Augenzeuge

11. März 2011 14:27; Akt: 11.03.2011 18:18 Print

«Millionen gehen zu Fuss nach Hause»

von Antonio Fumagalli - Das schwere Erdbeben in Japan jagte auch jenen, die heil davonkamen, den Schrecken in die Glieder. Ein Augenzeuge schildert gegenüber 20 Minuten Online die dramatischen Momente.

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In Tokio ist der öffentliche Verkehr zusammengebrochen. Millionen müssen deshalb zu Fuss nach Hause gehen. (Bild: Keystone)

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Loftur Thorarinsson sass gerade zuhause vor seinem Computer und checkte seine E-Mails. Plötzlich bebte das ganze Zimmer. Der 28-Jährige, der an einer Tokioter Universität studiert, reagierte instinktiv richtig: «Ich stellte mich unter die Türe. Dies ist in meiner Wohnung der sicherste Bereich», sagt er gegenüber 20 Minuten Online. Als gebürtiger Isländer kennt er Erdbeben nicht nur vom Hörensagen, mehrmals hat der Boden schon unter seinen Füssen gezittert. «So etwas habe ich aber noch nie erlebt, es dauerte mindestens eine Minute und wurde immer stärker. Einfach richtig furchteinflössend», so Thorarinsson.

Eine Minute, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Thorarinsson hatte Glück: Sein Gebäude unweit von Tokios Zentrum hielt dem gewaltigen Druck stand, grössere Schäden sind nicht entstanden. Als die Welle des Bebens etwas abklang, getraute er sich auf seinen Balkon. «Aus allen Häusern strömten die Leute auf die Strasse, es war ein richtiger Volksaufmarsch», sagt er. Thorarinsson mischte sich ebenfalls unter die Leute.

Erst dann sah er, dass auch in seiner Nachbarschaft einige Wände eingestürzt sind. Dennoch brach keine Panik aus: «Einige Kinder weinten, im Grossen und Ganzen waren die Leute aber erstaunlich ruhig», sagt er. Mittlerweile sendet das japanische TV auch Informationen, wie man sich am besten verhalten soll. Ganz grundsätzlich funktioniere das Chaosmanagament sehr gut: «Die Japaner scheinen gut auf solche Situationen vorbereitet.»

Nur Gespräch per Skype möglich

Die Kommunikation ist seit dem Beben stark eingeschränkt: Das Gespräch mit dem Studenten kam nur via eine holprige Skype-Verbindung zu Stande, das Mobilnetz ist grösstenteils zusammengebrochen. «Ich konnte einige Freunde deshalb noch nicht erreichen und hoffe, dass es auch ihnen gut geht», sagt er.

Auch das Transportsystem wurde arg getroffen: «Alle Züge in der Region Tokio sind angehalten worden. Und ein Taxi zu kriegen, ist fast unmöglich», so Thorarinsson. Entsprechend seien derzeit Millionen Menschen zu Fuss auf dem Weg nach Hause. «Bei einer Megastadt wie Tokio kann dies schnell mehrere Stunden dauern.»