidigung geladen worden.

Der 27. Verhandlungstags hatte für den Wettermoderator eigentlich gut begonnen: Der Sachverständige Rainer Mattern erklärte bei seiner erneuten Einvernahme, dass die Spuren auf dem mutmasslichen Tatmesser nicht deutlich seien. Die DNA-Spuren hätten aber gefunden werden müssen, wie der Rechtmediziner auf Nachfrage eingestand. Der Sachverständige blieb bei seiner Aussage, dass insgesamt kein Nachweis für Fremd- oder Selbstverletzung möglich sei. Es sei nach seinen Versuchen aber möglich, dass die Verletzungen der Ex-Freundin Kachelmanns am Hals vom Messerrücken stammen.

Sabine W. bewegte das Messer vom Tatort weg

Während des Prozesses gab es zur Überraschung aller eine neue Wende: Die Ex-Freundin Kachelmanns hatte ausgesagt, sie habe in der Nacht zunächst aufgeräumt und das Messer aufgehoben und wieder zurückgelegt. Jetzt wurde bekannt, dass der bereits vernommene DNA-Spezialist des Landeskriminalamts Gerhard Bässler von dem Anfassen des Messers durch die Nebenklägerin nichts wusste. Das teilte er jedenfalls inzwischen der Strafkammer mit. Möglicherweise wird der Spezialist nun erneut vernommen.

Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn warf am Mittwoch der Kammer vor, ihn nicht über den Anruf des LKA-Spezialisten informiert zu haben. Richter Joachim Bock wies Schwenn darauf hin, dass er ihm nach seinem Urlaub die Akte zur Einsicht gegeben habe. Wenn er den Aktenvermerk übersehen habe, sei das nicht die Schuld des Gerichts. Schwenn kritisierte, dass man ihn nicht auf den neuen Aktenvermerk hingewiesen habe. Er sei nun genötigt, vor jedem Verhandlungstag die Akten zu studieren.

Verteidiger vermutet «Münchhausen-Syndrom»

Aber nicht nur die Entstehung der Halsverletzungen sind umstritten, sondern auch die Blutergüsse an den Knien. Der gerichtlich bestellte Gutachter Mattern hält es für möglich, dass die grossen Hämatome durch Kniestösse entstanden. Schwenn fragte nach dem «Münchhausen-Syndrom». Dabei geht es um wiederholte Selbstverletzungen, bei denen wiederholt auf dieselbe Stelle geschlagen wird. Dadurch entstehen Gewebsveränderungen, die die Hämatombildung verstärken. Schwenn spielte darauf an, dass auf dem Computer der Ex-Freundin Fotos mit blauen Flecken sichergestellt wurden, die möglicherweise von sado-masochistischen Sexualpraktiken stammen.

Schwarzer war für 14 Uhr als Zeugin geladen worden. Wie lange sich ihre Befragung verzögern wird, war zunächst unklar. Schwenn behauptet, die Publizistin und Feministin, die für die «Bild»-Zeitung über das Kachelmann-Verfahren berichtet, führe eine Kampagne gegen Kachelmann. Sie habe Kontakt zum mutmasslichen Opfer und zu deren Therapeuten Günter Seidler. Schwarzer bezeichnet den Kampagnen-Vorwurf als «absurd», musste aber dennoch während des vergangenen Prozesstages den Gerichtssaal verlassen. Als geladene Zeugin darf sie nicht am Prozess teilnehmen.

Was die Ladung der Journalistin zur Wahreitsfindung beitragen soll, bleibt allerdings mehr als fraglich. Prozessbeobachter gehen davon aus, dass Verteidiger Schwenn eher die Glaubwürdigkeit des Therapeuten in Zweifel will, als dass die Befragung neue Anhaltspunkte im Prozess bringen könnte. Die Glaubwürdigkeit des Therapeuten könnte letztlich entscheidend sein: Er rechtfertigte Sabine W.s Erinnerungslücken mit den mutmasslich traumatischen Ereignissen vom 9. Februar 2010.