Vergewaltigt mit 11

02. März 2019 11:45; Akt: 02.03.2019 11:55 Print

«Das Mädchen spürte bereits Kindsbewegungen»

von Zora Schaad - Einer vergewaltigten Elfjährigen wurde in Argentinien die Abtreibung verwehrt. Das Mädchen entband in der 23. Woche per Kaiserschnitt.

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Im Spital Eva Perón in der nordargentinischen Provinz Tucumán wurde in der Nacht zum 27. Februar 2019 ein Kaiserschnitt an einem elfjährigen Mädchen durchgeführt. Das Mädchen war vom Partner seiner Grossmutter vergewaltigt worden und befand sich in der 23. Schwangerschaftswoche. Gynäkologe Michael Hohl, der selbst Tausende Kaiserschnitte durchgeführt hat, geht davon aus, dass das Mädchen stark traumatisiert ist. «Ab der 20. Schwangerschaftswoche hat sie Kindsbewegungen gespürt. Das ist eine riesige psychische Belastung.» Das Mädchen war vom Partner seiner Grossmutter vergewaltigt worden und befand sich in der 23. Schwangerschaftswoche. (Symbolbild) Michael Hohl: «Dass die Abtreibung verweigert wurde, ist ein grosser Fehler. Dadurch wurde die Situation unnötig verkompliziert.» Derzeit sind Abbrüche gemäss einem Gesetz aus dem Jahr 1921 nur im Fall von Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Mutter legal. In der Nacht auf den 9. August 2018 hat Argentiniens Senat einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen abgelehnt. Die Frauen und Männer, die mit grünen Tüchern um Hals, Stirn oder Handgelenk zeigten, dass sie für das Abtreibungsgesetz sind, waren sehr enttäuscht. Der Fall aus Tucumán hat in Argentinien die Abtreibungsdebatte wieder neu entfacht. Die Bevölkerung ist in dieser Frage tief gespalten. Erst im August 2018 war ein Gesetz für liberales Abtreibungsrecht im argentinischen Parlament knapp abgewiesen worden. «In bin traurig und auch etwas enttäuscht von unseren Politikern», sagte damals Jana (27) aus Buenos Aires. Sie wartete am 9. August 2018 wie Zehntausende auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires auf die Nachricht des Abstimmungsergebnisses. Ursula (29) zog dennoch eine positive Bilanz: «Auch wenn wir das heute nicht geschafft haben, bin ich froh, dass diese Debatte ein grosses Umdenken in der Gesellschaft brachte. Es wird über Feminismus und über Frauenrechte diskutiert. Das ist etwas, wofür wir schon lange kämpfen. In dem Sinn haben wir gewonnen», sagt sie. Manuela (27) sah es ähnlich: «Wir haben trotzdem etwas erreicht», sagt sie zu 20 Minuten. Die Abtreibungsgegner mit hellblauen Tüchern feierten die Nachricht von dem Abstimmungsergebnis auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires mit Jubel und Feuerwerk. «Ich bin sehr glücklich. Das ist eine Ehre für Gott und die Liebe», sagte Yolanda (38). «So ein Gesetz wäre Mord gewesen», meinte Victoria (57). Es sei nun die Aufgabe des Staates, den Frauen, die ihre Kinder nicht wollten, zu helfen. Im Heimatland von Papst Franziskus hatte die katholische Kirche leidenschaftlich gegen die Verabschiedung des Abtreibungsgesetzes gekämpft und Druck auf die Abgeordneten ausgeübt. Am anderen Ende der Plaza del Congreso trauerten die Abtreibungsbefürworter.

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Als die Ärzte das Baby der vergewaltigten Elfjährigen am Dienstag per Kaiserschnitt auf die Welt brachten, wog das neu geborene Mädchen 600 Gramm – und es lebte.

20 Minuten hat mit dem Gynäkologen Michael Hohl gesprochen, der lange Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Baden war.

Herr Hohl, ist so eine Situation auch in der Schweiz vorstellbar?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Bei uns werden weit über 90 Prozent der Schwangerschaften nach einer Vergewaltigung mit einer Abtreibung beendet.

Laut argentinischem Gesetz können Schwangerschaftsabbrüche unter aussergewöhnlichen Umständen – wie Vergewaltigung oder Lebensgefahr der Mutter – erlaubt werden. In dem sehr katholischen Land wurde der vergewaltigten Elfjährigen der Abbruch aber dennoch verweigert; Ärzte machten Gewissensbisse geltend.
Ärzte sind der ärztlichen Ethik verpflichtet und die stimmt nicht in jedem Fall mit der Ethik der katholischen Kirche überein. Mir scheint eine Abtreibung in einem solchen Fall klare Sache. Dass dies nicht gemacht wurde, ist ein grosser Fehler. Dadurch wurde die Situation unnötig verkompliziert.

Nun wurde die Schwangerschaft mit einem Kaiserschnitt beendet.
Ja, aber ein Kaiserschnitt ist für das vermutlich ohnehin schon traumatisierte Mädchen noch viel schlimmer als eine frühe Abtreibung. Studien zeigen, dass auch erwachsene Frauen unter einer Abtreibung leiden. Aber was dieses Mädchen erlebt hat, muss ein Riesentrauma sein. Stellen Sie sich vor, ab der 20. Schwangerschaftswoche hat sie Kindsbewegungen gespürt. Das ist eine riesige psychische Belastung.

Das Baby scheint den Kaiserschnitt überlebt zu haben.
In der 23. Woche liegt das Risiko, dass das Kind stirbt, bei etwa 40 bis 50 Prozent. Weitere 25 Prozent überleben schwer geschädigt, der Rest der Kinder entwickelt sich weitgehend normal. Wie es in diesem Fall ist, wissen wir nicht. In der modernen Geburtshilfe setzen wir auf jeden Fall alles daran, diese extremen Frühchen möglichst ungeschädigt durchzubringen.

Das Kind kam am Dienstag zur Welt und lebt offenbar noch.
Ja, aber nach drei Tagen ist es zu früh, eine Prognose zu stellen, ob das Kind überlebt, geschädigt überlebt oder ohne schwere Behinderungen weiterleben kann.

Die argentinische Gynäkologin sagte, der Körper der Elfjährigen sei nicht ausreichend entwickelt für eine Schwangerschaft. Wie sehen Sie das?
Bei einer jungen Schwangeren können grundsätzlich mehr Komplikationen der Plazenta auftreten. Aber allgemein lässt sich das nicht sagen, es gibt auch Fälle von jüngeren Mädchen, die Kinder ohne Probleme geboren haben.

Offenbar hatte das Mädchen einen stark erhöhten Blutdruck und hätte ohne Kaiserschnitt nicht überlebt.
Das spricht für eine Präeklampsie, im Volksmund Schwangerschaftsvergiftung genannt. Sehr junge Frauen haben ein erhöhtes Risiko dafür. Es ist eine ernsthafte Erkrankung, bei der der ganze Organismus zusammenbrechen und die Mutter sterben kann. Bei einer Präeklampsie ist auch die Wahrscheinlichkeit für Fehlentwicklungen beim Fötus höher. Man kann die Krankheit behandeln, aber das gelingt nicht immer. Um das Leben der Mutter zu schützen, bleibt im schlimmsten Fall nur die Beendigung der Schwangerschaft mit einem Notkaiserschnitt.

Kennen Sie aus Ihrer Tätigkeit einen ähnlichen Fall?
Präeklampsien sind ein grosses Problem, das ich aus meiner Praxis kenne. Aber ein derartiger Fall mit einem Kaiserschnitt nach einer verhinderten Abtreibung ist mir glücklicherweise nie begegnet. Obwohl ich 15'ooo Geburten begleitet und Tausende Kaiserschnitte durchgeführt habe.