Wahnsinn am Berg

23. Mai 2012 09:14; Akt: 25.05.2012 08:32 Print

«Der Everest ist ein Tummelplatz der Eitelkeit»

von F. Burch - Ueli Steck hat den Everest ohne Flaschensauerstoff bezwungen. Nach ihm starben vier Bergsteiger am höchsten Berg. Expeditionsleiter Mischu Wirth über den Ansturm, die Toten und Stecks Verdienste.

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Was machten Sie, als Sie auf dem höchsten Punkt der Erde standen?
Mischu Wirth: Ich nahm Steine mit vom Gipfel. Ich dachte, dass das – weil Berge ja zusammengeschobene Erdplatten sind – eigentlich Steine vom Grund des Meeres sind. Das war schon etwas surreal. Aber ich war vor allem beschäftigt mit der Betreuung meiner Gäste. Fotos wurden geschossen, dann musste ich organisieren, dass alle wieder heil herunterkommen.

Am vergangenen Wochenende kamen am Mount Everest beim Abstieg ein Deutscher, ein Chinese, eine Kanadierin und ein Südkoreaner ums Leben. Ist der Rückweg gefährlicher als der Aufstieg?
Ja. Das Drama beginnt vielfach auf dem Rückweg. Viele überfordern sich schon beim Aufstieg. Sie haben nur das Ziel vor Augen, oben anzukommen. Sie können sich nicht selber einschätzen. Danach sind sie völlig erschöpft und haben keine Kraft mehr für den Abstieg.

Letztes Wochenende waren 150 Bergsteiger zum Everest unterwegs, für das kommende Wochenende sind 200 angekündigt. Vier bezahlten den Trip bereits mit dem Leben. Wie sind die Todesfälle zu erklären?
Zum einen muss man wissen, dass es für den Everest ein Zeitfenster zwischen dem 15. und 28. Mai gibt. Zu dieser Zeit sind die Bedingungen am besten. In dieser Zeit gibt es statistisch am meisten Besteigungen: Die Temperaturen sind gemässigt, der Wind ist schwach. Innerhalb des Zeitfensters gibt es dann wiederum ideale Tage und dann wollen alle auf einmal zum Gipfel. Es sind dieses Jahr aber nicht mehr Leute als sonst. Tote gibt es immer wieder.

Aber dieses Jahr scheint man ungewöhnlich viel darüber zu lesen. Warum?
Das hat sicher auch mit Ueli Stecks Besteigung ohne Flaschensauerstoff zu tun. Er lebt vom Bergsteigen und vermarktet sich auch entsprechend. Dadurch springen die Massenmedien auf das Thema auf. So kommt der Everest in den Fokus und danach auch die Todesopfer. Es ist aber nicht so, dass es heute mehr Tote gibt als früher. Dank der professionellen Expeditionen nahmen die Unfälle ab. In den 1950er-Jahren starben viel mehr Leute am Everest als noch in den 1990er-Jahren oder ab 2000, als die Kommerzialisierung der Besteigung des Everest ihren Anfang nahm.

Was für Leute wollen dort hinauf?
Es sind Bergsteiger jeder Couleur. Der Everest ist ein Tummelplatz der Eitelkeit. Es gibt Cracks, wie Ueli Steck, aber auch viele Dilettanten.

Macht es einem Profi Spass, den Berg mit so vielen anderen teilen zu müssen?
Wer auf Normalrouten auf den Everest geht, darf nicht den Anspruch erheben, alleine zu sein, sonst muss man eine andere Route wählen. Als ich oben war, waren noch etwa 20 andere da. Mir war das egal. Mein Ziel war, meine Leute heil auf den Berg und auch wieder hinunterzubringen. Leute wie Ueli Steck müssen sich ebenfalls damit abfinden, dass sie dort oben nicht alleine sind.

Was ist die Motivation?
Ein bisschen ist es auch eine philosophische Sache. Fakt ist, es ist der höchste Punkt der Welt und es gehört für einen guten Bergsteiger dazu, einmal dort oben gewesen zu sein. Warum man dort hinaufgeht, ist unterschiedlich. Die einfachste Antwort auf das Warum ist: Weil er da ist.

Ist die Besteigung des Everest ein toller Trip?
Ja, der Everest ist auch ein schöner Berg. Das Mass aller Dinge ist er aber nicht. Der K2 zum Beispiel ist in jeder Beziehung eine andere Liga.

Was sagen sie zur Leistung von Ueli Steck?
Ohne Flaschensauerstoff auf den Everest – das ist eine super Leistung. Es gibt sicher einige, die behaupten, sie hätten es geschafft, es mit dem Sauerstoff aber nicht so genau nahmen. Steck aber ging die ganze Strecke ganz sicher ohne Sauerstoff.

Das Bergsteigen hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Was für Steigerungen gibt es noch?
Es gibt immer noch Herausforderungen – zum Beispiel in der Ostwand des Everest. Zudem gibt es Möglichkeiten von Solobegehungen auf sehr anspruchsvollen und schwierigen Routen. Erstbegehungen sind immer noch möglich. Zudem gibt es Steigerungsmöglichkeiten bei Solo- und Speed-Begehungen auf extremer Höhe. Bei diesen neuen Herausforderungen ist Ueli Steck ein sehr überzeugender Protagonist.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rachel am 23.05.2012 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    Flaschen hoch- und runtertragen!

    Ich finde eine 8000er Besteigung auch mit Sherpas eine enorme Leistung. Es war früher ein inniger Traum von mir, auch einmal auf einem 8000er zu stehen, ich war völlig gepackt vom "Höhenfieber" und bin es immer noch, aber mir genügen auch unsere wunderbaren 4000er. ABER was ich wirklich, wirklich absolut daneben finde, ist, dass die Bergler Sauerstoffflaschen und anderen Abfall oben lassen, quasi: ich war oben, jetzt kratzt mich gar nichts mehr, alle machen es sowieso. Das ist ein heuchlerischer Charakterzug für mich, denn Bergsport geht für mich einher mit Sorge zur Umwelt.

  • Paulo am 23.05.2012 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    unmöglich

    der Egoshooter-Berg Mount Everest.....alle diese tausende Bergsteiger der vergangenen 50 Jahre haben den Berg auf's massivste entweiht. Hab diesen Bereicht vor Jahren schon mal gesehen und fand, wie kann ein echter Bergsteiger und Naturfreund so was tun..im Stau steht man am Gotthard, jedoch nicht am Mount Everest. Aber wie immer, die Menschheit ist einfach nur doof !!

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  • Chrigel am 23.05.2012 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Testosterongesteuertes Wettlaufen

    Ueli Steck betonte, man sein nur richtig oben, wenn man ohne Sauerstoff oben ist. Diese Spiele kann man endlos weitertreiben. Man ist nur richtig oben ohne Sherpa, oder ohne Kommunikationsgeräte, etc. Insofern ist auch der Ueli ein Teil des gesamten Spiels. Ich wünsche allen von Herzen die Befreiung von dem Schwachsinn. Echte Leistung ist es heute z.B. seine Grosseltern im Alter zu Pflegen, dem Nachbar im Treppenhaus freundlich Hallo zu sagen, oder mal wieder mit einem nahestehenden Menschen ein Kaffee zu trinken. Mit oder ohne Sauerstoff

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Steve W. am 23.05.2012 16:36 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    "es gehört für einen guten Bergsteiger dazu, einmal dort oben gewesen zu sein" Mehr Arroganz ist nicht mehr möglich!

  • Kommentarfan am 23.05.2012 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach köstlich...

    .... all die kommentare! Habe mich selten so amüsiert! Die kommentare (pro und contra) sind meist viel "spannender" als der artikel selber! Macht weiter so! ;)

  • Alex am 23.05.2012 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst sie doch ...

    Beim Bergsteigen riskiert jeder sein EIGENES Leben und er weiss es. Also, lasst sie doch machen. Warum regt ihr euch so auf? Seid ihr mit eurem eigenen Leben so unzufrieden, dass ihr so auf den Bergsteigern herumhacken müsst? Immer diese Hetze gegen anders denkende!

  • Kurt am 23.05.2012 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    Soso...

    Soso, der Everest ist also ein "Tummelplatz der Eitelkeit". Aber Monsieur war natürlich aus philosophischen Gründen auf dem Everest. Alles klar.

  • Holdi am 23.05.2012 13:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Real Mountains

    Ein guter Bergsteiger ist nur dan ein solcher, wenn er auf dem Uetliberg (nicht Everest oder Säntis) war.