Vor dem Urteil

03. Oktober 2011 14:35; Akt: 03.10.2011 15:00 Print

Was den «Engel mit Eisaugen» erwartet

In wenigen Stunden entscheidet ein Gericht in Perugia, ob Amanda Knox freikommt oder ob sie lebenslang hinter Gitter muss. Die Antworten auf die fünf brisantesten Fragen.

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Die US-Amerikanerin Amanda Knox ist im Berufungsprozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher im italienischen Perugia freigesprochen worden. Ein Berufungsgericht hat damit die langjährige Haftstrafe wegen Mordes gegen die 24-Jährige aufgehoben. Noch vor Mitternacht verliess die junge US-Studentin das Gefängnis von Perugia, in dem sie rund vier Jahre gefangen war. Sie wurde in einem schwarzen Mercedes mit unbekanntem Ziel vom Gelände der Haftanstalt gefahren. Tränenüberströmt nahm die 24-Jährige, auch «Engel mit den Eisaugen» genannt, das Urteil entgegen. Sicherheitskräfte mussten sie aus dem Gerichtssaal führen. Auch ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito sprach das Geschworenengericht in Perugia am 3. Oktober 2011 frei. Er verliess ebenfalls noch in der Nacht das Gefängnis. Die beiden hätten die Tat nicht begangen, erklärte das Gericht. «Ich habe das Unerträgliche ertragen», sagte sie nach Angaben von Corrado Maria Daclon, Generalsekretär einer amerikanisch-italienischen Stiftung, die sich in dem jahrelangen juristischen Tauziehen für Knox eingesetzt hatte. Sie wolle «einfach nur nach Hause, sich wieder mit ihrer Familie vereinen, ihr Leben wieder in Besitz nehmen und ihre Fröhlichkeit zurückgewinnen», sagte Daclon weiter. Vor dem Gerichtssaal spielten sich nach dem Urteil tumultartige Szenen ab. Für den Freispruch gab es Buh-Rufe und Jubel zugleich. Das Interesse an dem Prozess war enorm: Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten den ganzen Tag vor dem Gebäude ausgeharrt. Die vor dem Gericht versammelte Menschenmenge entlud ihre Anspannung in Jubelrufen einerseits und Drohungen und Beschimpfungen andererseits. Die Angehörigen der getöteten Meredith Kercher hörten der Urteilsverkündung wie versteinert zu. Die Schwester der ermordeten Meredith Kercher brach in Tränen aus. Die Stunde der Wahrheit für Amanda Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito hatte am frühen Morgen begonnen. Beim Eintreffen im Gerichtsgebäude machte Amanda Knox noch einen angespannten Eindruck. In einer letzten Rede an das Gericht hatte die 24-Jährige erneut ihre Unschuld beteuert. «Ich habe weder getötet noch vergewaltigt», sagte Knox im perfekten Italienisch. Mehr als zehn Stunden berieten dann die zwei Richter und sechs Geschworenen, bevor sie das Urteil um etwa 22.00 Uhr verkündeten. Die Angehörige von Mordopfer Meredith Kercher hatten sich ebenfalls vor der Urteilsverkündigung zu Wort gemeldet: Vier Jahre nach der Tat habe sich der Fokus der Berichterstattung «vollkommen verschoben», sagte Schwester Stephanie. Es gehe heute kaum mehr darum, was an jenem Abend geschah. Die 24-jährige Amanda Knox, zu Beginn des Verfahrens als «Engel mit den eisigen Augen» apostrophiert, stand im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. In Knox' Heimatstadt Seattle wurde in der Nacht vor dem Urteil Mahnwache gehalten. Ihre treue Fangemeinde hoffte auf einen Freispruch. Die Gruppe applaudierte auch am Ende der Rede, die Knox zu ihrer Verteidigung hielt.

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Kurz bevor sich die Jury zu Beratungen zurückzog, um über eine Aufrechterhaltung des Mordurteils von 2009 zu entscheiden, wies Amanda Knox in einer Rede die Vorwürfe gegen sie als unfair und haltlos zurück. Sie wandte sich unter Tränen an die Jury, um ihre Unschuld und die ihres Ex-Freunds Raffaele Sollecito zu beteuern.

Wer hat über Amanda Knox' Schicksal zu entscheiden?
Acht Geschworene – darunter sechs Bürger aus der Region und zwei Richter – werden über den Fall entscheiden. Die Stimmen der Richter haben dabei genauso viel Gewicht wie die der anderen Mitglieder. Die Richter dürfen keine persönliche Empfehlung abgeben, sie haben lediglich den Entscheidungsprozess zu begleiten und zu führen.

Kann Amanda Knox im Falle eines Freispruchs sofort nach Hause?
Wird Amanda Knox freigesprochen, wird sie innerhalb weniger Stunden aus der Haft entlassen. Anders als in Boulevardmedien zu lesen war, steht aber kein Charterflugzeug bereit, um die 24-Jährige nach Seattle zu fliegen. Edda Mellas wird ihre Tochter nach eigenen Angaben so rasch wie möglich in einem Linienflug mit nach Hause nehmen.

Kann der Fall weitergezogen werden?
Wie auch immer heute entschieden wird, gehen Prozessbeobachter davon aus, dass die Verliererpartei den Fall bis zu Italiens Hohem Gerichtshof weiterzieht. Für Knox und Sollecito würde dies bedeuten, dass sie auch bei einem Freispruch und nach kurzer Zeit auf freiem Fuss wieder ins Gefängnis kämen.

Was passiert, wenn der Hohe Gerichtshof das heutige Urteil wieder annulliert?
Sollte das heutige Urteil wieder aufgehoben werden, während Amanda Knox in den USA weilt, müsste Italien ein Auslieferungsgesuch stellen. Die USA müssen dann entscheiden, ob sie dem Gesuch nachkommen oder nicht. Die USA und Italien haben seit 1984 ein bilaterales Abkommen, was Auslieferungen betrifft.

Können noch zivile Klagen eingereicht werden?
Durchaus. Die Opferfamilie Kercher hat bereits eine Entschädigungsklage über 36 Millionen Dollar gegen die drei Verurteilten Amanda Knox, Raffaele Sollecito und Rudy Guede eingereicht. Das Gericht wird allerdings erst nach dem heutigen Urteil darüber entscheiden.

Amanda Knox hat bereits eine zivile Klage in Bezug auf Kerchers Mordfall verloren: Patrick Lumumba, Besitzer eines Nachtklubs, in dem das Mordopfer und Knox verkehrten, reichte eine Verleumdungsklage gegen die US-Amerikanerin ein. Knox hatte bei ihrer ersten Einvernahme den Clubbesitzer des Mordes an Kercher beschuldigt. Sie musste Lumumba mit 40 000 Euro entschädigen.

(kle)