Notwasserung

16. Januar 2009 10:29; Akt: 20.01.2012 13:07 Print

«Fertigmachen für den Aufschlag»

Nach dem glücklichen Ausgang der Notwasserung melden sich jetzt die überlebenden Passagiere. Die Meisten schlossen vor der Notlandung mit ihrem Leben ab - behielten aber einen erstaunlich kühlen Kopf.

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Die 64-jährige Beth McHugh verlässt das Jersey City Medical Center: «Wir wussten, dass wir auf dem Fluss landen. Die Frage war nur, wie nahe an den Häusern das sein sollte.» Dave Sanderson erinnert sich an einen lauten Aufprall. Auch andere Passagiere des Airbus hatten etwas gehört, das sich wie eine Explosion anhörte. Überlebender Dick Richardson: «Der Captain sagte, wir sollten uns auf einen Aufprall vorbereiten, weil wir runtergingen.» Carl Bazarian aus Amelia Island ist ein weiterer Überlebender. Alle Passagiere hätten sich geduckt und gebetet, berichteten sie später. Josh Peltz aus Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina: «Plötzlich wurde es im Flugzeug unheimlich leise, niemand redete.» «Ich öffnete die Tür und liess die Frau in der Notausgangsreihe vorbei. Zu diesem Zeitpunkt war der Flügel noch oberhalb des Wassers, aber man merkte schon, wie er sich senkte», so Peltz weiter. Don Jones aus Jacksonville berichtete: «Wir hoben ab, und weniger als eine Minute später hörten wir so etwas wie einen starken Schlag.» «Es war heftig. Man muss es dem Piloten anrechnen. Er hat eine höllisch gute Landung gemacht», berichten die Überlebenden. Fred Berretta hatte einen Fensterplatz in der Reihe 16: «Wir hörten einen Vogelschwarm, einen massiven Vogelschwarm.» Andere Passagiere sagten, wenige Minuten nach dem Start habe es einen Knall wie bei einer Explosion gegeben. «Ein Triebwerk explodierte. Überall war Feuer und es roch nach Benzin.» Sandy List wird von ihrem Ehemann Nelson geküsst. «Wir hatten ein Wunder auf dem Hudson River», sagte später New Yorks Gouverneur David Paterson. Einige Passagiere sagten, sie hätten erst realisiert, dass die Maschine auf dem Wasser war, als das Wasser hereinzuströmen begann. «Es war, als wären wir auf dem Flughafen gelandet», erzählten sie den Medien. Sheikh Ali wartete auf seinen Kollegen Matt Kane am Flughafen. Er schickte eine Textnachricht aus seinem Blackberry: «Wo bist du?» - «Wir sind auf dem Hudson gelandet», war die Antwort.

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John Kolodjay, sein Vater und vier Freunde hatten ursprünglich einen anderen Flug nach Charlotte gebucht, der jedoch ausfiel. Aber selbst die Verspätung seines Ersatzfluges kann Kolodjay die Laune nicht verderben. Trotz der Kälte von minus sieben Grad hat er bereits seine Golfkappe aufgesetzt. Am Abend wollen seine Freunde und er in Myrtle Beach in North Carolina sein, um bei milden Temperaturen ein paar Tage Golf zu spielen.

Die Maschine gewinnt nach dem Start um 15.26 Uhr weiter an Höhe, 800 Meter, 1.000 Meter. Die Appartement-Türme der Washington Heights gleiten unter dem Flugzeug vorbei, davor liegen der Hudson und New Jersey.

Doch im Cockpit weiss Captain Sullenberger zu diesem Zeitpunkt bereits, dass etwas nicht stimmt. Weniger als eine Minute nach dem Start hat er der Flugsicherung einen «doppelten Vogelschlag» gemeldet und erklärt, dass er zum Flughafen zurückkehren müsse.

«Fertigmachen für den Aufschlag»

In der Kabine merken bald auch die Passagiere, dass etwas schief läuft. Berretta hört einen Knall und sieht dichten Rauch aus einem der Triebwerke steigen. «Da war Feuer, die Flammen schlugen heraus und ich sass direkt davor», sagt auch Kolodjay.

Das Flugzeug dreht nach links Richtung Hudson und verliert schnell an Höhe. «Brace for impact - Fertigmachen für den Aufschlag», bellt die Stimme des Piloten aus den Kabinenlautsprechern. Beretta beugt sich nach vorne und betet, auch Kolodjay spricht ein Ave Maria. Augenblicke später schlägt die Maschine auf dem Wasser auf.

Zahlreiche New Yorker sind Augenzeugen der Notlandung. Handelsvertreter Jeremy Maycroft steckt gerade mit seinem Auto im Stau an der Ecke der Ninth Avenue und 34. Strasse und starrt nach Westen. «War das ein Flugzeug?», fragt er sich ungläubig.

Langsam dringt das Wasser ein

In der Kabine der Maschine herrscht nach dem Aufschlag kontrolliertes Chaos. «Menschen rannten durch den Mittelgang, andere wurden aus dem Weg geschubst», wie Passagier Dave Sanderson sagt. «Es war eine Mischung aus Schreien und Weinen», sagt Alberto Panero. Aber schnell hätten einige der Insassen begonnen, für Ruhe zu sorgen und die Leute zu beruhigen.

Währenddessen schlägt das graue Wasser des Hudsons gegen die Scheiben und dringt langsam in die Kabine ein. «Für eine Sekunde dachte ich, ich werde im Flugzeug sterben. Ich werde ertrinken», sagt Passagier Bill Zuhoski.


Der Aufprall sei ungeheuer stark gewesen, erzählte Zuhoski — er habe dabei seine Brille verloren. Andere hingegen erzählten, sie hätten erst realisiert, dass die Maschine gelandet war, als das Wasser hereinzuströmen begann. «Es war, als wären wir auf dem Flughafen gelandet», sagte eine Überlebende der New York Times.

«Frauen und Kinder zuerst», rufen einige Männer. An den Türen vorne und in der Mitte der Maschine verlassen die Passagiere die Maschine. Der letzte, der aussteigt, ist Kapitän Sullenberger. Zuvor hat er zweimal das Flugzeug abgeschritten, um sicherzugehen, dass tatsächlich niemand mehr an Bord ist.

Die meisten Passagiere suchen auf den Tragflächen Zuflucht, andere in Schlauchbooten. Nur wenige springen ins eiskalte Wasser. Hilfe ist schnell vor Ort. Fähren und Boote der Polizei und Küstenwache eilen sofort zu dem Flugzeug und nehmen die Menschen auf.


«Ich hatte keine Angst, bis ich im Boot war»

«Wir mussten eine ältere Frau mit einer Seilschlinge aus dem Schlauchboot ziehen. Sie weinte», sagt Fährkapitän Vincent Lombardi. Eine Frau mit einem neun Monate alten Baby muss lange überredet werden, ihr Kind zu den Rettern zu werfen. Eine Reisende - offensichtlich unter Schock - habe sogar zunächst das Flugzeug nicht ohne ihr Gepäck verlassen wollen, berichtet Sanderson.

«Ich hatte keine Angst, bis ich im Boot war», sagt Sanderson weiter. «Dann habe ich gemerkt, dass ich kein Gleichgewichtsgefühl mehr hatte. Ich konnte meine Hände nicht mehr fühlen.»

Zurück am Festland laufen die Geretteten benommen hin und her, schütteln sich die Hände, einige umarmen sich sogar, obwohl sie sich vorher meist nicht gekannt haben. «Mit all den Fremden hatten wir plötzlich eine gemeinsame Verbindung», sagt Panero später in einem Fernsehinterview.

Der Überlebende Bill Zuhoski im Interview

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Alle Passagiere konnten gerettet werden

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(dhr, alle Videos: AP/Reuters)