Drohnen über Gatwick

21. Dezember 2018 10:01; Akt: 21.12.2018 15:23 Print

«So ein Angriff wäre auch in der Schweiz möglich»

von Zora Schaad - Eine Drohne legte den Flughafen Gatwick im Weihnachtsandrang lahm. «Kein Zufall», meint ein Experte.

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Seit Mittwochabend sind 110'000 Passagiere am Londoner Flughafen Gatwick wegen Drohnenflügen über dem Flugfeld gestrandet. Sämtliche Flugbewegungen mussten wegen der Störaktion abgesagt werden. Die britische Polizei geht davon aus, dass der oder die Drohnenlenker den Flughafen ganz gezielt lahmlegen wollen.

Bislang vermied die Polizei einen Einsatz von Schusswaffen aus Sorge vor Irrläufern. Mittlerweile sei aber auch ein Abschuss eine Option, sollte es zu weiteren Drohnensichtungen kommen. Seit Freitagmorgen hat der Flughafen den Betrieb mit Einschränkungen wieder aufgenommen.

Luftfahrtanalytiker Colin Voide (18) erklärt, wie es zu dieser massiven Störung kommen konnte – und dass so ein Angriff auch am Flughafen Zürich möglich wäre.

Herr Voide, wie kann das sein, dass ein grosser Flughafen wie Gatwick so lange lahmgelegt wird und es der Polizei nicht gelingt, die Drohnenpiloten dingfest zu machen?
Jeder kann grundsätzlich eine Drohne kaufen, und es ist auch nicht so komplex, die Flugverbotszonen, die über Flughäfen herrschen, zu entsperren. In der Schweiz kann man das über die Website des Herstellers tun, man muss sich dafür allerdings ausweisen und kann so auch aufgespürt werden. Eine andere Möglichkeit ist es, die Sperrungen zu hacken. Auf Youtube finden sich Anleitungen dazu. Dann können die Drohnen auch in die Gefahrenzohnen fliegen. Ich gehe allerdings davon aus, dass die Dinge in Gatwick anders liegen.

Und zwar?
Es ist gut möglich, dass die Drohnen in Gatwick selbst gebaute Modelle sind, die von Anfang an kein GPS eingebaut haben, also keine Sperrzonen kennen und nicht geortet werden können.

Wäre so ein Angriff auch in der Schweiz möglich?
Auf jeden Fall, die Flugverbotszonen in der Schweiz sind genauso einfach zu umgehen wie in Grossbritannien. Wenn Drohnen sehr hoch aufsteigen, können sie an vielen Orten Flugzeuge beim An- oder Abflug stören. Die Schweiz ist nicht gross und es gibt viele kleine Flughäfen, man müsste die Flugsverbotszonen also stark ausweiten, um das Risiko zu mindern. Obwohl Sperrzonen ja ohnehin kein wirkliches Hindernis darstellen.

Skyguide präsentiert in diesem Video U-space, ein Dienstleistungspaket für Drohnennutzer. Es soll den Zugang zum Flugraum regulieren, Fluggenehmigungen managen und den Flug der Drohne zurückverfolgen. Gegen gehackte Drohnen ist U-space allerdings ebenfalls machtlos.

In Gatwick sprechen Sie von Drohnen in der Mehrzahl?
Bis jetzt gibt es rund 50 Drohnensichtungen in Gatwick. Ich bin fast sicher, dass mehrere Drohnen im Einsatz sind, die aufsteigen, landen und zwischendurch wieder aufgeladen werden.

Dann sind auch mehrere Drohnenpiloten beteiligt?
Ja, davon ist auszugehen. Ich nehme an, dass ein ganzes Team von Oberservern und Piloten an diesem Angriff arbeitet. Die Observer bewegen sich unauffällig in der Menschenmenge und geben den Piloten durch, wenn Helikopter aufsteigen oder die Polizei sonstige Massnahmen trifft. Die Piloten selbst sind möglicherweise Dutzende Kilometer weg. Wenn die Drohne gute Kameras an Bord haben, braucht es keinen Sichtkontakt mehr. Es ist für die Polizei sehr schwierig, die Drohnen und die Piloten zu fassen.

Eine Churer Firma zeigt in diesem Video die von ihr entwickelte Pistole, mit der Drohnen vom Himmel geholt werden können.

Das klingt, als ob Profis am Werk wären ...
Ich gehe von sehr intelligenten Leuten aus, die das während Monaten geplant haben. Technisch sind sie versiert oder haben sich ihre Informationen im Internet zusammengesucht. Sie treffen den Flughafen in den Tagen vor Weihnachten zu einer sehr empfindlichen Zeit, das kann kein Zufall sein. Es könnte sein, dass es Öko-Aktivisten sind, wie vielerorts spekuliert wird.

110'000 Passagiere sind gestrandet, viele Airlines mussten auf andere Flughäfen ausweichen. Der Schaden dürfte enorm sein.
In der Tat. Tausende unschuldige Menschen sind betroffen und können nun vielleicht nicht oder erst verspätet in ihre Weihnachtsferien fliegen. Es wird Tage dauern, bis der Betrieb wieder normal läuft. Der Schaden dürfte in die Millionen gehen. Für mich ist das wie ein Attentat.