Vor Urteil im Fall Knox

03. Oktober 2011 21:05; Akt: 03.10.2011 23:53 Print

«Meredith wurde vergessen»

Die Angehörige von Mordopfer Meredith Kercher haben sich kurz vor der Urteilsverkündigung in Perugia zu Wort gemeldet. Sie gehen mit den Medien hart ins Gericht. Das Urteil wird für 21.45 Uhr erwartet.

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Die US-Amerikanerin Amanda Knox ist im Berufungsprozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher im italienischen Perugia freigesprochen worden. Ein Berufungsgericht hat damit die langjährige Haftstrafe wegen Mordes gegen die 24-Jährige aufgehoben. Noch vor Mitternacht verliess die junge US-Studentin das Gefängnis von Perugia, in dem sie rund vier Jahre gefangen war. Sie wurde in einem schwarzen Mercedes mit unbekanntem Ziel vom Gelände der Haftanstalt gefahren. Tränenüberströmt nahm die 24-Jährige, auch «Engel mit den Eisaugen» genannt, das Urteil entgegen. Sicherheitskräfte mussten sie aus dem Gerichtssaal führen. Auch ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito sprach das Geschworenengericht in Perugia am 3. Oktober 2011 frei. Er verliess ebenfalls noch in der Nacht das Gefängnis. Die beiden hätten die Tat nicht begangen, erklärte das Gericht. «Ich habe das Unerträgliche ertragen», sagte sie nach Angaben von Corrado Maria Daclon, Generalsekretär einer amerikanisch-italienischen Stiftung, die sich in dem jahrelangen juristischen Tauziehen für Knox eingesetzt hatte. Sie wolle «einfach nur nach Hause, sich wieder mit ihrer Familie vereinen, ihr Leben wieder in Besitz nehmen und ihre Fröhlichkeit zurückgewinnen», sagte Daclon weiter. Vor dem Gerichtssaal spielten sich nach dem Urteil tumultartige Szenen ab. Für den Freispruch gab es Buh-Rufe und Jubel zugleich. Das Interesse an dem Prozess war enorm: Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten den ganzen Tag vor dem Gebäude ausgeharrt. Die vor dem Gericht versammelte Menschenmenge entlud ihre Anspannung in Jubelrufen einerseits und Drohungen und Beschimpfungen andererseits. Die Angehörigen der getöteten Meredith Kercher hörten der Urteilsverkündung wie versteinert zu. Die Schwester der ermordeten Meredith Kercher brach in Tränen aus. Die Stunde der Wahrheit für Amanda Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito hatte am frühen Morgen begonnen. Beim Eintreffen im Gerichtsgebäude machte Amanda Knox noch einen angespannten Eindruck. In einer letzten Rede an das Gericht hatte die 24-Jährige erneut ihre Unschuld beteuert. «Ich habe weder getötet noch vergewaltigt», sagte Knox im perfekten Italienisch. Mehr als zehn Stunden berieten dann die zwei Richter und sechs Geschworenen, bevor sie das Urteil um etwa 22.00 Uhr verkündeten. Die Angehörige von Mordopfer Meredith Kercher hatten sich ebenfalls vor der Urteilsverkündigung zu Wort gemeldet: Vier Jahre nach der Tat habe sich der Fokus der Berichterstattung «vollkommen verschoben», sagte Schwester Stephanie. Es gehe heute kaum mehr darum, was an jenem Abend geschah. Die 24-jährige Amanda Knox, zu Beginn des Verfahrens als «Engel mit den eisigen Augen» apostrophiert, stand im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. In Knox' Heimatstadt Seattle wurde in der Nacht vor dem Urteil Mahnwache gehalten. Ihre treue Fangemeinde hoffte auf einen Freispruch. Die Gruppe applaudierte auch am Ende der Rede, die Knox zu ihrer Verteidigung hielt.

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Die internationale Presse kam in Scharen: Die Angehörige von Mordopfer Meredith Kercher haben wenige Stunden vor der Urteilsverkündigung zu einer Pressekonferenz in ihrem Hotel einberufen. Begleitet wurde sie vom britischen Konsul in Perugia.

Stephanie Kercher, Merediths Schwester, griff bereits in ihrer ersten Antwort die Medien an: Die Familie fühle sich von der Presse vernachlässigt. Vier Jahre seien vergangen und der Fokus der Berichterstattung habe sich vollkommen verschoben, sagte sie. Es gehe heute kaum mehr darum, was an jenem Abend geschah. «Wir können keine Gerechtigkeit für Meredith finden. Meredith wurde vergessen.» Vor allem werde kaum mehr über die Brutalität geredet, mit der sie umgebracht wurde und «die sie nicht verdient hat».

«Wir wollen die Wahrheit wissen»

Lob hingegen fanden die Kerchers für die italienische Justiz: «Ich fand es gut, wie sie bis jetzt gearbeitet haben. Nach dem ersten Prozess bekamen wir ein 400-seitiges Dossier mit einer klaren Begründung des Urteils. Das würde in Grossbritannien nie passieren», sagte Mutter Arline. Dort erhalte man einen Bescheid und wisse manchmal nicht, wieso so entschieden worden sei.

Ob sie jemals vergeben könnten, wollte ein britischer Journalist von der Kerchers wissen. «Es ist schwierig von Vergebung zu sprechen», sagte Bruder Lyle Kercher. «Meine Schwester war erst zwei Monate in Perugia und sie liebte diese Stadt», so Stephanie. Es sei sehr schwierig zu verstehen, was in jener Nacht geschah, ohne die Wahrheit gefunden zu haben.

Auch die Frage nach dem Warum plage sie konstant: «Ich kann keinen Grund für eine solche Tat finden. Meredith war ein liebes Mädchen, immer hilfsbereit und eine gute Freundin zu allen.»

«Auch wir wollen Gerechtigkeit für Meredith»

Was eine gerechte Strafe für Amanda Knox wäre, fragte ein Reporter. Das erste Urteil sei in ihren Augen richtig gewesen, meinte Mutter Arline klar und deutlich. «Es gibt genug Beweismaterial», sagte sie und deutete darauf, dass die DNA-Spuren auf der mutmasslichen Tatwaffe richtig interpretiert worden seien. «Es gibt kein neues Material und wir müssen uns an das halten, was wir haben.» Dennoch gab Lyle Kercher zu, dass «nur ein kleiner Teil der Beweise berücksichtigt wurde.»

Die angebliche Freundschaft, die Meredith und Amanda pflegten, relativierte Mutter Arline: «Sie waren sich nicht so nahe. Sie gingen an verschiedene Schulen. Meredith war an der Uni, Amanda besuchte einen Anfängerkurs. Amanda wollte nicht mit Englischsprachigen zu tun haben. Sie waren freundlich zueinander, aber nicht mehr als das.»

Dass Knox in ihrer Rede am Montagmorgen «Gerechtigkeit für Amanda» plädiert habe, findet Arline Kercher sehr treffend. «Das wollen wir auch. Wir sind in diesem Punkt mit ihr vollkommen einverstanden. Hoffentlich wird heute Gerechtigkeit gefunden.»

Das Urteil wird für 21.45 Uhr erwartet.

(kle)