Knapp an Rekord vorbei

05. Januar 2012 09:08; Akt: 05.01.2012 22:56 Print

«Andrea» peitscht mit 270 km/h über die Alpen

Das Sturmtief sorgt für tornadomässige Böen: Bei der Konkordiahütte wurde die zweithöchste je in der Schweiz registrierte Windgeschwindigkeit gemessen.

Bildstrecke im Grossformat »
In St. Gallen fällt besonders viel Schnee. Sturm Andrea brachte den winterlichen Segen in die Ostschweiz. Die Macht des Sturm bekamen unter anderen auch die Autos eines Händlers in Schlieren zu spüren. Eine Tanne ist abgebrochen in Basel. Laut Leser-Reporter wurde niemand verletzt. Am Anex-Bau des Messeturms in Basel haben sich Platten gelöst. Der Sturm bringt Eis und Schnee. Hagelsturm in Frauenfeld. Trampolin vom Winde verweht. Auch Container... ...Dächer... ...Kamine... ...Plakate... ...und Pflanzen konnten dem Wind nicht widerstehen. Der Wintersturm «Andrea» behindert den Flugverkehr über der Schweiz: In Zürich-Kloten mussten am 5. Januar 2012 aufgrund des starken Windes mindestens 44 Flüge gestrichen werden. Entsprechend sah es am Flughafen aus, wie dieses Bild von Leser-Reporter Ricardo Conte zeigt. Zack und weg war der Stand. In Basel hat das Sturmtief Andrea einen Verkaufswagen umgekippt. Ob die Passanten auf dem Marktplatz helfen oder die Waren bestaunen, ist schwierig zu sagen. Daran glauben musste am Rhein auch eine Ampel, wie Leser-Reporter Olivier Fricker berichtet. «Der Sturm hat sie aus der Verankerung gerissen.» In Zürich musste ein womöglich angehendes Wahrzeichen daran glauben: Das Baugespann des Swissmill-Silos wurde von «Andrea» niedergerissen. «Baum fällt!», hiess es auf der Oberlandautobahnzwischen Egg und Oetwil am See um. Der LKW konnte noch rechtzeitig stoppen, einen Unfall gab es gemäss Leser-Reporter Roger Brazerol trotzdem. Auch bei der Kantonsschule Frauenfeld hat es einen Baum erwischt, berichtet Samuel Oswald. Eine Birke wurde von «Andrea» mitgerissen und prallte mit voller Wucht auf den Neubau der Kantonsschule, so Oswald. Glücklicherweisesei niemand verletzt worden. Warten und Tee trinken, mussten die Kranführer in Zürich. Sturm Andrea zwang sie zu einer unfreiwilligen Pause. Wer legt sich aber auch in dieser Höhe mit Winden von über 80 Stundenkilometern an? Sturm «Andrea» tobte sich am 5. Januar 2012 kräftig in der Schweiz aus: Leser-Reporter Patrick Steffen meldete sich vom Kleinen Matterhorn mit eindrücklichen Zahlen. Auf dem 3 883 Meter hohen Berg pfiff Andrea mit 209 Kilometern pro Stunde. Da hört sich die stärkste Böe auf dem Pilatus mit 168 km/h gerade nach einem Lüftchen an. Windig blieb es aber auch im Flachland: Böen waren mit 70 bis 80 Stundenkilometern unterwegs. Was nicht angebunden war, konnte leicht abheben, wie Leser-Reporterin Jeannine Felber dokumentiert. Wer unterwegs war, musste Schirm und Hut festhalten. Der Spass scheint Leser-Reporter Martin Graf dennoch nicht vergangen zu sein. Schnee statt Sturm brachte «Andrea» in Leukerbad VS, wie Leser-Reporter Christof Hodel berichtet. Der Schnee sieht auf jeden Fall gemütlicher aus als das nass-kalte Wetter im Flachland.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Sturm «Andrea» schlägt fast alle Rekorde. Bei der Meteomedia-Messtation auf der Konkordiahütte beim Aletschletscher wütet «Andrea» mit 270 Km/h. «Das ist die zweithöchste je in der Schweiz gemessene Windgeschwindigkeit», twittert Jörg Kachelmann von Meteomedia. Die höchste Windgeschwindigkeit wurde 1990 mit 285 Km/h auf dem Jungfraujoch gemessen.

«Es hat schon ziemlich gluftet», so Kachelmann zu 20 Minuten Online. Die hohen Windgeschwindigkeiten seien durch den Kanalisierungseffekt der Berg-Topographie zustande gekommen. «Das Maximum liegt dort bei 300 km/h.»

Lawine in Randa

Glück im Unglück hatten die Bewohner des Walliser Dorfs Randa. Eine Lawine deckte das Dach eines unbewohnten Gebäudes ab und drückte die Türe eines anderen Gebäudes ein. Laut der Walliser Kantonspolizei war die Lawine möglicherweise nach einem Gletscherabbruch am Weisshorngletscher entstanden. Durch den starken Luftdruck und den frischen Schnee seien elektrische Installationen leicht beschädigt worden. Verletzte gab es keine.

Auch an vielen anderen Orten in der Schweiz sorgte «Andrea» für viel Wirbel: Heftige Windböen mit über 160 km/h haben Bäume zum Fallen gebracht, Dächer beschädigt und den Flugverkehr gestört.

In der Nacht wird es ruhiger

Eine Kaltfront hat in der Region Zürich und St. Gallen für heftigen Niederschlag (Schnee, Regen, Graupel, Siehe Video unten) gesorgt. Auf die Nacht hin beruhigt sich die Lage allerdings weitgehend. Wind und Regen werden im Flachland weniger, wie Adrina Müller von MeteoNews gegenüber 20 Minuten Online sagt.

In den Bergen bleibt es aber bei starken, zum Teil orkanartigen Winden bis Morgen. Den Alpen entlang bleibt es nass. Im Tessin herrscht morgen der Nordföhn, es werden Temperaturen über 10 Grad erwartet.

Sturmwarnung der Stufe rot

Am frühen Nachmittag gab der Wetterdienst Meteocentrale eine Sturmwarnung der Stufe rot heraus. Die stärkste Böe wurde laut MeteoNews mit 168 km/h auf dem Pilatus gemessen. Auf dem Jungfraujoch erreichten die Windspitzen 156km/h.

In Basel wurde der Messeplatz abgesperrt, weil sich Elemente beim Anex-Bau des Messeturms gelöst haben. Derzeit wird versucht, die Schäden zu reparieren, wie die Polizei Basel-Stadt mitteilt. Ein solches Element wiegt gegen 100 Kilogramm.

Einsätze im Kanton Zürich

Im Zusammenhang mit den Sturmböen gab es gemäss Schutz&Rettung im ganzen Kanton Zürich etwa ein Dutzend Einsätze wegen umgestürzter oder entwurzelter Bäumen.

In Egg und in Sternenberg stürzten Bäume auf ein Auto beziehungsweise auf die Kabine eines Lastwagens, wie die Zürcher Kantonspolizei in einer Mitteilung schreibt. Die beiden Lenker seien unverletzt geblieben.

An verschiedenen Orten im ganzen Kantonsgebiet seien überdies durch umgewehte Baustellenabschrankungen und -signalisationen sowie Werbetafeln Fahrbahnen blockiert worden.

Probleme am Flughafen

Das Sturmtief «Andrea» hat in Zürich mehrere Flugzeuge behindert. Die Piloten von drei Maschinen haben am Donnerstagmorgen den Landeanflug abgebrochen und einen anderen Flughafen angeflogen, wie Flughafen-Sprecher Marc Rauch gegenüber 20 Minuten Online sagt. Eine Maschine wich nach Mailand aus, eine nach Stuttgart und die A380 der Singapore Airlines flog nach München weiter. Wie Radio 24 berichtet, konnte der Superjumbo ebenfalls seinen Landeanflug nicht fortsetzen und startete durch.

Ob weitere Maschinen ausweichen müssen, ist derzeit unklar. Gemäss Rauch entscheiden die Piloten, ob sie auf dem Ziel-Flughafen landen oder aufgrund des Wetters ausweichen. Verzögerungen blieben bei den ankommenden Flügen bisher aus. «Bei den Abflügen gibt es aber teilweise Verspätungen», so Rauch zu 20 Minuten Online. Am Nachmittag wurde klar, dass zahlreiche Flüge ausfallen - insgesamt waren es bis 15 Uhr 44 Flüge.

«Andrea» jagt mit 185 km/h über den Titlis

Während am Flughafen Zürich die Windgeschwindigkeiten bisher bei maximal 81 Kilometern pro Stunde lagen, entfaltete «Andrea» vor allem in den Bergen ihre volle Kraft. Meteonews mass auf dem Titlis 185 km/h, auf dem Pilatus 168 km/h, auf dem Säntis 163 km/h.

Im Flachland gab es Windgeschwindigkeiten bis zu 113 Kilometern pro Stunde (Marthalen ZH). Auf dem Uetliberg wurden 140 km/h gemessen. Zur Spitze gehörten auch Gösgen (94 km/h) und St. Gallen (85 km/h). Die Geschwindigkeiten lagen gemäss Meteonews verbreitet zwischen 70 und 80 Kilometern pro Stunde.

Die Böen sollen im Verlauf des Tages nicht abnehmen, es wird mit Windspitzen von 70 bis 110 km/h gerechnet. Begleitet wird «Andrea» von kräftigen Regen- und Schneefällen. Die Schneefallgrenze liegt tagsüber auf 1000 bis 1300 Meter und sinkt am Abend auf unter 1000 Meter, berichtet Meteonews.

Stromausfall in Mosnang SG

In den Bergen muss also mit viel Neuschnee und schwierigen Strassenverhältnissen gerechnet werden. Auch dürfte die Lawinengefahr ansteigen. Am Freitag schneit es laut MeteoNews vor allem in den zentralen und östlichen Alpen kräftig weiter. In diesen Gebieten könnten bis Samstag zwischen 50 und 100 Zentimeter Neuschnee hinzukommen.

In Teilen der Gemeinde Mosnang SG ist wegen des Sturms der Strom ausgefallen. Eine vom Wind geknickte Tanne war auf eine 20 000-Volt-Leitung der Kraftwerke SAK gefallen. Es kam zu einem Kurzschluss. In den Gebieten Dreien und Mühlrüti fiel der Strom zwischen 6.30 und 7.40 Uhr aus, wie die St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke (SAK) mitteilten. Pikettmonteure konnten die Versorgung innert anderthalb Stunden wiederherstellen.

Am Nachmittag fiel der Strom dann in der Gemeinde Flawil aus. Ein herumwirbelnder Ast verursachte einen Kurzschluss auf einer 20 000 Volt-Leitung der St.Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK). Der Stromunterbruch konnte nach rund einer Stunde behoben werden.

Hochwasserwarnung für Aare

Mit den Orkanböen gingen gebietsweise kräftige Schnee- und Regenfälle einher. Da die Schneefallgrenze nur langsam sank, reagierten die Fliessgewässer. Für die Aare unterhalb des Bielersees wurde nach Auskunft des Bundesamts für Umwelt (BAFU) eine Hochwasserwarnung der Stufe 2 (mässige Gefahr) herausgegeben.

Die Pegel zahlreicher Fliessgewässer befinden sich wegen der jüngsten Niederschläge mehrheitlich auf einem für die Jahreszeit überdurchschnittlichen Niveau, wie dem Hydrologischen Bulletin des BAFU zu entnehmen ist.

Auch die Wasserstände der grösseren Seen stiegen aufgrund der erhöhten Abflüsse der letzten Tage an. Sie befinden sich zur Zeit auf der Alpennordseite auf überdurchschnittlichem, auf der Alpensüdseite auf normalem Niveau.

Bergbahnen und Skilifte geschlossen

Auch im Kanton Bern rüttelt «Andrea» kräftig an den Fensterläden: Auf dem Jungfraujoch wurden Windspitzen von 145 km/h gemessen. Der Bahnbetrieb von der Kleinen Scheidegg aufs Jungfraujoch musste eingestellt werden, wie die Jungfraubahnen auf ihrer Homepage mitteilten. Auch die Niederhornbahn war ausser Betrieb. Wie die Nachrichtenagentur SDA schreibt, waren in vielen Skigebieten im westlichen und östlichen Berner Oberland zahlreiche Lifte und Bahnen in den höher gelegenen Regionen geschlossen. Skifahrern standen aber vielerorts Lifte und Anlagen in weniger exponiertem Gelände zur Verfügung.

Umgekippte Bäume, abgedeckte Häuser? Schicken Sie uns Ihre Sturmbilder: feedback@20minuten.ch oder per App.

Leser-Reporter Christian Fässler hat schon mal den Anfang gemacht und schwankende Bauprofile in seiner Nachbarschaft gefilmt. Eines fehlt bereits, aber sehen Sie selbst:


(Regen und Hagel in St. Gallen/Video: Leser-Reporter)

(/am/amc/aeg/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick Vögelin am 06.01.2012 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Stromausfall

    @ C Ich hoffe dass bei euch wieder alles in Orndung ist. Grüsse aus Basel

  • Bruno Dias am 05.01.2012 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Extremer Wind

    War heute auf der Laucheralp. So einen extremen Schneesturm habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Die 30 Meter von dem Chalet bis zur Bahn waren unerträglich für die Haut.

  • Philipp am 05.01.2012 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ampel

    Hätte Andrea nicht anstatt der Ampel ein paar Radarkästen umwehen können?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Patrick Vögelin am 06.01.2012 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Stromausfall

    @ C Ich hoffe dass bei euch wieder alles in Orndung ist. Grüsse aus Basel

  • C* am 05.01.2012 22:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stromausfall im ganzen Mattertal VS

    Im ganzen Mattertal ist Stromausfall... Sehr schön mit Kerzen... :) Leider kein Kaffee, Tee... Gar nichts! Der Sturm wütet schon den ganzen Tag, die Scheiben sind weiss und vereist... Aus Grächen VS

    • Patrick Steffen am 06.01.2012 08:04 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht im ganzen Mattertal Stromausfall!

      Das Mattertal besteht nicht nur aus Grächen... In Zermatt gab es nie einen Stromausfall!

    • Basil Biner am 06.01.2012 13:16 Report Diesen Beitrag melden

      Zermatt erlitt keinen Stromausfall

      Nicht im ganzen Mattertal. In Zermatt hatte es immer Strom.

    einklappen einklappen
  • Philipp am 05.01.2012 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Sogar drinnen...

    ...hat es so stark gewindet, dass Plakate umfielen. Siehe Bild 9 aus dem Einkaufszentrum Stücki!

  • Peter K am 05.01.2012 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Altes haus geht das ab

    Also wenns so weiter geht, gibts hier morgen in saas fee keine stadel mehr...

  • Bruno Dias am 05.01.2012 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Extremer Wind

    War heute auf der Laucheralp. So einen extremen Schneesturm habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Die 30 Meter von dem Chalet bis zur Bahn waren unerträglich für die Haut.