Augenzeugen-Bericht

15. März 2011 11:47; Akt: 15.03.2011 12:28 Print

«In der Schweiz wäre ich auch nicht sicherer»

von Antonio Fumagalli - Während die Welt wegen der drohenden Atomwolke den Atem anhält, bleibt Etienne Staehelin ruhig. Dennoch ist er nun am Packen für die Abreise aus Tokio.

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Wie viele Japaner auch, plant der Zürcher Austauschstudent Etienne Staehelin aus Tokio abzureisen. (Bild: AFP)

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Es ist drei Uhr nachmittags – und Etienne Staehelin, Zürcher Austauschstudent in Tokio, ist gerade erst aufgestanden. «Die Behörden haben angekündigt, am Morgen während drei Stunden den Strom abzustellen, also habe ich einfach meinen Schlafrhythmus verschoben», sagt der 23-Jährige mit Morgenstimme. Beim ersten Telefongespräch vom Samstag hatte er gerade Vorräte gekauft und seine Badewanne für den Notfall mit Wasser gefüllt, am Tag darauf war er dann schon fast alleine in seinem Studentenwohnheim. Trotz der mittlerweile auch Tokio bedrohenden Atomwolke wirkt er ziemlich entspannt und gibt gegenüber 20 Minuten Online bereitwillig Auskunft über die derzeitige Lage in der japanischen Hauptstadt.

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«Im Gegensatz zu praktisch allen Mitbewohnern im Studentenheim habe ich bis anhin noch nicht in Betracht gezogen, abzureisen. Ich bin kein ängstlicher Typ und fühle mich eigentlich sicher. Aufgrund der mittlerweile auch hier erhöhten Radioaktivität werde ich zusammen mit einem amerikanischen Freund nun aber trotzdem die Koffer packen. Wir planen, ein paar Tage in den Südwesten nach Osaka oder Kyoto zu fahren – diese Städte wollte ich sowieso mal besuchen. Die wichtigsten Gegenstände habe ich gleich nach dem Erdbeben bereitgelegt, meine sieben Sachen sollten also schnell beisammen sein. Nicht fehlen darf der Laptop und mein Handy, die waren extrem hilfreich in den letzten Tagen. Nur dank meinem internetfähigen Smartphone war es mir jederzeit möglich, mit meinem Umfeld in Kontakt zu bleiben. Sicher mitnehmen werde ich aber auch meine Japanisch-Lehrmittel, ich bereite mich derzeit auf eine anspruchsvolle Sprachprüfung vor.

Grundsätzlich ist die Lage hier im Süden Tokios ziemlich ruhig. In den Läden sind zwar einige Produkte wie Zwischenmahlzeiten oder grosse Getränkeflaschen nicht mehr erhältlich, von Hamsterkäufen oder Wucherpreisen habe ich aber nichts mitgekriegt. In einem Blog habe ich sogar gelesen, dass Ladeninhaber, die ihre Preise künstlich erhöhen, öffentlich denunziert werden. Ohnehin bewundere ich die japanische Disziplin: Wer auch immer kann, versucht, wie von der Regierung propagiert, seinen Stromverbrauch einzuschränken. Viele Läden haben deshalb ihre Leuchtreklamen ausgeschaltet, obwohl sie geöffnet sind.

Natürlich werde ich immer wieder gefragt, weshalb ich nicht wie viele andere Schweizer direkt nach Hause komme. Ich antworte dann immer gleich: Einerseits glaube ich, dass im Westen die reale Gefahr für die Bevölkerung, die nicht in unmittelbarer Nähe der beschädigten AKWs wohnt, überschätzt wird. Andererseits ist es auch schlicht weniger umständlich, per Zug in eine entfernte japanische Grossstadt zu reisen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es dort gefährlicher ist als in der Schweiz. Meine Eltern haben mich auch nie unter Druck gesetzt, vielleicht ist es aber gerade gut, dass meine Mutter im Umgang mit dem Internet nicht so geübt ist – sonst hätte sie vielleicht mehr Angst um mich.

Ich bin schon noch erstaunt, wie sich nach dem ersten Bericht auf 20 Minuten Online mehrere Schweizer Medien auf mich gestürzt haben. Dabei habe ich die Aufmerksamkeit gar nie gesucht. Wenn ich damit aber etwas zur Aufklärung der teils verworrenen Situation tun kann, mache ich dies gerne. Und bis anhin hat mir zum Glück noch kein Schweizer Freund geschrieben, dass es nun langsam reiche mit meiner Medienpräsenz.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefan am 15.03.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Etienne

    Endlich mal ein intelligenter Schweizer der sich nicht von der Hysterie anstecken lässt. Es gibt Menschen auf dieser Welt die leben 24 Stunden in Angst, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Atom, Verkehr, etc... Was für ein Leben ist das denn?

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  • giullietta am 15.03.2011 12:05 Report Diesen Beitrag melden

    Städtetrip

    Mit diesem Beitrag habe ich etwas Mühe. Tausende mussten sterben oder haben alles verloren und Etienne nutzt nun halt die "Umstände" zu einem Städtetrip nach Osaka. Diese Coolness finde ich etwas unangebracht. Sorry

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  • L. Forester am 15.03.2011 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    respekt

    es scheint, als bestehe die leserschaft hier drin fast ausschliesslich aus experten. schön. natürlich ist die situation nicht wünschenswert und für alle betroffenen sehr dramatisch. der ruhige umgang des studenten ist allerdings bewundernswert. sein verhalten zu verurteilen zeugt allein von der unfähigkeit, sich nicht in eine solche situation versetzen zu können. als 1986 in der schweiz radioaktiver regen niederging scheinen die wenigsten weggelauften zu sein. und siehe da, wir leben noch. man kann vor einem unglück nicht immer nur davon laufen, sondern auch damit umgehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Aneki-Sama am 16.03.2011 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst informieren, dann urteilen

    Ich finde es amüsant zu beobachten, wie dieser Student polarisiert. Man kann ihn vielleicht als naiv bezeichnen (obwohl er sich, wie auch aus anderen Medien-Berichten hervorgeht, gewissenhaft informiert), aber ich finde es absolut unhaltbar, ihm mangelndes Mitgefühl gegenüber den Japanern zu attestieren. Wer den Bericht im Tagesanzeiger vom Monat gelesen hätte, wüsste, dass er gerade aus Solidarität gegenüber dem Land, das er so liebt, geblieben ist, und freiwillige Hilfe leisten wird, sobald die erste Gefahr gebannt ist.

  • Raindrop am 16.03.2011 08:36 Report Diesen Beitrag melden

    Mitgefühl

    Ruhe bewahren ist sicher gut und wers kann, hat den ängstlichen Menschen was voraus. Wie wärs aber mit Mitgefühl für die vielen Erdebebenopfer? Anstatt seelenruhig eine Reise zu machen, könnte man da nicht irgendwo freiwilligen Hilfsdienst leisten?

    • Y.Tempelman am 17.03.2011 02:16 Report Diesen Beitrag melden

      So einfach ist das nicht

      Ich lebe momentan in Japan, an der Westküste ca. 250km Luftlinie vom Unglückreaktor entfernt. Der Student reagiert so, wie jeder besonnene, im Grossraum Tokyo lebender Ausländer auch reagieren würde: Solange in der Stadt ausharren wie es das eigene Sicherheitsgefühl zulässt und sich an den Anweisungen der Behörden halten. Es wird auch abgeraten, in die Unglücksprovinzen zu reisen und vor Ort Hilfe leisten zu wollen. Als Ausländer wäre man wegen Sprachschwierigkeiten und Unsicherheiten auf beiden Seiten den japanischen Hilfskräften und Betroffenen schlicht im Weg.

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  • take it easy am 15.03.2011 20:01 Report Diesen Beitrag melden

    Besonnenheit bringt mehr als Hysterie

    Stellt euch vor alle Bewohner von Tokio würden die Stadt verlassen. Das wären so 30 Millionen Menschen. Hysterie würde nur zu noch mehr Toten und zu einem totalen Chaos führen. Ich bewundere die Japaner, die ihre Situation realistisch einschätzen. Tragisch finde ich aber die Lage in Lybien. Dieser Krisenherd geht unter und alle schauen nach Japan inklusive unserer Regierung.

  • Raffaele Merminod am 15.03.2011 15:03 Report Diesen Beitrag melden

    Strahlung ist nicht wie Grippe

    Ich weiss nicht, warum den Leuten nicht klar ist, was Strahlung bedeutet? Das ist nicht wie Grippe. Das ist nicht so, dass man es bekommt oder vielleicht auch nicht. Ist die Strahlung da, ist man dieser ausgesetzt und man kann nur hoffen, dass diese Strahlung nicht zu hoch ist und man so wenig wie möglich einatmet. Wäre damals Tschernobyl nur 230 km entfernt, wäre ich 1986 nicht in Basel geblieben!

  • Heinz Petermann-Huber am 15.03.2011 14:55 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht über andere negativ urteilen!

    Unglaublich, wer sich alles genötigt fühlt, den Entscheid des jungen Studenten zu kritisieren. Es ist halt einfach, in der warmen Wohnstube in der Schweiz zu sitzen, als vor Ort zu sein.