Porno-Konsum

15. Dezember 2008 14:42; Akt: 15.12.2008 17:47 Print

Die Pornografie im Kinderalltag

von Marius Egger - Was bewegt 11- bis 16-Jährige, Pornos zu schauen? Wie gross ist das Ausmass des Porno-Konsums? Und: Müssen Eltern einschreiten? Marie-Lou Nussbaum hat eine Studie zu dem Thema durchgeführt. Im Interview berichtet sie von ihren teilweise recht überraschenden Erkenntnissen.

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Heute um 22.50 Uhr strahlt SF1 einen Dok zum Thema «Kinder schauen Porno - Eltern schauen weg» aus. Dieser beruht auf den Ergebnissen einer Studie, nach der 52 Prozent der befragten 11- bis 16-Jährigen Jugendlichen bereits mit Pornografie in Kontakt gekommen sind. Was bedeutet das für die Jugendlichen? Ist dies ein gefährlicher Trend? 20 Minuten Online hat mit der Studienleiterin Marie-Lou Nussbaum gesprochen.

20 Minuten Online: Frau Nussbaum, Sie haben eine Studie zum Pornografiekonsum von Jugendlichen erstellt. Warum?

Marie-Lou Nussbaum: Zum Kontakt und Umgang mit Pornografie liegen kaum umfassende Untersuchungen und gesicherte Erkenntnisse für die Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen vor. Dennoch ist das Thema besonders auch in den Medien präsent. Eine fundierte Datengrundlage ist jedoch nicht vorhanden. Es lohnt sich, insbesondere auch hinsichtlich praktischer Handlungsweisen und politischer Entscheide genauer hinzuschauen.

Sie haben genauer hingeschaut. Was hat Sie bezüglich der Resultate am meisten überrascht?

Besonders spannend finde ich die Ergebnisse bezüglich der eigentlichen Kernthese meiner Arbeit: Wenn Jugendliche Pornografie konsumieren, dann tun sie dies, um sich über menschliche Sexualität zu informieren. Dem Pornografiekonsum wird so gesehen ein nutzbringender Aspekt der sexuellen Aufklärung unterstellt. Rund 40 Prozent der Mädchen und Jungs finden, dass Pornografie ihnen schon Informationen zum Thema Sexualität gegeben hat.

Dient der Pornokonsum also primär der Aufklärung?

Verglichen mit anderen Aufklärungsquellen nimmt Pornografie eine eher untergeordnete Rolle ein. Immerhin findet ein Drittel der Jungs, dass Pornografie eher wichtig oder aber sehr wichtig für Informationen zum Thema Sexualität ist. Hingegen finden 90 Prozent der Mädchen, dass Pornografie eher nicht wichtig oder gar nicht wichtig dafür ist. Zudem gibt die Hälfte der Jungs an, Pornografie auch schon genutzt zu haben, um Informationen zum Thema Sexualität zu erhalten. Bei den Mädchen sind es lediglich 13 Prozent. Die meisten Jugendlichen bewerten nebst ihren gleichaltrigen Kollegen und Kolleginnen den schulischen Aufklärungsunterricht und die Mutter als wichtigste Aufklärungsinstanz.

Welches sind die Motive von Jugendlichen, sich Pornos anzuschauen?

Bezüglich der Motive zeigen sich signifikante Geschlechterunterschiede. Insgesamt schauen sich die meisten Jugendlichen Pornografie aus Neugierde an. Bei den Jungs ist das Motiv «aus Spass» besonders wichtig, bei den Mädchen ist es das Motiv: «Weil ich einmal sehen wollte, was Pornografie ist.»

Und welche Auswirkungen hat der Pornokonsum bei Jugendlichen?

Ingesamt zeigen sich auch hier beträchtliche Geschlechterunterschiede: Bei den Jungs steigert es eher die sexuelle Lust. Mädchen berichten hingegen häufiger von negativen Auswirkungen wie Angst und Verunsicherung.

Der wichtigste Zugangskanal zu Pornografie ist das Internet. Laut Ihrer Studie haben 80 Prozent der Jungs und 56 Prozent der Mädchen dort schon Pornografie gesehen. Im Internet ist jegliche sexuelle Darstellung verfügbar. Mit welchen pornografischen Inhalten kommen Jugendliche tatsächlich in Kontakt?

Die meisten Nennungen betreffen erotische oder weiche pornografische Inhalte. Deutlich weniger Nennungen betreffen Kategorien mit harten pornografischen oder sadomasochistischen Inhalten.

Was geschieht jetzt mit den Zahlen, was wird jetzt daraus gemacht?

Ziel ist es, die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wünschenswert wäre ein differenzierter Umgang mit der Thematik. Insbesondere sollen aus den gewonnenen Daten praktische Erkenntnisse für Fachpersonen und Forderungen für die Sexualerziehung abgeleitet werden können. Auf Forschungsebene soll die Studie eine gute Basis für weiterführende Forschung darstellen.