«Sie checkte uns kurz ab»

22. Januar 2019 18:58; Akt: 22.01.2019 19:25 Print

Bernerin schwimmt mit Weissem Hai – die Bilder

6 Meter gross, 50 Jahre alt: Ein Weisser Hai vor Hawaii hat international für Aufsehen gesorgt. Die Bernerin Chérine (25) war bei der seltenen Begegnung dabei.

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Der Gruppe um die erfahrene Haiexpertin und Meeresbiologin Ocean Ramsey (im Bild) gelangen spektakuläre Aufnahmen von dem Tier. Letzte Woche trieb der Kadaver eines Pottwals vor der Küste Oahus. Ein toter Wal ist buchstäblich ein gefundenes Fressen für Haie. Enorme Bissspuren zeugen davon, dass ... ... riesige Tigerhaie sich von dem Kadaver ernähren. Die Haie fressen über mehrere Tage an dem Kadaver. Von der Flosse des Pottwals ist kaum mehr etwas übrig. «Beim Fressen ging es wild zu und her. Die Haie rissen das Fleisch von dem Kadaver, und ihre Schwanzflossen schlugen dabei so heftig im Wasser, dass wir die Druckwellen spürten», erzählt ... die 25-jährige Bernerin Chérine. Sie fotografierte die Tigerhaie um den Walkadaver, als ... ... aus dem blauen Nichts ein riesiger Weisser Hai die Tauchergruppe überraschte. Die 50-jährige Hai-Dame war Forschern noch nicht bekannt. «Das war wohl die sicherste Interaktion mit einem Weissen Hai, die man sich denken kann: Ein erfahrenes Weibchen, das sich wohl in den letzten Tagen mit Walfleisch vollgefressen hat und möglicherweise sogar trächtig ist.» Chérine fügt aber gleich an: «Auf so eine Begegnung ist man nie gut genug vorbereitet, und niemand sollte einfach so mit Tigerhaien oder Weissen Haien schwimmen.» «Sie hat den Namen ‹Haole Girl› erhalten», so Chérine. «Das heisst auf Hawai ... ... soviel wie ‹das fremde Mädchen›, weil man Weisse Haie vor Hawaii selten sieht.» Die Sichtung von Weissen Haien in den Gewässern von Hawaii sind tatsächlich selten. Erst in den letzten Jahren haben Forscher aber herausgefunden: ... Die bis zu sechs Meter langen und drei Tonnen schweren Fische jagen ab August vor der Küste Kaliforniens. Ab Januar machen sie sich auf den 4000 Kilometer langen Weg gen Westen vor die Küste Hawaiis. Vor allem Männchen legen auf halber Strecke eine Pause ein und verweilen einige Zeit im «Café zum Weissen Hai» zwischen Mexiko und Hawaii – ein fixer Hai-Treffpunkt mitten im Meer, bei dem auch gelegentlich Hai-Weibchen vorbeischauen, um sich möglicherweise fortzupfanzen. Ob auch «Haole Girl» beim diesem Hai-Café vorbeigeschaut hat? Wegen ihres grossen Bauchumfanges die Frage auf, ob sie schwanger sein könnte. Die Chancen, dass Chérine – oder wir alle – diese Weisse-Hai-Dame jemals wiedersehen, sind ist gering. Pro Jahr sterben durchschnittlich fünf Personen wegen eines Hai-Angriffes. Menschen töten jährlich 73 Millionen Haie.

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Der Weisse Hai sei von schräg unten aus dem blauen Nichts aufgetaucht. Ganz ruhig. Grazie auf sechs Metern. «Man merkte: Das ist ein altes, erfahrenes Weibchen», erzählt Chérine B. am Telefon. Die 25-jährige Bernerin studiert an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften und ist wegen ihrer Masterarbeit auf Hawaii. Letzte Woche schnorchelte sie mit einer Gruppe um die Meeresbiologin Ocean Ramsey und beobachtete Tigerhaie, die sich um einen Potwal-Kadaver versammelt hatten.

Kurz vor Sonnenuntergang stiess dann der auf über 50 Jahre geschätzte Weisse Hai hinzu: «Sie schwamm langsam herbei und hat uns kurz abgecheckt, denn Haie sind sehr neugierig», so Chérine. «Dann hat sie vom Wal gefressen, ein paar Runden gedreht und ist wieder im Blau verschwunden.»

«Haie sind sehr neugierig»

Die Begegnung der Taucher mit dem Weissen Hai machten über das Wochenende weltweit Schlagzeilen. Es wurde gemutmasst, der Hai sei «Deep Blue», einer der grössten je dokumentierten Weissen Haie, der zuletzt 2013 vor Mexiko gesehen worden war.

«Nein», stellt Chérine klar, «das konnten wir anhand der Musterung mittlerweile ausschliessen. Dieses Weibchen kennt man noch nicht. Sie hat nun den Namen ‹Haole Girl› erhalten. Das heisst so viel wie ‹das fremde Mädchen›, weil man Weisse Haie in den Gewässern vor Hawaii selten sieht.»

Sehen Sie dazu Chérines beeindruckende Aufnahmen im Video:

Nervös oder ängstlich war die Bernerin beim Anblick des Riesentieres kein bisschen, im Gegenteil: «Das war wohl die sicherste Interaktion mit einem Weissen Hai, die man sich denken kann: Ein erfahrenes Weibchen, das sich wohl in den letzten Tagen mit Walfleisch vollgefressen hat und möglicherweise sogar trächtig ist.»

«Immer Augenkontakt halten, der Hai muss wissen, dass du ihn siehst»

Chérine fügt aber gleich an: «Auf so eine Begegnung ist man nie gut genug vorbereitet, und niemand sollte einfach so mit Tigerhaien oder Weissen Haien schwimmen.»

Wie bei jeder Begegnung mit einem wilden Tier sei auch im Umgang mit Haien Vorsicht geboten – und die Einhaltung gewisser Regeln: «Arme nahe am Körper, denn hängende Arme könnten wie lose Teile eines verletzten Fisches aussehen und fuchtelnde Arme wie ein Tier in Panik. Immer Augenkontakt halten, der Hai muss wissen, dass du ihn siehst. Und: Go Pros immer an einem Distanz schaffenden Stab befestigen, denn Kameras stossen elektrische Impulse aus, die Haie neugierig machen.»

Der Mensch tötet 73 Millionen Haie pro Jahr

Pro Jahr sterben durchschnittlich fünf Personen wegen eines Hai-Angriffs. Dennoch sind Haie keine menschenfressende Monster, selbst wenn Hollywood-Blockbuster uns das seit Jahrzehnten glauben machen wollen.

«Fische, Walkadaver und Seehunde, aber nicht wir gehören in ihr Beuteschema», sagt Chérine. Umgekehrt tötet der Mensch pro Jahr 73 Millionen Haie. Die Tiere sterben wegen ihrer Flossen, die nicht nur in asiatischen Ländern als Delikatesse gelten, und verenden als Beifang in Fischernetzen.

«Das ist kein Alarmismus, das ist Realität»

Doch Meer und Menschen brauchen die Weissen Haie. Diese halten das Meeresökosystem gesund: Als Apexpredatoren, den Räubern an der Spitze der Nahrungspyramide, sind sie für dasNahrungsnetz unabdingbar. Sie tragen zum Erhalt der Korallenriffe bei und entfernen zudem schwache und kranke Fische, was wichtig ist für die Selektion guter Fischgene.

Umweltzerstörung und die Überfischung der Weltmeere aber setzen nicht nur den Weissen Haien zu: «Viele Haiarten pflanzen sich nur sehr langsam fort, weswegen sie von der Überfischung besonders betroffen sind», sagt die angehende Naturwissenschaftlerin, «Der Mensch regt mich in seiner Unbelehrbarkeit wirklich auf. Wie er mit dem Meer umgeht, ist das Allerletzte. In ein paar Jahren sind die Meere leer gefischt. Das ist kein Alarmismus, das ist Realität.»

(gux)