Getöteter Löwe

06. August 2015 18:11; Akt: 06.08.2015 18:11 Print

«Jericho wird Cecils Babys adoptieren»

Nach dem Tod des Löwen Cecil sorgt sich die Welt um seinen Nachwuchs. Die Jungen seien in Lebensgefahr, hiess es. Ein Experte winkt jetzt ab.

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Anfang Juli 2015 tötete der amerikanischer Zahnarzt Walter Palmer (links) den Löwen Cecil. Er zahlte 50'000 Dollar an den Organisator von Safaris, Theo Bronkhorst, um Cecil mit Pfeil und Bogen töten zu können. Der Jäger lockte den Alphalöwen aus einem Nationalpark, um ihn zu erlegen. Dann köpfte und häutete er das Tier. Auf dem Blog des Profi-Jägers Brent Sinclair zeigt sich Palmer mit seinen vielen Trophäen. Palmer ist ein bekannter und erfolgreicher Zahnarzt aus Eden Prairie in Minnesota. Die Tötung von Löwe Cecil ausserhalb des Hwange-Nationalparks in Simbabwe hat Tierliebhaber auf der ganzen Welt erzürnt. Der verdächtige Hobbyjäger ist angesichts der Proteste in den USA untergetaucht. Cecil hinterlässt acht Jungtiere. Nun sind die Kleinen in Gefahr. Denn ihre Mütter haben keine Chance, sie gegen ein Löwenmännchen zu verteidigen. Ihre einzige Hoffnung ist Jericho, das andere Männchen im Rudel. Versucht ein anderes Männchen, Jericho das Jagdgebiet streitig zu machen, kommt es zu einem tödlichen Kampf. Erobert ein neues Alphatier das Jagdgebiet, ist das für die Kleinen das Todesurteil. Jericho könnte dabei sein Leben verlieren und damit wäre auch das Todesurteil für die Jungen gefällt. Ein Löwenmännchen duldet keinen Nachwuchs von einem Konkurrenten und tötet ihn, damit er selbst Nachwuchs zeugen kann. Der Löwenexperte Brent Staplekamp vom Löwenprojekt im simbabwischen Hwange-Nationalpark sagte Anfang August, den Jungen gehe es gut. Auch Jericho sei wohlauf und werde die Löwenjungen jetzt vermutlich adoptieren. Wenn sie grösser geworden sind, können sie sich selbst verteidigen. Mittlerweile wurde die Grosswildjagd in Simbabwe eingeschränkt. In einer gemeinsamen Erklärung bezeichneten die Nationalparkbehörde und der Safariverband die Tötung des Löwen als illegal, weil der Farmbesitzer keine Jagdlizenz gehabt habe. Menschen haben vor der Zahnarztpraxis von Palmer in Minnesota Blumen und Stofftiere hingelegt. Theo Bronkhorst (rechts) erscheint am 29. Juli zusammen mit seinem Anwalt Givemore Muvhuringi vor einem Gericht in Hwange. Er soll Palmer geholfen haben, den Löwen Cecil zu erlegen. Dem Profi-Jäger wird vorgeworfen, eine illegale Jagd organisiert zu haben. Simbabwes Umweltministerin Oppah Muchinguri forderte am 31. Juli 2015 die Auslieferung des US-Jägers Walter Palmer. Am 4. August haben Vandalen in Marco Island im US-Staat Florida das Ferienhaus von Zahnarzt Walter Palmer besprüht: «Löwenmörder» steht auf seiner Garage. Ein privater Ermittler (l.) kümmert sich jetzt um den Fall. In der Einfahrt zu Palmers 1,1 Millionen-Dollar-Haus haben Unbekannte in Chilisauce getränkte Schweinefüsse verteilt.

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Die Welt sorgt sich um den Nachwuchs des in Simbabwe erschossenen Löwen: Cecil und sein Löwenfreund Jericho waren für mehrere Jungtiere verantwortlich. «Es ist unklar, ob es Jericho alleine schafft, die Kleinen zu beschützen», sagte Kurt Haas, ein Schweizer, der seit 19 Jahren in Simbabwe lebt, Anfang Woche zu 20 Minuten.

Löwenforscher Brent Stapelkamp vom Hwange Lion Research Project im simbabwischen Hwange-Nationalpark beruhigt jetzt: Den Jungtieren gehe es gut, teilte er dem US-Sender NBC News mit. Der Fotograf studiert Simbabwes Löwen seit Jahren – er war es, der Cecil im November ein GPS-Halsband anlegte.

«Jericho kennt die Kleinen gut»

Auch was den Schutz von Cecils Babys angeht ist Stapelkamp optimistisch. Jericho werde die Jungen wohl adoptieren: «Er kennt sie gut. Er wird sie beschützen, als wären es seine eigenen.» Seine Kollegen hätten die Tiere erst am Tag zuvor gesehen, so Stapelkamp weiter: «Drei Löwinnen, sieben Junge – lebendig und gesund.»

Eine Safari-Firma will dies mit einem Video belegen: Gestern postete die African Bush Camps Aufnahmen der Kleinen auf Youtube – angeblich sind diese neu, überprüfen lässt sich dies nicht.


(Quelle: YouTube/African Bush Camps)

«Mr. Palmer tut mir leid»

Unterdessen verwüsteten Unbekannte das Ferienhaus des Zahnarzts Walter Palmer in Marco Island im US-Staat Florida. Palmer hatte im Juli den Löwen Cecil erlegt, gehäutet und geköpft. Das Wort «Löwenmörder» prangt jetzt in blauer Schrift auf der Garage seines 1,1-Millionen-Dollar-Anwesens. In der Einfahrt verteilten die Vandalen in rote Farbe eingelegte Schweinefüsse. Nun bewacht ein privater Sicherheitsdienst das Haus, ein privater Ermittler untersucht die Sache.

Theo Bronkhorst, der Palmer beim Erlegen des Löwen half, verteidigt laut BBC den Zahnarzt: «Mr. Palmer tut mir leid. Er ist ein guter Mann. Er hat nichts falsch gemacht.» Der simbabwische Jäger stand am Mittwoch in Hwange vor Gericht. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien falsch, so Bronkhorst. Er habe nicht gegen das Gesetz verstossen. Sein Anwalt Givemore Muvhiringi setzte eine Verschiebung des Prozesses bis 28. September durch.

«Bei uns liebt keiner die Löwen»

Bronkhorst verteidigte zudem die Jagd: «Sie ist ein integraler Teil unseres Landes.» Sie sei nötig, um die Pflanzen- und Tierwelt nachhaltig zu regulieren.

Diese Meinung vertreten auch andere Simbabwer: «In meinem Dorf liebt keiner die Löwen», schreibt Goodwell Nzou in einem Gastkommentar für die «New York Times». In seiner Kindheit habe ein Löwe einen Verwandten von ihm mitten im Dorf angegriffen. «Die Löwen saugten das Leben aus unserem Dorf. Keiner hielt sich abends draussen auf. Als er getötet wurde, sangen und tanzten wir.» Auch kürzlich sei wieder ein 14-jähriger Junge nahe seinem Dorf von einem Löwen zerfleischt und getötet worden, erzählt Nzou.

Keiner kannte Cecil

Ein anderer Simbabwer, Alex Magaisa, erzählt, er habe nach dem Tod von Cecil in seinem Familien- und Bekanntenkreis in Simbabwe herumgefragt. Resultat: Keiner hatte von Cecil gehört. Und das, obwohl viele westliche Medien den Löwen als «Symbol von Simbabwe» bezeichnen.

Die Menschen habe Cecils Tod schockiert: «Unsere Kultur identifiziert sich sehr stark mit Tieren. Die Gesellschaft ist in Clans unterteilt, die nach Tieren benannt sind.» Doch viele hätten auch andere Probleme: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Korruption, Armut. «Vergib den Menschen, wenn ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf Cecils traurigem Tod liegt», schliesst Magaisa.

(cfr)