Nach dem Urteil

04. Oktober 2011 16:14; Akt: 04.10.2011 16:37 Print

Nun läuft die Geldmaschine Knox an

von Karin Leuthold - Amanda Knox ist am Montag aus der Haft entlassen worden. Ganz frei ist sie deswegen noch nicht: Ihre Eltern haben bereits Dutzende Medientermine für die 24-Jährige organisiert.

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Der Mord im Jahr 2007 an der 21-jährigen britischen Austauschstudentin Meredith Kercher (Bild) erfüllt alle Anforderungen an eine filmreife Mordgeschichte: Sex, Drogen, Gewalt, eine attraktive Hauptverdächtige - und Zweifel bis zum Schluss. Haus an der Via della Pergola 7, im italienischen Perugia. In der WG wohnen das spätere Opfer Meredith Kercher (seit Anfang Oktober 2007), die spätere Tatverdächtige Amanda Knox (seit Anfang September 2007) und zwei Italienerinnen. 21, aus London, Grossbritannien. Die Ausstauschstudentin verkehrte nach Angaben ihrer Angehörigen nicht in denselben Kreisen wie Amanda Knox. In der Tatnacht ist Meredith Kercher zu Besuch bei drei Engländerinnen. Sie bricht frühzeitig mit einer Freundin auf. Um 20.55 Uhr trennen sich ihre Wege - 460 m vor ihrem Zuhause. Zwischen 21 und 23 Uhr (1. Gutachten) oder zwischen 21 und 4 Uhr morgen (2. Gutachten) stirbt sie an massivem Blutverlust und Erstickung. Im Zimmer von Meredith Kercher findet die Polizei am Morgen des 2. November 2007 die Leiche der Britin mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt und halbnackt. Ausserdem findet sie einen Stein, mit dem das Fensterglas ihres Zimmers eingeschlagen worden ist. Der Körper des Opfers ist von insgesamt 43 Messerstichen, sowie Prellungen und Kratzern übersät. Im ganzen Haus entdecken sie insgesamt 13 Blutspuren. Ein blutiger Fingerabdruck stammt von Amanda Knox. Auf dem Verschluss des BHs von Meredith Kercher finden sie eine DNA-Spur von Raffaele Sollecito. Unbekannt. Laut Meinung der Staatsanwaltschaft sei Meredith Kercher von Amanda Knox, Raffaele Sollecito und Rudy Guede ermordet worden, weil sie sich weigerte, an einer Sexorgie teilzunehmen. Die drei seien unter Drogen gestanden. : 20, aus Seattle, USA. Wird vier Tage nach dem Mord festgenommen. Gesteht in der ersten Einvernahme ihre Beteiligung an der Tat. Dabei belastet sie ihren damaligen Arbeitgeber, den Nachtclub-Besitzer Patrick Lumumba, Meredith Kercher getötet zu haben. Danach widerruft sie das Geständnis und sagt, sie habe die Nacht bei ihrem Freund Raffaele Sollecito (Bild) verbracht und sei erst am Morgen des 2. Novembers um 10.30 Uhr in die WG zurückgekehrt. Sie sei sofort wieder zu Sollecito gegangen. Nach dem Frühstück hätten sie das Haus zusammen betreten. Schwaches Alibi, widersprüchliche Aussagen. Ermittler finden DNA-Spuren von Knox am Tatort, die ihre Beteiligung an der Tat beweisen. Am 4. Dezember 2009 wird Amanda Knox zu 26 Jahren verurteilt. Am 3. Oktober 2011 im Berufungsverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Hauptgrund: Die DNA-Spuren waren verunreinigt. 23, Student aus Bari, Italien. Ruft am 2. November aus der Mordwohnung die Polizei an und meldet einen Einbruch, Blut und eine vermisste Person. Auch sein Alibi ist schwach, die Aussagen widersprüchlich. Die Ermittler finden DNA-Spuren von Sollecito am blutüberströmten BH des Opfers, die seine Beteiligung am Mord beweisen. Raffaele Sollecito wird am 4. Dezember 2009 zu 25 Jahren verurteilt Am 3. Oktober 2011 im Berufungsverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Hauptgrund: Die DNA-Spuren waren verunreinigt. 20, aus Abidjan, Elfenbeinküste. Blutige Fingerabdrücke und DNA-Proben beweisen seine Präsenz. Wurde nach der Tat in Mainz verhaftet. Er gesteht die Tat und beschuldigt Sollecito und Knox schwer. Rudy Guede wird am 28. Oktober 2008 wegen Vergwaltigung und Mord zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe wird im Berufungsverfahren am 16. Dezember 2010 in zweiter Revision auf 16 reduziert. Kongolese. Besitzt die Bar «Le Chic», ist der Arbeitgeber von Amanda Knox. Knox beschuldigt ihn ihrer ersten Einvernahme, er habe Meredith Kercher getötet. Lumumba hat jedoch ein Alibi. Er verklagt Knox wegen Verleumdung, worauf sie ihm 50 000 Euro zahlen muss. Nach der Theorie von fand in dem Haus am 1. November eine Sexorgie statt, die ausser Kontrolle geriet. Meredith Kercher sei gemeinsam von Amanda Knox, Raffaele Sollecito und dem gemeinsamen Bekannten Rudy Guede ermordet worden, weil sie sich weigerte, bei Sexspielen mitzumachen. Die drei mutmasslichen Täter seien im Drogenrausch gewesen. Steht unter Beschuss wegen schlampiger Ermittlungen. Die DNA-Spuren des Opfers sowie diejenigen von Amanda Knox auf dem mutmasslichen Tatmesser, das am Tatort gefunden wurde, waren verunreinigt. Ebenso die DNA-Spuren von Raffaele Sollecito auf dem blutigen BH des Opfers.

Sex, Drogen und ein Mord: Der Fall Amanda Knox in mehreren Kapiteln.

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Mit ihrer Freilassung beginnt für Amanda Knox ein neues Leben. Ruhe und Erholung wird sie aber so schnell kaum finden: Die 24-Jährige wird ab der Sekunde, in der sie in ihrer Heimatstadt Seattle landet, von der US-Presse belagert werden. Amanda Knox ist frei – und doch nicht: Sie «gehört» den Medien.

Kurz nachdem das Berufungsgericht ihre Strafe aufhoben hatte, wurde die Familie Knox mit Anfragen für Exklusiv-Interviews, Talkshows, Dokumentarfilme und Bücher überschüttet. War Amanda Knox aufgrund ihres attraktiven Aussehens ein beliebtes Medienobjekt, ist sie jetzt als Ex-Knasti erst recht spannend. Und hatten einige Medien noch Skrupel, eine verurteilte Mörderin zu Wort kommen zu lassen, wurde auch dieser Vorbehalt nun aus der Welt geschafft.

Knox' Sicht wird sehnlichst erwartet

Über Amanda Knox sind bereits mehrere Bücher geschrieben worden. Unter fantasievollen Titeln wie «Engelsgesicht: Der fatale Vorteil ihrer Schönheit» oder «Das Monster von Perugia» wurde der Mordfall Meredith Kercher in den letzten drei Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln behandelt. Doch was bisher fehlte, war Knox’ eigene Sicht der Dinge. Die US-Medien werden ihr nun reichliche Gelegenheit geben, diese ausführlich darzustellen.

Medienexperte Gene Grabowski sieht zwei Möglichkeiten: «Sie kann ein erstes Interview geben und die Medien beruhigen. Dann hätte sie etwas Ruhe und könnte sich zurückziehen und sich erholen. Oder sie könnte das Interesse an ihrer Person voll ausschöpfen und verschiedene millionenschwere Verträge aushandeln», sagt er gegenüber dem Sender «MSNBC».

Jemand muss die Anwaltskosten zahlen

Die Familie Knox hat sich für die zweite Variante entschieden - schliesslich stehen hohe Anwaltskosten und die Entschädigung wegen Verleumdung an Patrick Lumumba an. Neben Auftritten in Talkshows und diversen Interviewterminen haben sie für ihre Tochter bereits Lizenzen für Filmprojekte verkauft. Für einen Film über ihre Zeit im Knast gibt es angeblich bereits konkrete Pläne: Wie britische Medien berichten, soll Regisseur Michael Winterbottom angefragt worden sein, die Geschichte mit Hollywood-Star Colin Firth zu verfilmen.

Angst vor der medialen «Überexponierung» hat PR-Experte Grabowski nicht. «Ihr Name und ihr Gesicht sind interessant. Und schliesslich sind wir die Vereinigten Staaten der Unterhaltung», witzelt er. «Hier gibt es ein konstantes Bedürfnis nach Unterhaltung.» Er persönlich würde Knox raten, erst einmal eine Woche lang keinen Kommentar abzugeben. «Eine falsche Aussage in dieser Phase könnte alles ruinieren», meint der PR-Experte.

Sein britischer Kollege Max Clifford rät Amanda Knox, einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf ihrer Geschichte - etwa über Interviews, Bücher und Filmrechte - an die Familie Kercher zu spenden. «Das würde ihr zumindest ein wenig öffentliche Unterstützung sichern», sagte Clifford.