Mikrostaat-Gründer Jedlicka

24. April 2015 13:25; Akt: 24.04.2015 13:25 Print

«Auch 200 Schweizer wollen nach Liberland»

von Dario Ornaghi - Der tschechische Politiker Vit Jedlicka gründet einen eigenen Staat: Liberland. Vorbild ist die Schweiz, erzählt er 20 Minuten.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am 13. April kündigt der Tscheche Vit Jedlicka die Gründung einer neuen Mikronation namens Liberland an. Der 31-jährige Wirtschaftsabsolvent und Mitglied der libertären «Partei der freien Bürger» hisst auf einem Landstrich am westlichen Donauufer zwischen Kroatien und Serbien eine Fahne und ruft «heimatlose Freiheitsliebhaber» dazu auf, sich um eine Staatsbürgerschaft in Liberland zu bewerben.

20 Minuten sprach mit Vit Jedlicka über seine Vision.

Herr Jedlicka, Sie suchen derzeit nach Einwohnern für Liberland. Haben Sie Einbürgerungsanträge aus der Schweiz erhalten?
Bisher haben wir etwa 200 Gesuche bekommen. Ehrlich gesagt, macht es fast keinen Sinn, dass sich die Schweizer für einen Übertritt in unser Land bemühen, weil Liberland ohnehin nach dem Schweizer Vorbild gestaltet wird. Der einzige Grund für einen Übertritt wären die Steuern, die in Liberland im Gegensatz zur Schweiz freiwillig sind.

Freiwillige Steuern, ein interessantes Konzept. Aber wenn niemand bezahlt?
Ich glaube, wir werden das gegenteilige Problem haben: Die Menschen werden gern freiwillig bezahlen, wenn sie merken, dass sie es für eine Regierung tun, die ihnen nicht mit Gefängnisstrafen droht. So funktioniert das auch im Privatleben: Wenn man jemanden zwingt, etwas zu tun, wird er es sehr wahrscheinlich nicht tun. Wenn man ihn hingegen darum bittet, sind die Chancen viel höher, dass er sich damit einverstanden zeigt und die Arbeit mit Begeisterung erledigt.

Was gefällt Ihnen am Schweizer Modell?
Wir mögen das Konzept der Volksabstimmung, durch die Bürger Gesetze verändern können, die ihr Leben beeinträchtigen. Wir mögen, dass die kantonalen Ausgaben letztlich der Kontrolle der Bürger unterliegt. In Bezug auf die Beschränkung der Befugnisse des Staates gehen wir jedoch weiter als das Schweizer Modell. Wir werden einen neuen internationalen Standard etablieren. Es mag ehrgeizig tönen, aber wir tun es.

Sie sind Mitglied der libertären Partei der freien Bürger. Ist Liberland vor allem ein Werbegag für Ihre Partei? Oder anders: Wird jemand wirklich jemals in Liberland leben?
Es ist ein sehr ehrgeiziges Projekt, das von einem kleinen Team von 7 bis 15 Personen entwickelt wurde. Ich glaube nicht, dass irgendjemand je versucht hat, das zu tun, was wir jetzt vorhaben. Wir haben das Völkerrecht auf unserer Seite und sind fest entschlossen, eine Siedlung in Liberland zu gründen. In den kommenden Wochen werden alle, die uns vorwerfen, nicht ernsthaft zu sein, erfahren, wie ernst wir es meinen.

Warum einen neuen Staat gründen? Gibt es denn in der EU oder in der Tschechischen Republik, wo Sie wohnen, nicht genügend Raum, um Ihre Vorstellungen zu verwirklichen?
Der Staat mischt sich zunehmend in die Angelegenheiten der Bürger ein. In der Tschechischen Republik zum Beispiel gibt es täglich neue Steuern und Regeln. Wir merkten, dass wir dies nicht über die üblichen politischen Kanäle stoppen können. Darum haben wir beschlossen, ein neues Land, eine neue Steueroase wie Monaco oder Liechtenstein zu gründen, aber mit neuen politischen Ideen, die dort nicht existieren.

Die so genannten Steueroasen werden heutzutage jedoch international nicht gutgeheissen. Die Schweiz wurde gezwungen, den Grundsatz des Bankgeheimnisses auszuhebeln. Wieso wollen Sie jetzt eine neue Steueroase gründen?
Ich möchte nicht mehr länger in der Steuerhölle leben, in die sich die Welt verwandelt hat. Die Europäische Union ist Teil eines Projekts der totalen Kontrolle. Wir wollen zeigen, dass wir die Dinge anders machen können. Ich hoffe zudem, dass das Schweizer Volk in der Lage ist, dem internationalen Druck zu widerstehen und der EU möglichst lange nicht beizutreten.

Ihre Partei glaubt nicht an das Prinzip der Umverteilung des Reichtums. Muss man also reich sein, um in Liberland zu leben? Wird es Platz geben für Menschen in Not?
Wenn in einem Land Wohlbefinden herrscht, dann neigen die Menschen zur Wohltätigkeit. So braucht der Staat diejenigen nicht zu unterstützen, die es nötig haben. In reichen Ländern ist Armut begrenzt. Selbst diejenigen, die arm sind, sind besser dran als anderswo.

In reichen Ländern wie den USA oder der Schweiz gibt es Armut sehr wohl. Wohltätigkeitsorganisationen kommen dagegen nicht an.

Das Problem in den Vereinigten Staaten ist, dass es sehr viele arme Menschen gibt und der Staat sich mithilfe der Steuern 38 Prozent von dem nimmt, was die Menschen produzieren. Die Leute sind daher weniger bereit, wohltätig zu sein.

Liberland hat mit sieben Quadratkilometern eine relativ kleine Fläche. Reicht der Platz für alle?
Wir sind doppelt so gross wie das Fürstentum Monaco, in dem etwa 30'000 Menschen leben. Im Moment ist dies also für uns kein Problem. Im schlimmsten Fall werden wir die meist besuchte Ausländerbehörde der Welt haben.

Was wollen Sie angehenden Liberland-Bürgern sagen?
Dies ist ein episches Abenteuer. Wir gründen ein neues Land. Wir brauchen verrückte Leute, die dieser Idee eine Chance geben. Wenn Sie eine solche Person sind, dann tragen Sie sich auf unserer Website ein und unterstützen Sie uns.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • stef le chef am 24.04.2015 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    Geniale Idee

    Meine Güte, ein Staat ohne Zwangssteuern. Der Albtaum jedes linken. Ich liebe diese Idee :-)

    einklappen einklappen
  • pete am 24.04.2015 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn man

    dort nicht alle Flüchtlinge aufnimmt, keinen explosiven Sozialstaat hat, vernünftige Steuersätze hat etc. dann bin ich dabei :D

  • Peter Silie am 24.04.2015 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Unabhängigkeitswahn

    Ich warte schon lange darauf, dass eine Gemeinde oder Kanton der Schweiz seine Unabhängigkeit erklärt, weil zu 90% dort keine Schweizer mehr leben.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alex R am 25.04.2015 15:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freistaat in K.hagen

    In Kopenhagen, vor über 45 Jahren , haben die Hippys auch einen eigenen Staat gegründet;Freistaat Christiania, oder so was änliches! Sie haben sich selbst versorgt, bis sie älter und eben dann das PC alter eingeläutet hat! Kann mir einer sagen, wie genau dieses Land, mitten in Kopenhagen hiess? ( Google nicht gefunden) Danke!

  • max b. am 25.04.2015 13:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles muss immer gratis sein.

    Ich zahle "gerne" Steuern, natürlich nicht aber muss ja sein. Warum? An alle die nicht Steuern zahlen wollen, was passiert mit den Arbeitsplätzen die von den Steuern finanziert werden? Die arbeiten ja so gerne und arbeiten gratis.

  • Adrian am 25.04.2015 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Vergleich zur Zuwanderung in der Schweiz

    200 Schweizer die ins 7km² grosse Liberland wollen entsprechen 450'000 Personen die in die 15'700km² grosse bewohnbare Fläche der Schweiz wollen. Mit dem Unterschied, dass die 200 Schweizer wohl allesamt Wirtschaftsflüchtlinge wären (Steuern)

  • Realitätsiehtandersaus am 25.04.2015 11:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fata Morgana

    wäre besser gewesen als Liberland. Nach dem Vorbild der Schweiz ein neues Land zu gestalten, dann müsst ihr alles übernehmen 1:1 . Glaubt ihr Fantasten die " Schweizer" würden freiwillig Steuern bezahlen, träumt mal schön weiter auf Wolke 7. Und nehmt das Land Schweiz nicht mehr als Vorbild, wenn ihr es anders umsetzen wollt. Nur mit dem Demokratigut kann keine Ordnung ( Infrastruktur) geschaffen werden.Da sieht man mal deutlich wie im Ausland über die Schweiz gedacht wird, alles Träumer.

  • Andreas am 25.04.2015 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Dichtestress

    250'000 Leute auf 7 Quadratkilometer? Die haben ja noch den höheren Dichtestress als die Schweiz