Natascha Kampusch

29. Juli 2016 17:55; Akt: 29.07.2016 18:21 Print

«Dieses Haus ist für mich ein Fluch»

Natascha Kampusch kehrt alle zwei Monate in das Haus zurück, in dem sie jahrelang gefangen gehalten wurde. Was führt sie dorthin?

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Am 23. August jährt sich die Flucht von Natascha Kampusch zum zehnten Mal. In der ORF-Sendung «Thema spezial» erzählte die 28-Jährige, wie sie zurück in ein neues Leben fand. Mit einem Kamerateam kehrte sie in das Haus ihres Entführers Wolfgang Priklopil zurück. Dabei verriet sie, dass sie alle zwei Monate den Ort ihrer Gefangenschaft besucht, um «nach dem Rechten zu sehen» – und um ihr Trauma zu verarbeiten.

Das Haus an der Heinestrasse 60 im Wiener Stadtteil Strasshof gehört Kampusch jetzt. Es wurde ihr als Entschädigung für das Erlittene zugesprochen. Doch es sei mehr Fluch als Segen, sagt das Entführungsopfer. Nicht nur, weil es enorme Kosten verursacht, sondern auch, weil es ihr meistens schlecht gehe, wenn sie dort ist. «Es ist ein fremder Ort, obwohl ich hier so viel Zeit verbracht habe.»

Priklopil bewunderte Hitler

In dem fast einstündigen Interview führt Kampusch die Journalisten durch das Haus. Das Kellerverlies, in dem sie Priklopil einsperrte – die ersten drei Jahre fast ausschliesslich und später nur an den Wochenenden, wenn seine Mutter zu Besuch war — lässt sich nicht besichtigen. Es wurde 2011 zugeschüttet.

Die Jahre in Gefangenschaft habe sie sich gefühlt «wie ein KZ-Opfer», sagt Kampusch: «Er hat Adolf Hitler bewundert und wollte, dass es mir so geht wie den Nazi-Opfern. Er hat mir wenig zu essen gegeben, wenig Kleidung, hat mich gedemütigt, schwere Arbeiten verrichten lassen und mir eine Glatze geschoren.»

Priklopil wollte Kampusch heiraten

Im Jahr 2004 — Kampusch war 16 Jahre alt — nahm sie Priklopil nach oben in sein Schlafzimmer. «Das Zimmer war immer zugesperrt und ich ausserdem an ihn gefesselt», sagt sie. Den Schlüssel versteckte Priklopil im obersten Teil des Kleiderschranks, zusammen mit der Zange, die er benutzte, um den Kabelbinder an Kampusch' Handgelenk zu durchtrennen.

Der Plan des Entführers sei es gewesen, das Mädchen zu seiner Frau zu machen, verrät die 28-Jährige. «Er hat gedacht, dass er sein Verbrechen irgendwie vertuschen kann und ich dann mit ihm im Haus ganz normal lebe und ihn vielleicht sogar mit falschen Dokumenten heirate.» Über sexuelle Kontakte zum Täter will Kampusch weiterhin nicht reden: «Das ist etwas Privates», sagt sie.

Seit 10 Jahren frei und trotzdem nicht

So richtig frei fühlt sich Natascha Kampusch bis heute nicht: «Nur in ganz wenigen Momenten», sagt sie. Denn nach ihrer Flucht sei sie in ein «Gefängnis der Gesellschaft geraten, ein Gefängnis der Urteile und Verurteilungen.»

Vieles ist im Haus noch so wie vor zehn Jahren. «Es ist für mich bis jetzt eine Art Gedächtnisstütze, um das Ganze zu bewältigen». Doch jetzt hat sie langsam begonnen, Priklopils Sachen zu räumen. Das Haus habe sie einer Flüchtlingsfamilie zu Verfügung stellen wollen, erzählt sie. Das Projekt scheiterte jedoch an den Nachbarn und an «bürokratischen Hürden».

Derzeit bezieht Kampusch ein monatliches Einkommen von den Einnahmen aus ihrem Buch, den Interviews und einem Spielfilm. Wenn sie bescheiden lebt, reicht das noch für die nächsten zehn Jahre. Vom Staat hat sie nie Geld erhalten. Nun will sie die Matura nachholen, nimmt Gesangsunterricht und Reitstunden. «Jetzt beginnt erst die Phase, wo ich wirklich versuche, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und mich zu entfalten», sagt sie.

Das gesamte Interview. (Quelle Youtube/wocomoDOCS)

(kle)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau Heer am 29.07.2016 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schreckliche Erlebnisse

    Haus abreissen, Land verkaufen und die Kraft bekommen, nach vorn zu schauen.

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  • Vladimir am 29.07.2016 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn es eine Belastung ist....

    ... warum verkauft sie denn das Haus nicht? Das verstehe ich nicht.

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  • O. Bjektiv am 29.07.2016 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer war dabei?

    Was würde geschehen wenn sie dieses Haus zum Verkauf ausschreiben würde? Es könnte passieren, dass dieses Haus jemandem in die Hand fiele der erst recht dafür sorgen würde, dass sie ständig in den Medien wäre, schon mal darüber nachgedacht? Niemand von uns war dabei, auch daran sollte man immer denken bevor man sie verurteilt!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Art am 31.07.2016 00:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verarbeitung

    Man soll nicht über Schuhe urteilen die man noch nie an hatte. Die Zeit heilt keine Wunden, sie lernt uns aber mit ihnen umzugehen.

  • Evelyn am 30.07.2016 14:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsympathisch

    Diese ganze Kampusch-Geschichte ist mir nicht geheuer. Da stimmt noch viele Details nicht. Nur daran als sie beim ersten Interview den Täter noch in Schutznahm und auch jetzt immer wieder zurück in das Haus geht wo sie gefangen war.

    • Frau am 30.07.2016 14:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Evelyn

      Mysteriös und ungereimt, dieser Fall. NK ist jedoch Opfer, was auch immer die wahre Geschichte ist.

    • thomas am 30.07.2016 14:39 Report Diesen Beitrag melden

      ist doch einfach

      ganz einfach das nennt sich Stockholm-Syndrom.. aber wenn sie nie in so einer lage waren, können sie das garnicht beurteilen..

    • Frau am 30.07.2016 14:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @thomas

      Informieren Sie sich doch mal differenzierter über diesen Fall und seine Hintergründe.

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  • Ruhig Blut am 30.07.2016 14:08 Report Diesen Beitrag melden

    Mediengefängis

    Da kommst du aus dem Kerker raus und landest direkt im "Mediengefängis". Das wurde ja damals regelrecht ausgeschlachtet. Da ist es nicht verwunderlich wenn kurz vor dem 10 Jahrestag darüber Berichtet wird. In den letzten Jahren wars meiner Meinung nach recht ruhig um Sie. Aber schon Interessant das jeder ist plötzlich Hobbypsychologe ist und es besser weiss.

  • Betroffene am 30.07.2016 13:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn das Haus ihr nur Kosten verursacht

    Frau Kampusch sollte dieses Haus abreissen lassen und eine Gedenkstätte für alle verschleppten Kinder, für alle Missbrauchten Kinder, für alle getöteten Kinder, für alle Missbrauchten Kinder erstellen lassen. Sicher gäbe es Künstler welche da gratis mithelfen würden, eine Gedenkstätte würdevoll zu planen. Eine Rafel die immer wieder erweitert werden kann mit den Namen der Kinder, damit die zivilisierte Menschheit sieht wo sie im Jahr 2016 steht.

  • M.S. am 30.07.2016 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Langsam reicht es!

    Langsam reicht es. Das Ziel ist das Vergangene hinter sich zu lassen. In die Zukunft schauen und sich ein, so gut wie es geht, schönes Leben zu ermöglichen. Wenn diese Frau immer wieder zurückkehrt will sie einfach in die Medien. Ich finde das dreist gegenüber andern Opfer solcher Gewalttaten!