Interview mit «El Chapo»

12. Januar 2016 11:11; Akt: 12.01.2016 15:11 Print

«Einige hätten dafür ihr Erstgeborenes geopfert»

Jan Wenner, Chefredaktor des «Rolling Stones»-Magazins, nimmt Stellung zum Interview mit «El Chapo»: Dass die Publikation und die Verhaftung auf den gleichen Tag fielen, sei reiner Zufall.

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Dieses Bild ging um die Welt: Handschlag zwischen Schauspieler Sean Penn und Drogenbaron Joaquín Guzmán «El Chapo». (02. Oktober 2015) (Bild: Twitter RollingStone)

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Der Schauspieler Sean Penn ist für sein Treffen mit dem flüchtigen Drogenbaron Joaquín «El Chapo» Guzmán scharf kritisiert worden. «Jeder hätte das getan», verteidigt Jann Wenner, Chefredaktor des Magazins «Rolling Stone», das Interview bei dem US-Sender CNNLink.

Einige Menschen hätten wahrscheinlich sogar ihr Erstgeborenes geopfert, um diese 10'000 Wörter auf Papier zu bekommen, sagt er weiter. Gemeint ist damit das umstrittene Interview mit «El Chapo», dem meistgesuchten Mafiaboss der Welt. Der Schauspieler Sean Penn traf den Drogenboss Anfang Oktober und sprach mit ihm über seine Drogengeschäfte – und über all die unschönen Details. Dass das Treffen überhaupt zu Stande kam, hat Penn grösstenteils seiner mexikanischen Kollegin Kate del Castillo zu verdanken, die einen guten Draht zu «El Chapo» pflegte.

Sieben Stunden lang sprach Penn mit dem Drogenboss. Das Ergebnis: ein Foto mit «El Chapo» und viel Kritik. Ob sich Penn, vor allem aber del Castillo, mit diesem Interview strafbar gemacht haben, ist bis jetzt noch unklar. In Ermittlerkreisen fordert man jedoch, dass die zwei verhört werden sollen. Auf die Frage, ob sich das Magazin vor rechtlichen oder anderen Konsequenzen fürchte, antwortete Jan Wenner mit einem einfachen «Nein». Der meistgesuchte Drogenboss der Welt sei zwar an dem Tag gefasst worden, als das Magazin in den Druck gegangen sei. Das sei aber reiner Zufall gewesen und überhaupt nicht geplant. «Wer will uns etwas anhaben? Weder ich noch Sean Penn haben jemandem Informationen zugespielt», sagt Wenner weiter.

Nach Interviews mit gesuchtem Gesprächspartner abtauchen

Wenn es nach dem Anwalt Jason Fine ginge, müsse Penn sich nicht nur vor den rechtlichen Konsequenzen fürchten, wie er in einem Interview mit der «New York Times» sagt. Im schlimmsten Fall werde dieser Bericht Penns Leben verändern. Seit der Publikation des Artikels habe sich der Schauspieler nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Und es habe diverse andere Journalisten gegeben, die nach einem Interview mit einem flüchtigen Gesprächspartner eine Zeit lang hätten abtauchen müssen, manche von ihnen hätten nie wieder ein normales Leben geführt.

Vor allem die Tatsache, dass nach Guzmán zum Zeitpunkt des Gesprächs international gefahndet wurde, sorgt für schlechte Stimmung. Und dass «El Chapo» den Artikel gegenlesen durfte, wie es im Journalismus üblich ist, wird dem Chefredaktor des Magazins vorgeworfen. Obwohl dieser abermals erwähnte, dass der Drogenboss «keinerlei Änderungen» vorgenommen habe.

Erst am vergangenen Freitag wurde der meistgesuchte Mafiaboss der Welt gefasst. Ein Auslieferungsverfahren in die USA wurde bereits eröffnet, es könnte sich aber bis sechs Jahre hinziehen.

(nab)