Blinder Passagier im FCZ-Car

08. Februar 2011 17:20; Akt: 08.02.2011 19:55 Print

«Eigentlich passt hier kein Mensch hinein»

von Marion Bangerter/Amir Mustedanagic - Der FCZ-Car hat einen blinden Passagier aus Tunesien eingeschleust. Der Mann wagte einen todesmutigen Ritt auf einem Eisenträger – 30 Stunden lang. «Unglaublich», sagt Fahrer René Senn.

(Video: Marion Bangerter/Amir Mustedanagic)
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René Senn hat viel gesehen in seinen zwölf Jahren als Busfahrer. Was er aber am Samstag entdeckte, kann der 45-Jährige bis heute nicht glauben. «Es ist mit Abstand das Aussergewöhnlichste, dass ich je erlebt habe», so der Car-Fahrer des FC Zürich vor rund 30 Medienleuten. All die Journalisten, Fotografen und Kameraleute sind gekommen, um die Geschichte des blinden Passagieres an Bord des FCZ-Cars zu hören.

30 Stunden hat der 21-jährige Tunesier in einem Hohlraum hinter dem hinteren Radkasten verbracht. «Einem unglaublich kleinen Hohlraum», betont Senn. Gerade mal 55 auf 60 Zentimeter ist die Öffnung gross und 80 Zentimeter hoch. «Ein normaler Mensch passt da gar nicht rein», sagt Senn. Der junge Tunesier hat es nicht nur rein geschafft, er überstand auch den Höllenritt unbeschadet. «Eine unglaubliche Leistung», sagt Senn, «er konnte sich nur auf eine kleinen Eisenstange abstützen.»

Kurvig, holprig, lebensgefährlich

Der 45-jährige Busfahrer hat sich während der Fahrt von Tunis nach Zürich nicht zurückgehalten. Der Bus war leer und die Fahrt lange. «Ich wollte möglichst schnell nach Hause», so Senn, «ich bin zügig gefahren.» Vor allem die Strecke vom Hafen von Genua auf die Autobahn sei brutal.

«Es ist kurvig, es hat Schlaglöcher, es rumpelt – keine Ahnung wie der Junge das auf dem Träger überstand», sagt Senn. Selbst sein Beifahrer habe sich immer wieder festhalten müssen. Der junge Tunesier hingegen hielt sich offenbar an ein paar Kabeln fest. «Und das», sagt Senn mit Verblüffung, «bei knapp null Grad, Regen und Schnee.»

«Kein Wunder hat ihn niemand gefunden»

Für Senn ist klar: Der Mann hat sein Leben riskiert. «Unter ihm war nichts als die Autobahn – ich hätte nicht mal gemerkt, dass er aus dem Hohlraum fällt.» Der Tunesier im FCZ-Bus sei nicht der einzige, der dieses Risiko in Kauf genommen habe, sagt Senn. «Im Hafen in Tunesien haben die Grenzpolizisten viele blinde Passagiere entdeckt, die sich unter irgendwelchen LKWs und Containern versteckt hatten.» Sie hätten nicht gewusst, wohin ihre Reise gehe, so der Buschauffeur.

Obwohl er die Szenen gesehen hat, kontrollierte René Senn seinen Bus nicht noch einmal. An der Grenze sei er fünf Mal intensiv untersucht worden. «Jetzt da ich weiss, wo sich der Mann versteckt hat», fügt Senn lachend an, «erstaunt es mich nicht, dass ihn niemand entdeckt hat.»

«Er ist munter gewesen»: Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi über den blinden Passagier: