Mutter mit 11

17. März 2019 18:12; Akt: 18.03.2019 10:01 Print

«Sie hat kein einziges Mal nach ihrem Baby gefragt»

von K. Leuthold - Lucia (11) aus Argentinien wurde vergewaltigt und daraufhin schwanger. 20 Minuten sprach mit der behandelnden Ärztin des Mädchens.

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Sol, die Mutter der elfjährigen Lucia aus Argentinien, erzählt am 2. Mai 2019 erstmals vom Leiden, dem die Ärzte ihre Tochter ausgesetzt haben. Sol wirft den Behörden der Provinz Tucumán vor, den Weg zur Abtreibung «absichtlich» verzögert zu haben. «Ich sagte immer wieder, Lucia wolle das nicht. Aber er bettelte weiter, Lucia solle doch noch vier Wochen aushalten, damit das Baby bessere Überlebenschancen habe.» Im Interview erzählt Sol, wie der Leiter des Gesundheitswesen der Provinz Tucumán, Gustavo Vigliocco, ihr versprach, ihr Haus fertigzubauen. «Eines Tages kam jemand und nahm das Blechdach weg, um es zu reparieren. Dann ging die Person wieder und kam nicht mehr zurück. Seither habe ich kein Zuhause mehr», sagt Sol. Schliesslich führten die Ärzte José Gijena und Cecilia Ousset den Kaiserschnitt bei der Elfjährigen durch. Das Ärztepaar wurde am 12. März 2019 von einer rechtskonservativen Gruppierung wegen vorsätzlicher Tötung angezeigt. Im Spital Eva Perón in der nordargentinischen Provinz Tucumán wurde in der Nacht zum 27. Februar 2019 der Kaiserschnitt am elfjährigen Mädchen durchgeführt. Das Mädchen war vom Partner seiner Grossmutter vergewaltigt worden; es war in der 23. Schwangerschaftswoche. Das Neugeborene starb am 8. März 2019. (Symbolbild) Derzeit sind Schwangerschaftsabbrüche laut einem Gesetz aus dem Jahr 1921 nur im Fall von Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Mutter legal. In der Nacht auf den 9. August 2018 hat Argentiniens Senat einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen abgelehnt. Die Frauen und Männer, die mit grünen Tüchern um Hals, Stirn oder Handgelenk zeigten, dass sie für das Abtreibungsgesetz sind, waren sehr enttäuscht. Der Fall aus Tucumán hat in Argentinien die Abtreibungsdebatte wieder neu entfacht. Die Bevölkerung ist in dieser Frage tief gespalten. Erst im August 2018 war ein Gesetz für ein liberales Abtreibungsrecht im argentinischen Parlament knapp abgelehnt worden. «In bin traurig und auch etwas enttäuscht von unseren Politikern», sagte damals Jana (27) aus Buenos Aires. Sie wartete am 9. August 2018 wie Zehntausende auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires auf die Nachricht des Abstimmungsergebnisses. Ursula (29) zog dennoch eine positive Bilanz: «Auch wenn wir das heute nicht geschafft haben, bin ich froh, dass diese Debatte ein grosses Umdenken in der Gesellschaft brachte. Es wird über Feminismus und über Frauenrechte diskutiert. Das ist etwas, wofür wir schon lange kämpfen. In diesem Sinn haben wir gewonnen», sagt sie. Manuela (27) sah es ähnlich: «Wir haben trotzdem etwas erreicht», sagt sie zu 20 Minuten. Die Abtreibungsgegner mit hellblauen Tüchern feierten die Nachricht von dem Abstimmungsergebnis auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires mit Jubel und Feuerwerk. «Ich bin sehr glücklich. Das ist eine Ehre für Gott und die Liebe», sagte Yolanda (38). «So ein Gesetz wäre Mord gewesen», meinte Victoria (57). Es sei nun die Aufgabe des Staates, den Frauen, die ihre Kinder nicht wollten, zu helfen. Im Heimatland von Papst Franziskus hatte die katholische Kirche leidenschaftlich gegen die Verabschiedung des Abtreibungsgesetzes gekämpft und Druck auf die Abgeordneten ausgeübt. Am anderen Ende der Plaza del Congreso trauerten die Abtreibungsbefürworter.

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Das elfjährige Mädchen aus dem Norden Argentiniens, das vom Partner seiner Grossmutter vergewaltigt wurde und daraufhin schwanger geworden war, durfte vergangenen Mittwoch das Spital verlassen. Ende Februar hatten die Frauenärztin Cecilia Ousset und ihr Mann José Gijena einen Kaiserschnitt an der Elfjährigen vorgenommen. Das Baby kam mit 650 Gramm in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt. Am Freitag vor einer Woche starb es. 20 Minuten hat mit Cecilia Ousset gesprochen.

Wie geht es dem Mädchen?
Lucia geht es den Umständen entsprechend gut. Sie ist zu einem Verwandten gezogen, der ab jetzt ihr gesetzlicher Vormund ist. Ihre Mutter darf sie besuchen, aber das Mädchen wird vorläufig weder bei seiner Mutter noch bei seiner Grossmutter wohnen. Ich glaube, die Behörden haben eine gute Lösung für sie gefunden, denn das Kind wohnt nun in einem gesunden Umfeld.

Und wie geht es ihr psychisch?
Auch etwas besser, zumindest besser, als sie noch schwanger war. Die Schwangerschaft war für Lucia eine unerträgliche Last.

Hat sie jemals verstanden, was mit ihr passierte?
Ja, sie wusste es ganz genau. Natürlich drückte sie sich mit ihren eigenen Worten aus. Sie wusste, dass ein Kind in ihr heranwächst. Sie nahm es aber als ein Ding wahr, fast schon als eine Art Ungeziefer, von dem wir sie befreien sollten.

Aber von der Schwangerschaft wusste sie nicht, bis ihre Mutter sie zum ersten Mal im Januar zum Arzt brachte.
Genau. Die Mutter brachte sie in eine kleine Ärztepraxis in ihrem Dorf, weil Lucia über starke Bauchschmerzen klagte. Da war sie bereits in der 16. Schwangerschaftswoche. Weder das Mädchen noch seine Mutter wussten zu jenem Zeitpunkt von der Schwangerschaft.

Aber wusste die Mutter, dass ihre Tochter vom Partner der Grossmutter regelmässig vergewaltigt worden war?
Nein, anscheinend hatte sie keine Ahnung davon. Auch die Grossmutter will nie etwas bemerkt haben.

Wie reagierte Lucia auf den Tod ihres Babys vorletzten Freitag?
Ich glaube, davon weiss sie nicht einmal. Sie hat nach dem Kaiserschnitt kein einziges Mal nach dem Baby gefragt. Sie wollte nichts damit zu tun haben. Sie hat ihre Schwangerschaft nie im Sinn einer künftigen Mutterschaft wahrgenommen.

Wird sie in Zukunft ein normales Leben führen?
Ich denke schon. Wir haben alle die Fähigkeit, unser Leben nach einer Tragödie wieder aufzubauen. Und Lucia ist ja noch klein. Sie wird jetzt von Fachpersonen betreut, sie wird das schon schaffen.

Wird sie als Erwachsene Kinder haben können?
Ja, sicher. Bei ihrem Kaiserschnitt gab es keinerlei Komplikationen. Auch danach gab es keine Infektionen oder Läsionen. Sie wird eines Tages Mutter sein können, wenn sie das möchte.

Was ist mit dem Partner der Grossmutter passiert?
Er befindet sich in Untersuchungshaft. Beim Schwangerschaftsabbruch habe ich ein Stück der Nabelschnur und der Plazenta ins Labor für einen DNA-Test geschickt. So wird man die Vaterschaft bestätigen können. Damit hat die Justiz genug Beweismaterial, um den Mann wegen Vergewaltigung zu verurteilen.

Apropos Justiz, Ihr Ehemann und Sie selber wurden nach dem Tod des Babys von einer Gruppe Abtreibungsgegner wegen vorsätzlicher Tötung angezeigt. Was bedeutet das für Sie?
Tatsächlich liegt gegen meinen Mann und mich eine Strafanzeige vor. Aber wir haben keine Angst, uns wird nichts passieren. Wir mussten wirklich laut lachen, als wir davon erfuhren. Die Anzeige ist so absurd, dass sie möglicherweise vor Gericht zurückgewiesen wird.

Wie konnte es zu dieser absurden Anzeige kommen?
Aus zwei Gründen: Einerseits, weil viel Unwissen in diesem Fall herrscht. Viele Abtreibungsgegner haben offenbar keine Kenntnis von einem Gesetz aus dem Jahr 1921, das einen Schwangerschaftsabbruch erlaubt, wenn die Mutter vergewaltigt wurde oder ihr Leben in Gefahr ist. Sie meinen, dass nun alle Abtreibungen illegal sind, weil im August letzten Jahres ein Gesetzesentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen in Argentinien im Senat abgelehnt wurde.
Andererseits ist das eine Strategie, um Ärzte zu terrorisieren. Und leider funktioniert sie, denn viele meiner Arbeitskollegen haben heutzutage Angst, legale Abtreibungen durchzuführen, weil sie danach mit Anzeigen zu rechnen haben.

Was ist die politische Motivation der Abtreibungsgegner?
Das sind in den meisten Fällen katholische Fundamentalisten, Mitglieder des Opus Dei oder Evangelisten. Sie behaupten, das Leben von Mutter und Kind beschützen zu wollen. Was sie aber eigentlich bezwecken, ist, ihr rechtskonservatives Gedankengut in ärmlichen Bevölkerungsschichten zu verbreiten.

Ein heuchlerisches Verhalten, denn Frauen aus mittleren oder höheren Schichten treiben in Argentinien ab, auch wenn es nicht legal ist.
Das ist so. Es sind leider immer die Armen, die im Fall einer Schwangerschaft einem Martyrium ausgesetzt sind, wie es Lucia erlebte. Was wir als Ärzte machen können, ist, die Abtreibungsgegner anzuzeigen, denn sie sind es, die ausserhalb von Gesetz und Recht stehen.