Affen im Feuer

12. November 2015 13:33; Akt: 12.11.2015 13:33 Print

«Man sieht die Angst in den Augen der Babys»

von C. Freigang - Seit drei Monaten fressen sich Waldbrände durch die indonesischen Wälder auf Borneo – und bedrohen ganze Orang-Utan-Familien.

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Dicke Rauchschwaden und beissender Geruch: Auf der indonesischen Insel Sumatra und im indonesischen Teil Borneos (Kalimantan) wüten seit über drei Monaten Waldbrände. Sie nebeln 30 Millionen Menschen in ganz Südostasien ein: Malaysia, der Süden Thailands und Singapur waren betroffen, hunderte Flüge fielen aus, zehntausende Indonesier mussten mit Atemwegserkrankungen zum Arzt. Regen brachte in grossen Teilen mittlerweile Erleichterung.

Und doch, die Brände sind nur schwer zu löschen: In grossen Teilen Sumatras und Kalimantans entstehen in den torfreichen Böden Schwelbrände. Bei der anhaltenden Trockenheit können diese von aussen nur schwer erstickt werden. Auf Kalimantan ist die Situation besonders dramatisch – gerade auch für wehrlose Tiere.

«Vögel fallen vom Himmel, Menschen sterben und auch die Orang-Utane. Es ist wie in der biblischen Apokalypse», so die Organisation Borneo Orang-Utan Survival Schweiz (BOS). Jamartin Sihite, CEO von BOS Indonesien, erzählt 20 Minuten, wie seine Organisation versucht, die Orang-Utans vor den Flammen zu retten.

Herr Sihite, wieso sind die Brände überhaupt ausgebrochen?
Es gibt drei Gründe: Das Klima wird trockener und Menschen roden die Wälder, um dort etwa Bäume für Palmöl anzubauen. Dazu kommen Winde, die die Ausbreitung des Feuers und der Rauchschwaden beschleunigen. Die Flammen haben bereits 300 Hektar des Waldes, den wir für die Orang-Utans gepflanzt haben, zerstört.

Wieso kann man die Brände nicht löschen?
Das Problem ist, dass die Flammen nicht nur an der Oberfläche, sondern auch unter der Erde schwelen, in teilweise mehr als 1,5 Metern Tiefe. Diese Feuer sind sehr schwer zu löschen und sind eine grosse Gefahr für die Orang-Utans, weil sie giftigen Rauch und einen dichten Nebel produzieren und sich unter der Erde ausbreiten und neu entzünden.

Wie reagieren die Tiere auf die Krise?
Durch den Rauch verlieren viele die Orientierung. In dem dicken Rauch sehen sie nur etwa drei bis fünf Meter weit. Sie finden keine Nahrung mehr, magern ab, Muttertiere verlieren ihre Babys. Einige der Affen verirren sich in die Dörfer, wo Bewohner sie töten, weil sie Angst vor ihnen haben oder die Tiere ihre Ernte bedrohen.

Was machen Sie, um den Affen zu helfen?
Wir sagen Menschen, dass sie uns anrufen sollen, wenn sie desorientierte Tiere finden. Wir betreiben zwei Zentren, wo wir die Affen aufpäppeln und behandeln, wenn sie verletzt sind: eines in Zentral-Kalimantan, in dem 500 Orang-Utans aufgenommen wurden, und eines in Ost-Kalimantan, in dem derzeit 200 Tiere leben. Erwachsene Tiere werden nach ein paar Tagen in einem sicheren Waldabschnitt freigelassen. Die Jungen behalten wir länger. Denn Orang-Utan-Babys bleiben sieben bis neun Jahre bei ihrer Mutter. Werden sie vorher von ihr getrennt, müssen wir ihnen beibringen, in der Wildnis zu überleben.

Wie geht das?
Wir bringen ihnen bei, auf Bäume zu klettern, sich selbst Essen zu suchen, Gefahren wie Schlangen zu erkennen, ein Nest zu bauen und mit anderen Orang-Utans zu interagieren.

Gab es eine Rettungsaktion, die Sie besonders berührt hat?
Gestern haben wir wieder drei Babys gerettet. Sie suchten verzweifelt ihre Mutter und konnten sie nicht finden. Eines hatte einen gebrochenen Arm. Man sah die Angst in den Augen der Babys – das ist, als würde man in die Augen eines Menschenbabys blicken.

Ausserdem retteten wir ein schwangeres Weibchen von einem Baum. Sie war sehr dünn und hatte Angst – das überträgt sich auch auf das Kind. Das macht mich traurig: Man muss nicht mal geboren sein, um unter den Bränden zu leiden.

Leiden auch andere Tiere unter den Flammen?
Vor allem Vögel sterben bei den Waldbränden. Auch sie sind desorientiert, kollabieren wegen des Rauchs oder fliegen in die Flammen. Manchmal sieht man auch verbrannte Schlangen oder andere tote Kleintiere am Boden.

Was ist ihre grösste Herausforderung derzeit?
Das grösste Problem ist, dass wir nicht genügend Wälder haben, um die Tiere sicher auszusetzen. Wir müssen sehr viel mehr Bäume pflanzen. Doch wir bleiben guten Mutes. Ich sage meinen Mitarbeitern immer: «Die Menschen können unseren Wald abbrennen, aber sie können uns nicht den Willen nehmen, den Affen zu helfen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Orang Helvetii am 12.11.2015 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Palmöl unbedingt vermeiden

    Wer nach solchen Berichten immer noch Produkte mit Palmöl kauft, hat schlichtweg kein Herz. Verzichte seit Jahren auf Nutella, Kitkat, Erdnussbutter und viele andere Dinge (respektive mache sie selber oder kaufe wo möglich eine Palmöl-freie Variante), die mir lieb waren, aber es ist wirklich wichtig, dass diese Brandrodungen aufhören. Das kann nur geschehen, wenn die Konzerne einen massiven Reputationsverlust und finanzielle Einbussen erfahren, wenn sie weiterhin Palmöl verwenden.

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  • Sumitra am 12.11.2015 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Welt

    Das macht nur noch traurig und wütend zugleich. Es wird geholzt und gerodet, einige wenige verdienen sich eine goldene Nase während Tiere und Menschen leiden und alles verlieren. Der einzige Lichtblick sind Menschen wie Dr. Jamartin Sihite.

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  • Anonymous am 12.11.2015 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    So viel Leid

    Was da in Sumatra und Borneo abgeht ist doch einfach nur himmeltraurig. Die Gier nach Platz für Plantagen wird das Gesicht dieser Inseln für hunderte von Jahren prägen - denn was mal weg ist bleibt meist auch weg. Ich hoffe sehr dass die Regierung die Brandstifter erwischt und ihnen eine angemessene Strafe aufbrummt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Brummi am 13.11.2015 07:59 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch

    Der Mensch bringt hauptsächlich Leid und Zerstörung auf dieser Welt. Wäre gar nicht so verkehrt, wenns uns alle auf einmal bald dahin raffen würde :)

  • Mia am 12.11.2015 19:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Welt

    Die grösste Bestie ist der Mensch. Er schafft es ganze Arten von Tieren zu vernichten für den Konsum. Es ist traurig zu dieser Rasse zu gehören. Mir blutet das Herz,täglich zu lesen und zu sehen wie Tiere gequält und getötet werden. Go Vegan

  • Orietexpress am 12.11.2015 17:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach so weiter !

    Wälder vernichten , Meere verschmutzen , Schadstoff in die Luft und Erde ablassen , damit die Wirtschaft wächst und damit die Menschen noch mehr verbrauchen .!!! Vor allem immer billiger vom Ausland importieren .!!

    • M.S. am 13.11.2015 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wachstum wachstum wachstum....

      Wenn der letzte baum gefällt ist, der letzte fisch gefangen wurde und alle flüsse vergiftet sind. Dann werden die menschen feststellen das man geld nicht essen kann!!!!

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  • mary rose am 12.11.2015 16:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mensch

    und wer hat das zu verschulden, genau wir. unsere Gesellschaft ist skrupellos. schäme mich langsam Mensch zu sein. Habgier lässt grüssen. Tiere werden mir, immer lieber.

    • Kurt am 12.11.2015 21:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @mary rose

      Und die einheimische bevölkerung dort deren land benutzt wird: siehe Bruno Manser!

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  • Konsumentin am 12.11.2015 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Geschämig

    Die Lebensmittel müssten eindeutig auffällig gekennzeichnet und die Konsumenten mit dem Thema mehr konfrontiert werden. Oder wenn das nicht geht, könnten ja die anderen Produzenten eine Art Label anbringen, dass kein Palmöl enthalten ist. Ich gehöre leider auch zu denen, die sich dem Problem nicht bewusst waren. Ab jetzt werde ich darauf achten und das Kleingedruckte lesen! Bestimmt werde ich überrascht sein, wie viele Produkte ich nicht mehr kaufen kann.

    • bruno martmer am 12.11.2015 17:30 Report Diesen Beitrag melden

      immer dieses palmölgeschwätz

      ok, dann verzichtet doch auch auf soya-, mais-, rapsöl und so weiter. monokulturen so weit das auge reicht. solange der konsument nichts für das essen bezahlt, geht es leider nicht anders.

    • Theo am 12.11.2015 21:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @bruno martmer

      Monokulturen gibt es, weil wir soviel Tierfutter anbauen. 80% des Soja wird an Tiere verfüttert. Wir würden es gescheiter selbst essen und dafür auf Fleisch verzichten.

    • Fritzani am 13.11.2015 06:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Theo

      Da hat der Metzger aber keine Freude ...

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