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28. Februar 2011 18:40; Akt: 28.02.2011 18:40 Print

«Sie wären sowieso gestorben»

Der 48-jährige William Melchert-Dinkel soll zwei junge Menschen zum Selbstmord animiert haben. Nun wartet der «Todesengel» auf sein Urteil.

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Trieb William Melchert-Dinkel (links) Nadia Kajouji und Mark Dryborough in den Tod? (Bilder: AP)

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William Melchert-Dinkel muss sich derzeit vor dem Gericht verantworten. Der 48-Jährige wird laut der Staatsanwaltschaft des US-Bundesstaats Minneapolis beschuldigt, in mindestens zwei Fällen gesunde Menschen in den Selbstmord «gejagt» zu haben. Der Krankenpfleger hatte sich in Internetforen als Notfall-Krankenschwester ausgegeben und «labile Individuen» in den Tod begleitet. Dabei verfolgte er ihre letzten Augenblicke via Webcam.

Der Angeklagte gibt zu, «zehn oder elf Menschen in Suizidfragen beraten» zu haben. Sie aber zum Selbstmord animiert zu haben, verneint er vehement. Dabei wird er durch seine Anwälte unterstützt, die für seine Verteidigung den ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten gelten machen, nämlich den der Meinungsfreiheit. Melchert-Dinkel darf sich «äussern, solange kein Delikt daraus resultiert». Und genau das hat nun Richter Thomas Neuville zu beurteilen.

Eins führt zum anderen

Spannend am Fall ist auch die Art und Weise, wie Melchert-Dinkel gefasst wurde: Begonnen hatte es, als Elaine Dryborough am 5. Mai 2008 in der britischen Zeitung «The Sunday Mercury» einen Artikel über eine 35-jährige Heroinsüchtige las. Die Frau erzählte, sie sei vom 48-Jährigen «angestachelt» worden, sich das Leben zu nehmen. Dabei las Dryborough, dass der Pfleger seinem Opfer erzählt habe, dass er bereits «einem 32-jährigen Mann aus Birmingham im Jahr 2005» auf dieser Weise «geholfen» habe. Eliane Dryborough war sich in diesem Augeblick sicher: Im Artikel war ihr Sohn Mark erwähnt, der sich drei Jahre zuvor erhängt hatte. Auch das Pseudonym «Li Dao», das sich Melchert-Dinkel laut dem Bericht zugelegt hatte, kam ihr bekannt vor.

Dryborough setzte sich daraufhin mit Celia Blay in Kontakt, die im gleichen Artikel erwähnt war. Blay, eine pensionierte Lehrerin, war dem «Todesengel» auf der Spur. Sie hatte sich als künftige Kandidatin ausgegeben und hatte Melchert-Dinkels Koordinaten bekommen sowie ein Bild des Mannes. Gemeinsam machten sich nun Dryborough und Blay auf der Jagd nach dem mysteriösen «Helfer».

«Meine Tochter wurde als Beute ausgewählt»

Tatsächlich ging es nicht lange, da kam auch schon die Polizei von Ramsay, Minnesota, dem «Todesengel» auf die Spur. Als die Beamten am 1. Juli 2009 vor der Haustür standen, liess Melchert-Dinkels sich widerstandslos verhaften. «Ich weiss, warum sie da sind», hatte er ihnen gesagt. Er liess auch zu, dass sein Computer beschlagnahmt wurde, auf dem die Ermittler später die Chatprotokolle zwischen «Li Dao» und Mark Dryborough nachlesen konnten, sowie die zwischen «Cami» und Nadia Kajouji, dem zweiten Opfer. Das 18-jährige Mädchen war am 9. März 2008 ebenfalls von Melchert-Dinkel in den Tod getrieben worden.

Laut den Chat-Protokollen hatte die Kanadierin Kajouji Angst, bei ihrem Selbstmordversuch zu versagen. Sie wollte ihr Leben mit einem Sprung in den Fluss, entweder durch Ertrinken oder Erfrieren, beenden. Der 48-jährige Krankenpfleger hatte ihr daraufhin vorgeschlagen, falls ihr der Versuch misslänge, sich gemeinsam mit ihr zu erhängen. Jetzt, knapp drei Jahre später, ist ihre Mutter überzeugt davon, Melchert-Dinkel habe ihre Tochter «als Beute» gewählt, um seine sadistischen Bedürfnisse zu stillen. Auch Eliane Dryborough ist der Meinung, dass der Angeklagte «sehr viel Aufwand betrieben hat, um überzeugend zu wirken». Ausserdem habe er mit Anleitungen zu den Selbstmorden beigetragen.

Sein Verteidiger Terry Watkins sieht das anders: Schliesslich hatte Opfer Dryborough nicht die Methode gewählt, die sein Mandant vorgeschlagen hatte. Auch hatte sich der Brite geweigert, eine Webcam zu installieren. Ausserdem seien Dryborough und Kajouji «intelligente Menschen» gewesen, die sich sicherlich nicht durch «Geplapper» des Krankenpflegers hätten beeinflussen lassen. Sie waren «leidende Menschen», die «sowieso gestorben» wären, sagte Watkins vor Gericht. Sollte Melchert-Dinkel verurteilt werden, drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

(kle)