Ehefrau des Todeskandidaten

01. März 2009 12:31; Akt: 01.03.2009 12:33 Print

«Kein Anrecht, nicht hingerichtet zu werden»

von Karin Leuthold - Larry Swearingen sitzt seit Juli 2000 im Todestrakt eines texanischen Gefängnisses. Vor zwei Wochen wurde der Vollzug seines Todesurteils zum zweiten Mal verschoben. Seine Ehefrau in Deutschland erzählt gegenüber 20 Minuten Online von einer Odyssee durch das rechtliche Labyrinth der USA.

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Der heute 37-jährige US-Amerikaner Larry Swearingen wird beschuldigt, Ende 1998 die damals 19-jährige Studentin Melissa Trotter vergewaltigt und getötet zu haben (siehe Info-Box). Im Juli 2000 wurde er für schuldig befunden und zum Tode durch die Giftspritze verurteilt.

Was dann begann, ist eine wahre juristische Odyssee. Wiebke Swearingen, die Larry im Gefängnis heiratete und seither unterstützt, könnte ein Buch darüber schreiben. Larry Swearingen hat bereits zwei Termine für seine Hinrichtung bekommen. Beide konnten wenige Stunden vor deren Vollstreckung aufgeschoben werden, da es neue, zahlreiche Beweismittel gab, die seine Unschuld belegen.

Todeszeitpunkt höchstwahrscheinlich falsch

Mehrere Kriminaltechniker riefen ausserdem inzwischen dazu auf, die Temperaturen im Wald zu berücksichtigen. Denn aufgrund von Analysen der im Körper des Opfers gefundenen Insekten sagten sie unabhängig von einander aus, dass der ursprünglich angenommene Todeszeitpunkt nicht stimmen könne und der Tod zu einem Zeitpunkt eingetreten sein müsse, zu dem Swearingen wegen seinen Verkehrsdelikten im Gefängnis sass. Wieso aber kommt Swearingen dann nicht frei?

Neue Beweise «zu spät» für Hinrichtungsstopp

Nach dem Aufschub der ersten Hinrichtung am 24. Januar 2007 und trotz neuen Beweismaterials war die Todesbürokratie damals nicht mehr zu stoppen und Larry Swearingen sass zwei Jahre später wieder in der Todeszelle. Der Bundesstaat Texas erkannte die neuen Beweise nicht an, weil sie «zu spät» vorgebracht worden seien und setzte einen neuen Hinrichtungstermin auf den 27. Januar 2009 an.

Seine Anwälte kämpften weiter und zusammen mit Opferschutzorganisationen wiesen sie auf Widersprüche in der Anklage hin. Man sei beim Prozess gar nicht auf die Blutspuren eingegangen, die man unter den Fingernägeln des Opfers gefunden hatte. DNA-Analysen hatten gezeigt, dass diese zwar männlichen Ursprungs waren, aber nicht von Swearingen stammten. Auch die gefundenen Schamhaare, die bei der Obduktion gefunden wurden, schlossen Swearingen als Täter aus. Ausserdem habe man die Drohanrufe, die das Opfer Wochen vor ihrem Tod erhalten hatte, nicht berücksichtigt. Diese kamen nachweislich nicht von Swearingen.

20 Minuten Online: Frau Swearingen, welche Beweise haben die zwei bereits angesetzten Hinrichtungen aufgeschoben?
Wiebke Swearingen: Beim ersten Hinrichtungstermin war es «Insect Evidence», die belegte, dass der Todeszeitpunkt des Opfers während Larry's Inhaftierung war. Beim zweiten Hinrichtungstermin war es die neue Urkunde von Forensiker Dr. White zum Punkt der Histologie. Eine neue, mikroskopische Untersuchung des Gewebes, insbesondere des Herzgewebes, hat ergeben, dass so gut wie alle Herzzellen beim Opfer ihre Zellkerne hatten. Das bedeutet, dass der Tod nur drei oder vier Tage vor Auffinden des Leichnams eintrat. Zu dem Zeitpunkt sass Larry Swearingen bereits seit drei Wochen im Gefängnis. Das ist keine Frage der Interpretation, es sind Grundlagen von Bio- bzw. Zellenchemie.

Vor dem zweiten Termin hat ausserdem Larrys Anwalt, James Rytting, einen Antrag eingereicht, mit der «Bitte» vor dem Federal Court in Houston klagen zu dürfen für einen neuen Prozess.

Könnte das bedeuten, dass Larry irgendwann frei kommt?
Wiebke Swearingen: Wir wollen einen neuen Prozess für Larry, damit sämtliche Beweise seiner Unschuld endlich vor einem fairen und unvoreingenommenen Richter vorgebracht werden können. Das ist allerdings schwierig, um nicht zu sagen ausgeschlossen, weil wir nur bestimmte Punkte vor Gericht überhaupt vorbringen dürfen. Wir dürfen keinen «actual innocence claim» (zu deutsch «Unschuldsbeteuerung») vorbringen, sondern nur ein «Giglio Argument», um zu belegen, dass der Staat beim Prozess falsche und irreführende Informationen der Jury zugänglich machte.

Ausserdem dürfen wir ein IAC Argument vorbringen, welches zeigen soll, dass Larry keinen ausreichenden Rechtsbeistand während seines Prozesses hatte. Beide Punkte sind extrem schwierig zu gewinnen, besonders im Federal Court. Auf einen «actual innocence claim» gibt es keinen verfassungsgemässen Anspruch, so dass die Mehrheit der Gerichte empfiehlt, sich in diesem Fall mit der Bitte um Begnadigung an den Governeur des Staates zu wenden, was wiederum während des augenblicklichen politischen Klimas praktisch niemals gestattet, noch nicht einmal berücksichtigt wird. Im Bundesstaat Texas gibt es kein Anrecht nicht hingerichtet zu werden, solange man ein «faires» Verfahren hatte. Es ist pervers, aber den Behörden ist es egal, ob du unschuldig bist oder nicht, sie müssen dich umbringen, weil die Gesetzbindung es verlangt.

Was ist nun der nächste Schritt?
Wiebke Swearingen: Über das, was wir im einzelnen beabsichtigen zu tun, kann ich keine Auskünfte geben, da alles was ich öffentlich äussere auch immer an die Gegenseite gelangt, und es wäre "ungünstig", wenn die Gegenseite unsere Taktik, Vorgehensweise und Argumente kennt, bevor wir ins Gericht gehen.

Larry ist dringend auf die Hilfe von weiteren Experten angewiesen, um auf die vom Staat vorgebrachten Argumente kontern zu können. Wir haben kein Geld. Selbst Larrys Anwalt bekommt für all seinen Einsatz und seine Arbeit keinen Cent, und tut es, weil er es für höchst verwerflich und unmoralisch hält, was passiert, und weil er keinen Zweifel an Larrys Unschuld hat.

Wer könnte Larry begnadigen?
Wiebke Swearingen: Tatsächlich ist es so, dass unter derzeitigem gülitgen Recht Larry im Grunde nur freigekommen kann, wenn er von Texas' Gouverneur Perry begnadigt würde. Das ist ähnlich, als würden Sie in der Wüste auf Regen warten...

Besteht die Möglichkeit, dass jetzt unter Obamas Regierung sich etwas in dieser Richtung tut?
Wiebke Swearingen: Barack Obama ist selbst für die Todesstrafe, und es ist so, dass die Bundesstaaten unabhängig sind in dem, was sie tun. Das gilt vor allem für den «Lone Star State Texas».