Schlepper-Opfer

01. August 2016 22:18; Akt: 02.08.2016 13:24 Print

«Ich arbeitete von 9 bis Mitternacht, ohne Pause»

Statt der Freiheit erwartet junge Flüchtlinge in Italien oft ein Leben in Sklaverei. Lovet aus Nigeria, Ana aus Rumänien und Amir aus Ägypten erzählen von ihrem Schicksal.

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In Italien werden viele minderjährige Flüchtlinge von Menschenhändlern ausgebeutet. Die Organisation Save the Children hat mit einigen Opfern gesprochen. Ihre Geschichten sind aufwühlend und erschütternd.

Lovet (17) aus Benin City, Nigeria

«Ich wohnte bei meiner Grossmutter. Als sie starb, zog ich zu meinem Vater. Das Zusammenleben mit meiner neuen Familie war nicht glücklich, weil mich meine Stiefmutter schlug, wovon ich Narben am ganzen Körper davontrug. Darum entschied ich mich, nach Europa zu reisen, auch um meiner Mutter zu helfen, die finanzielle Probleme hatte.

Eine Freundin setzte mich in Verbindung mit Mamma G., die versprach, dass ein Mann namens V. meine Reise nach Italien bezahlen würde. Die Fahrt würde höchstens zwei Wochen dauern. In Italien könnte ich dann arbeiten, um meine Schulden abzuzahlen. Was sie nicht sagte, ist, dass ich mich dafür prostituieren müsste. Beim Dorfpriester besiegelten wir unseren Deal mit einem Voodoo-Ritual. Ich verpflichtete mich, 30'000 Euro zurückzuzahlen. Andernfalls würde ich sterben.

Am 24. Januar 2015 reiste ich mit meiner Freundin und noch einem Mädchen ab. Nach einer Woche kamen wir in Libyen an. Dort wurden wir von Soldaten vergewaltigt. Erst nach drei Monaten reisten wir nach Palermo weiter, wo schon jemand auf mich wartete. Ich wollte mich aber nicht an die Abmachung halten.

Ich schloss mich einem Schutzprogramm an. Seither wohne ich in einem Fluchthaus und bekomme psychologische Unterstützung. Jetzt habe ich Angst, weil V.s Schwester ein Foto von mir hat.»

Ana aus Constanta, Rumänien

«Mein Vater starb, als ich acht Jahre alt war. Ich habe vier Brüder. Einer von ihnen ist an Magenkrebs erkrankt. Um Geld für seine Operation zu verdienen, entschied ich mich, auswandern.

Via Facebook kontaktierte ich eine ehemalige Nachbarin, die jetzt in Italien lebt. Sie sagte, ich könne als Tellerwäscherin arbeiten. Die Hälfte meines Lohns würde sie als Gegenleistung für die Unterkunft behalten. Als ich ankam, erzählte sie mir, dass ihr Lebenspartner ein gewalttätiger Mann sei. Sie sagte, ich solle duschen, denn wir würden zusammen auf die Strasse gehen, um als Prostituierte zu arbeiten.

Ihr Partner nahm mir meinen ganzen Verdienst weg. Auch meinen Ausweis behielt er. Oft schlug und vergewaltigte er mich. Die Bilder davon veröffentlichte er auf Facebook. Eines Abends rannte ich davon und kontaktierte die Polizei. Jetzt wohne ich in einer Auffangeinrichtung, um mich von den körperlichen und seelischen Schäden zu erholen.»

Amir (17), Ägypten

«Ich floh von zu Hause, weil mein Vater mich misshandelte. Ich reiste nach Alexandria und stieg dort mit 30 anderen Menschen in ein kleines Boot, das uns auf ein grösseres Schiff bringen sollte. Weil aber die Polizei die Schlepperbande fasste, irrten wir zwei Tage im Meer herum, bis wir eine Insel erreichten. Von dort schickten sie uns nach Ägypten zurück. Ich versuchte es nochmal.

Beim zweiten Mal reiste ich in einem Boot, das so voll war, dass es zu kentern drohte. Wir fuhren eine Woche lang – ohne Wasser, ohne Essen. Als wir Brindisi erreichten, rannte ich davon und rief meinen Onkel in Turin an. Er nahm mich bei sich auf, dafür musste ich in seiner Pizzeria arbeiten. Aber mein Onkel war schlimmer als mein Vater. Er beleidigte und schlug mich. Ich arbeitete von 9 Uhr morgens bis Mitternacht, ohne Pause. Nachdem er mir drei Monate keinen Lohn bezahlt hatte, sagte er mir, dass er den Laden verkauft habe. So war ich wieder in Schwierigkeiten.»

(kle)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Britschula am 30.07.2016 10:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Vorstellungen

    Ich bin dankbar hier zu leben! Aber "wir" können nicht die ganze Welt retten! Viele haben total falsche Vorstellungen von Europa! Der Leidensweg bis dahin ist teuer und risikoreich! Kaum da, spüren die Leute die Abneigung, was zur Frustration führt! Was bewirkt Frustration? Hinzu kommen Kommunikationsprobleme, Famile und Freunde weg... Mmmhhh! Manchmal frage ich mich was "besser" ist?!

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  • Roswitta Meier am 30.07.2016 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso

    Bleiben sie nicht zuhause, dort haben sie auch Chancen. Sicher nicht die selben, aber auch der Schutz der Family. Langsam aber sicher wird es auch hier ungemütlich wenn die falschen Asylsuchenden nicht umgehend weggewiesen werden oder gleich nachhause geflogen werden. Für die richtigen sollte immer irgendwo ein Platz sein, so fair sollte es sein. Unser system läuft langsam am Limit, das weiss ich. Die Zahlen sprechen für 3-4 Jahre, danach wünsche ich allen die hier mitzahlen viel Glück.

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  • Enibas am 30.07.2016 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sprachlos

    Sprachlos, aber gut wird das schreckliche Thema aufgegriffen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gast am 03.08.2016 00:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sklaverei in Europa

    Das ist moderne Sklaverei, leider auch in Europa. Leider wird auch dieses mal alles schnell wieder vergessen sein.

  • RoCh am 31.07.2016 10:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein krieg, keine flüchtlinge

    was war zuerst? der bombenteppich oder die flüchtlinge? alle waffenexportierenden länder, viele davon aus europa profitieren vom krieg und dem daraus resultierenden elend...und nun wundern wir uns, dass die menschen fliehen? solange kriege aus geopoltischen gründen geführt werden und gewinn daraus gezogen wird, wird sich nie etwas ändern. den flüchtlingen sollte man hilfe vor ort gewähren, sicherheit und schutz bieten. die menschlichen ressourcen brauchen die staaten für die reorganisation und den wiederaufbau.

    • apollocombat am 31.07.2016 14:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @RoCh

      wie will das funktioneren wenn die machthaber davon profitieren?

    • RoCh am 31.07.2016 16:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @apollocombat

      leider gar nicht, so wie sich sämtliches elend dieser erde niemals beenden lassen wird. solange profitgier und macht regiert.

    • Blattherz am 01.08.2016 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @RoCh

      Ich glaube nichts mehr tut mir leid

    • Michi Richi am 01.08.2016 23:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @RoCh

      Du hast mehr Intelligenz als 99% der Leute die hier kommentieren. Ich gratulieren ihnen

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  • Ronny am 30.07.2016 16:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwierige Lage

    Wenn Amerika, Europa, und Russland nicht die Afrikanischen Länder selber ihren Reichtum handeln lassen, weil sie nur den Gewinn erzielen wollen, dann werden wir nicht unsere ruhe haben. Es wird uns die menschliche Strom auf lange Sicht überwältigen. Die sind nicht mehr zu stoppen.

    • Retteligent am 30.07.2016 16:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ronny

      Genauer hätte ich nicht gesagt @Ronny!!

    • Meister Lampe am 30.07.2016 16:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Retteligent

      Ich habe es genauer gesagt.

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  • Marlies Meier am 30.07.2016 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    Vor Ort

    müsste Aufklärung betrieben werden. Stattdessen schämen sich die Betroffenen und erzählen nichts. Hier immer gegen unsere Politiker zu stänkern, ist doch peinlich. Bis die Betroffenen italienischen Boden (also Europa) erreicht haben, ist das Meiste ja schon passiert. Wären die Mädchen aufgeklärt, würden sie die Heimat nicht verlassen. Was ich über die Eltern der Kinder denke, lassen wir mal weg.

  • Hunni am 30.07.2016 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Lukratives Geschäft

    Solange so viele an Melnschen verdienen kömnen. Solange wird nichts geschehen.

    • NYkOz am 30.07.2016 16:25 Report Diesen Beitrag melden

      Zeit zum Umdenken.

      Dann darf man aber sehr lange warten, denn die ganze Sozialindustrie - Non Profit Organisationen, Deutschkurse, Sozialarbeiter, Therapeuten, Ärzte, Pharmaindustrie, Beratungsstellungen für Migräne, Rechtsanwälte, Mafia, Geschäfte, Menschenhändler, Schlepper - alle profitieren von der Schenkung der Steuer an ihnen. Nur der Steuerzahler, der dünne Mittelstand wird ausgesaugt bis es die nicht mehr gibt. Was macht dann der Staat? Ist es nicht die Zeit zum Umdenken?

    • Waterpolo1s am 30.07.2016 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hunni

      LEIDER!!!

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