11. September 2007 10:55; Akt: 11.09.2007 12:36 Print

«Dritter Weltkrieg für 20'000 Franken»

Schon klar: Die Geschichte tönt ungefähr so glaubwürdig, als stamme sie aus der Feder von Edgar Allan Poe, dem Grossmeister der Fantastischen Literatur. Der Unterschied besteht natürlich darin, dass sie sich tatsächlich so zugetragen hat. Und zwar am 11. September 2001 auf der Redaktion von 20 Minuten.

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Um zirka 8.30 Uhr betrete ich das Büro von 20 Minuten, damals noch im Airgate an der Thurgauerstrasse in Zürich-Oerlikon angesiedelt. Kaum hab ich abgelegt und mich auf den Stuhl fallen lassen, kommt Kollege Jost B. auf mich zu und legt mir ein Post-It mit einer Handy-Nummer aufs Pult. 079 irgendwas. Ein Mann habe angerufen. Er wolle eine Information verkaufen. «Nun, was für eine denn?», erkundige ich mich. Jost schmunzelt: «Es handelt sich um ein bevorstehendes Ereignis, das den Gang der Welt verändern wird, ja möglicherweise einen Weltkrieg auslösen werde.» «Ein Irrer?» «Nun, gut möglich», antwortete Jost. Der Mann habe nämlich weiter erklärt, er wolle nur mit einem Kreativen sprechen. Er habe nur Vertrauen in Menschen, die in gestalterischen Berufen arbeiten, Grafiker zum Beispiel, wie er selber einer sei.

«Da haben sich ja zwei gefunden!», denke ich. Grafiker Jost, so trage ich ihm auf, soll nochmals Kontakt mit dem Informanten aufnehmen um im Kreativen-Gespräch mehr aus dem Herrn herauszuholen und ihn vor allem auf seine Glaubwürdigkeit abzuklopfen. Jost hängt sich ans Telefon und wählt die Nummer. Tatsächlich, der Mann nimmt ab. Über den Verlauf des Gesprächs kann ich nicht sehr viel sagen, da ich der ganzen Sache um ehrlich zu sein zu diesem Zeitpunkt nicht allzu grosse Bedeutung beimass.
Wenige Minuten später meldet sich Jost B. wieder bei mir. Nun, es habe nicht viel mehr herausgeschaut. Mehr oder weniger habe der Mann dasselbe erzählt wie beim ersten Telefonat: «Dramatisches Ereignis..., Gang der Welt verändern..., Dritter Weltkrieg beginnt...» Neu habe er einen Betrag genannt. Er wolle 20'000 Schweizer Franken für die vollständige Information.

Ok, das wars. Der Betrag spricht für sich. Das muss ein Wirrkopf sein, ein geldgeiler Verschwörungstheoretiker oder Spassvogel. Da es aber doch nicht ganz alltäglich ist, dass einer anruft und gegen 20'000 Franken die Apokalypse ankündigen will, geben wir die Nummer und den Sachverhalt an die Kollegen der Printausgabe von 20 Minuten weiter. Nur so der Ordnung halber. Dann widmen wir uns dem Tagesgeschäft und vergessen die Sache vorerst mal.

Etwa um 12 Uhr laufe ich Blattmacher Dieter L. über den Weg. Ich erkundige mich, ob man nochmal mit dem anonymen Anrufer Kontakt aufgenommen habe. «Ja, schon.» «Und?» L. zuckt mit den Schultern: «Nun, was will man machen? Wir haben mit Sicherheit keine 20 Kilo in der Portokasse. Ausserdem scheint der Typ durch den Wind und seine Story völlig diffus.»

Schnitt. Um 15.15 Uhr sitzen wir versammelt vor einem Fernsehgerät in der Redaktion und können nicht fassen, was CNN zeigt. Das erste Flugzeug verpassen wir. Und beim Zweiten glauben wir erst an ein Replay. Dann wird klar: Das ist live! Ist das der Ausbruch des Dritten Weltkriegs?

Dritter Weltkrieg? Da war doch dieser Anrufer, der die Apokalypse ankündigte! Ich muss zugeben: Meine Hände haben gezittert, als ich die Natel-Nummer unter «Letzte Kontakte» suche und anwähle. Tatsächlich: Die Stimme meldet sich. Das Gespräch hat sinngemäss so gelautet:
«Hallo?»
«Guten Tag, hier spricht Peter Wälty von 20 Minuten. Man hat heute Morgen bereits mehrmals Kontakt mit Ihnen aufgenommen.»
«Ja, ich weiss.»
«Ähm, sagen Sie mal. Hat das, was heute um 15 Uhr MEZ in New York passiert ist, etwas mit der Information zu tun, die Sie uns verkaufen wollten?»
«Ja, klar. Ich habs Ihnen ja gesagt. Der heutige Tag wird die Welt verändern.»
«Ja, aber woher hatten Sie Kenntnis von diesem Ereignis?»
«Wissen Sie, ich wusste das einfach, ich habe meine Quellen.»
«Aber was sind das für Quellen?»
«Kann ich Ihnen nicht verraten.»
An den weiteren Verlauf des Gesprächs kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Nur, dass der Mann ziemlich viel wirres Zeug verzapft hat. So von wegen Philosophie und Kulturen und Religion und dass das alles einen inneren Zusammenhang habe.

Zugegeben, ich war einigermassen ratlos. Haben wir richtig gehandelt? War es eine reine Koinzidenz, ein reiner Zufall? Gut möglich. Und selbst wenn wir schon um neun Uhr gewusst hätten, was sechs Stunden später passieren wird. Welche Beachtung hätten wir dem geschenkt? Sicherlich keine. Sicherlich hätten wir nichts publiziert. Denn man schreibt ja üblicherweise über Ereignisse, die passiert sind und nicht über jene, die eventuell noch passieren könnten. Insbesondere dann nicht, wenn jemand am Telefon den Weltuntergang ankündigt. Hätten wir aber den Hörer in die Hand genommen und den CIA angerufen? Oder das Pentagon? Hätte 20 Minuten 911 verhindern können?

Gemeldet haben wir schliesslich den Vorfall der Zürcher Stadtpolizei, brav die Story erzählt und die Handy-Nummer des Anrufers durchgegeben. Vielleicht schmort der anonyme Prophet der Apokalypse nun in Guantanamo. Wahrscheinlich aber eher nicht.

Peter Wälty

Und wo waren Sie am 11. September? Verraten Sie uns Ihre Story im Talkback!

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris am 11.09.2007 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    On the move

    Ich war im Auto. Anruf vom Kollegen. Beweg Deinen Arsch vor CNN. USA geht auf DEVCON 1. Der naechste TV war bei den Eltern. Meine Mutter fragte, was das bedeute und ich meinte nur "Krieg".

  • Steffen Jasmine am 11.09.2007 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    9/11

    Damals vor 6 Jahren war ich in der Schule. Ich glaube man kann sich sein leben lang daran erinnern wo man am 9/11 war.

  • jennifer am 11.09.2007 17:29 Report Diesen Beitrag melden

    9/11

    war im büro und dachte es wäre eine nachmachung von youtube....seit dem tag habe ich eine islamofobie!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • dominique aeschlimann am 15.12.2008 22:08 Report Diesen Beitrag melden

    aha

    ich weiss nicht wo ich war..ich habe es mitbekommen aber es hat mich nicht gross interessiert.was soll ich schon machen?ich kann doch auch nichts daran ändern.und mitleid zu verspüren bringt auch nichts..ich lasse es einfach so sein und lebe trotzdem weiter..mir doch egal

  • ItaloRaver am 13.09.2007 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    3/3 mit dem schlimmsten gerechnet

    ..... Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, und war Tage danach noch wie Paralysiert, ich dachte immer ist das der beginn des 3., das darf einfach nicht sein. Zum Glück ging es bis jetzt (für uns) gut, ich wüsste nicht was ich machen würde wenn es so weit wäre.

  • ItaloRaver am 13.09.2007 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    2/3 mit dem schlimmsten gerechnet

    ...... kam auch schon meine Mutter entgegen, ich zu ihr: hast schon gehört von wegen Flugzeugen in New .... Hat sie mich unterbrochen: sie bringen es so gut wie auf allen Sender. Ich hä wat, ging zum TV. Ich bekomme ein Gefühl wenn ich daran denke, das kann man nicht beschreiben. ............

  • ItaloRaver am 13.09.2007 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    1/3 mit dem schlimmsten gerechnet

    ich war glaub Krank (keine Ahnung) jedenfalls war ich zu hause, und habe lange geschlafen. Als ich dann mal Radio anmachte, kam auch bald die Meldung: Flugzeug ....... Twin Towers ... New York ....... vermutlich Terroristischer-Anschlag. Ich dachte: hä wat geht ab, ging aus dem Zimmer, .......

  • Nick am 12.09.2007 17:42 Report Diesen Beitrag melden

    10 Jahre alt

    Damals war ich 10 Jahre alt! So viel ich noch weiss, war es damals auch ein Dienstag und ich hatte wie immer Klavierunterricht! Als mich nach dem Unterricht (zwischen 14 und 16 Uhr )meine Mutter abholte hörte sie ausergwöhnlich laut Radio und für einmal erzählte ich nicht von der Schule!