Kachelmann-Prozess

09. Februar 2011 16:12; Akt: 09.02.2011 17:16 Print

Schwarzer verweigert Zeugen-Aussage

Ihre Aussage wurde mit Spannung erwartet, doch sie wollte nicht: Journalistin Alice Schwarzer hat im Prozess gegen Jörg Kachelmann bloss die «Nebenkriegsschauplätze» kritisiert.

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Ein weiteres kurioses Kapitel im Vergewaltigungs-Prozess gegen Jörg Kachelmann ist am 27. Verhandlungstag geschlossen worden – zumindest vorläufig. Die Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat bei ihrer Anhörung als Zeugin die Aussage verweigert. Vor dem Landgericht Mannheim berief sie sich am Mittwochnachmittag auf ihr Aussageverweigerungsrecht als Journalistin.

Schwarzer war auf Betreiben der Verteidigung des Wettermoderators Jörg Kachelmann als Zeugin vorgeladen worden. Die Verteidigung wirft ihr einen öffentlichen Feldzug gegen den wegen Vergewaltigung angeklagten Kachelmann vor. Zudem unterstellt ihr Anwalt Johann Schwenn, dass sie sich mit dem mutmasslichen Opfer Sabine W. sowie ihrem Therapeuten Günter Seidler abgesprochen habe. «Ich beantrage, Alice Schwarzer als Zeugin zu laden», so Schwenn vergangenen Freitag, «sie wird bekunden, dass sie mit dem Zeugen auch über das Verfahren gesprochen hat.» Schwarzer bezeichnete die Vorwürfe als «absurd».

«Nebenkriegsschauplätze verzögern nur den ernsten Prozess»

Tatsächlich hatte die Journalistin nach eigenen Angaben Kontakt mit Seidler, allerdings nur in seiner Rolle als ausgewiesener Experte für Traumatologie, wie die deutschen Medien berichten. Vor dem Gerichtssaal sagte Schwarzer anschliessend: «Es ist bedauerlich, dass ein so ernster Prozess durch Nebenkriegsschauplätze andauernd verzögert wird.»

Was die Ladung der Journalistin zur Wahreitsfindung beitragen soll, bleibt tatsächlich mehr als fraglich. Prozessbeobachter gehen davon aus, dass Verteidiger Schwenn eher die Glaubwürdigkeit des Therapeuten in Zweifel ziehen will, als dass die Befragung neue Anhaltspunkte im Prozess bringen könnte. Denn die Glaubwürdigkeit des Therapeuten könnte letztlich entscheidend sein: Er rechtfertigte Sabine W.s Erinnerungslücken mit den mutmasslich traumatischen Ereignissen vom 9. Februar 2010.

Es gab auch Relevantes

Kachelmanns Verteidiger ging deshalb bereits im Dezember gegen Seidler vor und liess dessen Aktenkoffer samt Brotdose im Saal beschlagnahmen. «Seitdem erscheint Seidler nur noch mit eigenem Anwalt vor Gericht», schreibt die «Bild». Die Boulevard-Zeitung selbst ist indirekt auch in den Fokus von Schwenn geraten. Schwarzer berichtet für die «Bild»-Zeitung über das Kachelmann-Verfahren berichtet. Am 27. Prozesstag gab es abseits des Kriegsschauplatzes «Schwarzer» Neuigkeiten – wenn auch gewohnt wenig Deutliches.

Rechtsmediziner Rainer Mattern entlastete Kachelmann mit seinem Gutachten über das mutmassliche Tatmesser. Kachelmann soll das Tomatenmesser laut Anklage seiner ehemaligen Geliebten an den Hals gedrückt haben. Wie der Sachverständige vor dem Landgericht Mannheim erklärte, wären nach seinem Befund allerdings deutlichere Spuren von Hautpartikeln an der Klinge zu erwarten gewesen. «Das kann man als Widerspruch darstellen», sagte Mattern auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft. Der Sachverständige blieb bei seiner Aussage, dass insgesamt kein Nachweis für Fremd- oder Selbstverletzung möglich sei. Es sei nach seinen Versuchen aber möglich, dass die Verletzungen der Ex-Freundin Kachelmanns am Hals vom Messerrücken stammen.

Ähnlich äusserte sich der von der Verteidigung bestellte Kölner Rechtsmediziner Markus Rothschild. Es sei «ausgesprochen unwahrscheinlich», dass solch eine Verletzung auf Grundlage der Angaben des mutmasslichen Opfers entstehen könne. Der Täter hätte den knapp einen Millimeter breiten Messerrücken dem Opfer bis zu 20 Mal nebeneinander an den Hals drücken müssen, damit solch ein Verletzungsbild entstehen könne. Rothschild zufolge hätten sich am Messerrücken dann auch DNA-Spuren des Opfers finden müssen. «Dort ist keine DNA, und das ist nicht nachvollziehbar», so der von Kachelmann bestellte Experte.

Verteidiger sieht sich genötigt, die Akten vor jedem Prozesstag zu studieren

Während des Prozesses gab es auch eine Überraschung: Die Ex-Freundin Kachelmanns hatte ausgesagt, sie habe in der Nacht zunächst aufgeräumt und das Messer aufgehoben und wieder zurückgelegt. Jetzt wurde bekannt, dass der bereits vernommene DNA-Spezialist des Landeskriminalamts Gerhard Bässler von dem Anfassen des Messers durch die Nebenklägerin nichts wusste. Das teilte er jedenfalls inzwischen der Strafkammer mit. Möglicherweise wird der Spezialist nun erneut vernommen.

Kachelmanns Verteidiger nutzte die Gelegenheit für eine Kritik am Gericht: Die Richter hätten ihn nicht über den Anruf des LKA-Spezialisten informiert, erzürnte sich Johann Schwenn. Richter Joachim Bock wies Schwenn darauf hin, dass er ihm nach seinem Urlaub die Akte zur Einsicht gegeben habe. Wenn er den Aktenvermerk übersehen habe, sei das nicht die Schuld des Gerichts. Schwenn war anderer Meinung – er findet, dass man ihn auf den neuen Aktenvermerk hätte hinweisen müssen. Er sei nun genötigt, vor jedem Verhandlungstag die Akten zu studieren.

(amc/ap)