Sekten-Aussteiger berichten

05. März 2017 22:45; Akt: 05.03.2017 22:45 Print

«Man musste die Teufel aus den Leuten prügeln»

von Alexandra Rehn, AP - Sie nennt sich die Gemeinschaft vom Wort des Glaubens. Doch wie ehemalige Mitglieder berichten, sind in der Sekte Gewalt und Psychoterror alltäglich.

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Aus der ganzen Welt sind sie nach Spindale am Fusse der Blue Ridge Mountains gekommen, angelockt vom Versprechen, inneren Frieden und das ewige Leben zu finden. Aber die neue Heimat im US-Bundesstaat North Carolina entpuppte sich für viele als Ort des Schreckens. Jetzt haben ehemalige Mitglieder der Sekte Word of Faith Fellowship ihr Schweigen gebrochen.

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«Ich habe im Laufe der Jahre so viele Menschen gesehen, die geschlagen wurden», sagt Katherine Fetachu. Die 27-Jährige war fast 17 Jahre Mitglied der Sekte, die die Mathematiklehrerin Jane Whaley und ihr Mann Sam, ein Gebrauchtwagenhändler, im Jahr 1979 gegründet haben. Noch heute steht Whaley, mit 77 Jahren, an der Spitze der Sekte.

Kinder von Familie getrennt

«Sogar kleine Kinder wurden als Satanisten beschimpft und ins Gesicht geschlagen», sagt Fetachu. Sie ist eines von 43 ehemaligen Sektenmitgliedern, die der Nachrichtenagentur AP von ihren Erlebnissen in Spindale berichteten. Demnach stand seelische und körperliche Gewalt an der Tagesordnung.

Kinder seien von ihren Eltern getrennt und den Pfarrern der Sekte übergeben worden, erzählen die Aussteiger. Sie seien dort misshandelt worden und hätten manchmal jahrelang keinen Kontakt zu ihrer Familie gehabt. Auch zu sexuellem Missbrauch von Minderjährigen soll es gekommen sein.

«Die Aussagen sind falsch»

Weder Jane Whaley noch ihr Anwalt wollten gegenüber der AP zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Auf der Website der Sekte haben sie zwischenzeitlich eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die Aussagen der ehemaligen Mitglieder als falsch zurückweisen: «Wir dulden und gestatten in unserer Kirche keinen Missbrauch, in keiner Form. Punkt.»

Im Zuge der Recherche sichtete die AP Hunderte Seiten Ermittlungsakten, Gerichtsdokumente und Unterlagen von Jugendschutzbehörden. Hinzu kommen Aufzeichnungen von Gesprächen mit Whaley, die heimlich mitgeschnitten wurden.

Viele fühlen sich schuldig

Wie aus Interviews mit den ehemaligen Mitgliedern hervorgeht, bemühten sich die Sektenführer jahrzehntelang, die Vorgänge in Spindale zu vertuschen. Unter anderem seien die jugendlichen Opfer und ihre Eltern gezwungen worden, zu lügen. Man habe den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft verboten, ihre Verletzungen – etwa Schnitte, Verstauchungen oder gebrochene Rippen – ausserhalb medizinisch behandeln zu lassen.

Diejenigen, die nun ihr Schweigen brachen, erklärten, sie fühlten sich schuldig, weil sie nichts getan hätten, um die Gewalt zu stoppen. Ausserdem gelte ihre Sorge den Kindern, die sich noch auf dem Anwesen der Sekte in Spindale befinden. Schätzungsweise sind das etwa hundert.

Kinder sollten andere Kinder schlagen

Die Lehrer der sekteneigenen Schule, erzählen einige der Interviewten, hätten Schüler dazu aufgefordert, andere Kinder zu schlagen, wenn sie vor sich hin träumten, lächelten oder ein anderes unerwünschtes Verhalten zeigten, denn das sei als Zeichen dafür gewertet worden, dass diese Kinder vom Teufel besessen seien.

«Es war nicht genug, die Teufel anzuschreien», sagt Rick Cooper. «Man musste die Teufel regelrecht aus den Leuten herausprügeln.» Der 61-jährige Cooper, ein ehemaliger Marinesoldat, gehörte der Sekte 20 Jahre lang an. In dieser Zeit zog er neun Kinder gross.

Albträume plagen Aussteiger heute noch

Wiederholt war die Word-of-Faith-Gemeinschaft seit den 1990er-Jahren im Visier von Ermittlungs- oder Jugendschutzbehörden geraten – allerdings ohne nennenswerte Konsequenzen: Keines der Mitglieder war bereit, mit den Behörden zu kooperieren. Einige Aussteiger erklärten nun, Whaley habe immer wieder davor gewarnt, Gott werde Verräter mit dem Tod bestrafen.

Viele berichten von Albträumen, die sie noch heute plagen. So wie die 22-jährige Danielle Cordes, die mehr als drei Viertel ihres Lebens in der Sekte verbracht hat. Vor drei Jahren wollte die junge Frau ihre Eltern in Spindale besuchen. Ihr Vater habe ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen, ohne ein Wort zu sagen, erzählt Cordes.

«Man ist von der Aussenwelt abgeschnitten», sagt Cooper über das Leben in der Sektengemeinschaft. «Die Kirche und Jane – das ist das Einzige, was du kennst. Du glaubst, sie sei eine Prophetin und habe eine direkte Verbindung zu Gott. Also siehst du zu, wie sie deine Familie zerreisst. Ich bin nicht sicher, wie man jemals darüber hinwegkommt.»