Unfall von Sierre

15. März 2012 19:54; Akt: 19.03.2012 15:12 Print

«Die Schreie der Kinder verfolgten uns»

Rettungschef Alain Rittiner hat seit 36 Stunden nicht mehr geschlafen. Im Tunnel erlebte er die schlimmsten Momente in seinen 20 Jahren als Sanitäter. Ein Protokoll des Grauens.

storybild

Rettungsschef Alain Rittiner.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Alain Rittiner ist Rettungsschef des Kantons Wallis. Beim Busunglück bei Siders war er vor Ort und koordinierte die verschiedenen Hilfskräfte. Was er im Tunnel De Regrouillon erlebte, wird er nie vergessen.

«Ich bin seit 36 Stunden wach, aber ich bin nicht müde. Ich habe nichts gegessen, aber ich habe überhaupt keinen Hunger. Ich funktioniere – als ob jemand bei mir den On-Schalter gedrückt hätte. In den vergangenen Stunden habe ich die schlimmsten Dinge in meinen 20 Jahren als Sanitäter gesehen.

Markerschütternde Schreie

Nachdem wir die Meldung vom Unglück erhalten hatten, ging gleich der Alarm los. Sieben Minuten nach dem Unglück war bereits der erste Rettungswagen vor Ort, schnell folgten weitere. Als wir den Tunnel betraten, sahen wir den zertrümmerten Bus. Es war ein irreales Bild. Jeder fragte sich: Wie ist das möglich? Was macht dieser Bus in dieser Nische?

Voller Tatendrang näherten wir uns dem Car, wir wollten den Verunfallten helfen. Doch dann blieben wir alle stehen, waren für einen Moment blockiert: Wir hörten die Schreie der Kinder. Es waren Schreie, wie ich sie noch nie gehört habe. Sie gingen durch Mark und Bein. Man kann wegsehen oder gar die Augen zumachen bei so einem schrecklichen Unglück, aber nicht die Ohren.

Die Sitze waren wie eine Handorgel zusammengeschoben

Jeder einzelne von uns wollte, dass die Kinder nicht mehr leiden und schreien müssen. Wir handelten, als wären unsere eigenen Kinder in diesem Bus. Ich habe zwei Töchter, eine ist zehn Jahre alt, die andere dreizehn. Die meisten Toten im Bus waren zwölfjährige Mädchen. Das ging mir sehr nahe.

Das Schreckliche war, dass alle Sitze aus ihrer Verankerung gerissen und mit den angeschnallten Kindern drauf wie bei einer Handorgel ineinander geschoben worden waren. Um die Kinder aus dem Wrack zu holen, mussten die Feuerwehrleute ein Sitzpaar nach dem anderen aus der Verkeilung lösen und dann die Kinder dazwischen rausholen.

Der Druck der Hände liess nach

Die Kinder hinten waren am wenigesten zusammengedrückt und entsprechend verletzt worden. Die vorne am schwersten. Doch diese mussten am längsten warten, weil man sich Sitzpaar um Sitzpaar nach vorne arbeiten musste. Deshalb schafften es einige nicht, die anfangs noch am Leben waren.

Vier oder fünf Sanitäter waren vorne im Bus und betreuten dort die noch eingeklemmten Kinder. Sie hielten ihre Hände, sprachen mit ihnen oder streichelten ihre Köpfe. Und sie mussten leider auch spüren, wie der Händedruck einiger Kinder langsam nachliess. Immerhin musste keines alleine sterben, es war immer jemand bei ihnen.

Das einzig Tröstliche

Die Belastung für die Retter war unbeschreiblich. Jede halbe Stunde wurden das Retterteam ausgewechselt und von einem Psychologen betreut. Einigen, die Kinder sterben sahen, geht es immer noch sehr schlecht. Dabei habe ich selten gesehen, dass eine Rettungsarbeit so schnell und reibungslos funktionierte. Jeder gab 200 Prozent.

40 Minuten nachdem der erste Rettungswagen am Unfallort angekommen war, war das erste Kind im Spital. Die Notfallzentralen arbeiteten vorbildlich zusammen und erkundigten sich in den Spitälern, wer wie viele Plätze frei habe und koordinierten die Verteilung der Verletzten. Die Spitäler boten zusätzliche Ärzte und Pflegepersonal auf.

Und das ist auch das Einzige, was mich angesichts dieser Katastrophe trösten kann. Wir sahen zwar Kinder sterben, aber wir konnten auch einigen das Leben retten.»

(Aufgezeichnet von ann/job)