US-Sexverbrechen

22. Mai 2014 01:00; Akt: 22.05.2014 16:44 Print

«So glücklich, wieder zu Hause zu sein»

von G.Flaccus,T.Abdollah, AP - Zehn Jahre lang missbrauchte ein Sexverbrecher in Kalifornien eine junge Frau, zwang sie zur Heirat und zeugte ein Kind mit ihr. Jetzt ist die 25-Jährige wieder bei ihrer Familie.

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Wieder schockt ein Fall einer entführten und jahrelang misshandelten Frau die USA. Nach zehn Jahren in Gefangenschaft hat sich die jetzt 25-Jährige befreien können.

Zehn Jahre nach ihrer Entführung geniesst die junge Frau ihre neu gewonnene Freiheit. Sie sei «glücklich» und «selig», wieder bei ihrer Familie zu sein, sagte die heute 25-Jährige in ihrem ersten Interview nach ihrer Gefangenschaft einem US-Sender am Mittwochabend.

Flucht erfolgte dank Facebook

Die junge Frau hatte erst am Montag den Entschluss gefasst, ihrem Dasein an der Seite ihres Entführers und Mannes ein Ende zu setzen und zur Polizei zu gehen. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei war sie 2004 von dem damaligen Freund ihrer Mutter unter Drogen gesetzt und gekidnappt worden. Es folgten zehn Jahre der Vergewaltigung sowie seelischer und physischer Tortur.

Bevor sie zur Polizei ging, hatte sie ihre Schwester über Facebook aufspüren und kontaktieren können. Zusammen mit ihr, ihrer Mutter und ihrer dreijährigen Tochter - der Vater ist ihr Peiniger - zeigte sie sich im TV-Sender KABC-TV (siehe Video unten).


(Quelle: YouTube/azrnewsss)

Die Frau, deren Identität nicht preisgegeben wurde, sagte, sie habe oft darüber nachgedacht, zu fliehen. Doch habe sie Angst vor ihrem Entführer gehabt, den sie 2007 nach Darstellung der Polizei in Santa Ana mit falschen Dokumente zwangsheiraten musste. «Ich hatte vor allem Angst, weil ich alleine war», sagte sie in dem Interview weiter.

Freund der Mutter unter Verdacht

Der mutmassliche Entführer und Vergewaltiger, ein 41-jähriger Mann, galt in der Nachbarschaft als freundlicher Mann von nebenan. Die beiden lebten in Bell Gardens, einem Vorort von Los Angeles - und nur 32 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem der damalige Teenager im August 2004 mutmasslich von dem Mann entführt worden war.

Die Mutter schöpfte nach Angaben der Polizei damals Verdacht, dass der mit ihr in Santa Ana lebende Mann ihre Tochter sexuell missbrauche. Daraufhin habe er die Frau angegriffen, anschliessend die 15-Jährige mit Medikamenten betäubt und verschleppt. Er sperrte sie zunächst in einer Garage ein und wechselte oft den Wohnort sowie ihre Identitäten, später lebten die beiden offen unter falschem Namen zusammen.

Nachbarn liessen sich täuschen

Die Nachbarn zeigten sich geschockt von der Nachricht, einige konnten es gar nicht glauben. Der mutmassliche Täter galt als freundlicher Mann, der zwei Jobs hatte, scherzte und den anderen Bewohnern manchmal Früchte brachte.

«Er behandelte sie wie eine Königin. Er tat alles, was sie wollte», sagte María Sánchez, die nebenan wohnte, nachdem die Polizei den Mann verhaftet hatte. Sie habe ihr eigenes Auto gehabt und sei damit mit ihrer Tochter manchmal alleine weggefahren. «Sie wirkte niemals verängstigt».

«Ich brauchte Liebe, keine Dinge»

Andere Nachbarn erzählten, die Familie sei zur Kirche gegangen, habe Reisen nach Disneyland und an den Strand unternommen sowie wohlgeplante Partys mit Tombolas für Kinder gegeben. Die 25-jährige habe Zumba-Unterricht genommen und sie einige Male eingeladen, berichtete Lourdes Hernández, die ein Jahr lang das Baby des «Paars» hütete. Sie könne die Geschichte kaum glauben, meinte sie.

Die Nachbarn hätten geglaubt, ihr Peiniger sei ein guter Mann, weil er so hart arbeite, sagte die 25-Jährige im Interview mit KABC-TV. «Er arbeitete hart für mich und meine Tochter und kaufte alles, was ich brauchte. Aber ich wollte das gar nicht», meinte sie. «Ich brauchte Liebe von meiner Familie, keine Dinge.» Sie selbst arbeitete zuletzt als Hausmeisterin in einer Firma.

Erpresst und bedroht

Der Kidnapper setzte sie offenbar massiv unter Druck, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Dabei nutzte er die Tatsache aus, dass die 15-Jährige aus Mexiko illegal zu ihrer Familie in die USA gereist war und kein Wort Englisch sprach. Sie könne abgeschoben werden, wenn sie sich bei der Polizei melde, drohte er ihr den Erkenntnissen der Polizei zufolge. Auch habe er ihr wiederholt gesagt, ihre Familie habe die Suche nach ihr längst aufgegeben - und er sei ihre «einzige Hoffnung».

«Ich wundere mich, dass sie solange wartete, bis sie was tat», meinte Rita Salazar, die gegenüber wohnt. «Auch wenn sie Gelegenheiten zur Flucht hatte: Nach Jahren des physischen und mentalen Missbrauchs sah das Opfer keinen Ausweg aus seiner Situation (...)», hiess es in einer Erklärung der Polizei von Santa Ana. Nach Erkenntnissen der Ermittler versuchte die 25-Jährige mindestens zweimal, ihrem Peiniger zu entkommen. Danach sei sie aber schwerst verprügelt worden.

Anderes Entführungsopfer meldet sich

Elizabeth Smart, die mit 14 Jahren aus ihrem Schlafzimmer im US-Staat Utah entführt und ihr eigenes Martyrium mit Gefangenschaft und Vergewaltigung erlebte, sagte der Nachrichtenagentur AP, Menschen sollten nicht fragen, warum die Frau nicht früher geflohen sei. «Wir wissen nicht, was diese bösen Menschen gegen sie in der Hand haben - sei es das Leben ihrer Familie oder ihr eigenes », gab die heute 26-jährige zu bedenken.

Experten verweisen zudem darauf, dass die Beziehung zwischen Opfern und Entführer manchmal zu einer Situation führe, aus der sie entkommen müssten, es aber nicht können. Die Opfer würden «verkindlicht und beherrscht», meint Psychiater Frank Ochberg. «Schliesslich hängen sie an der Person, die sie beherrscht, so, wie ein Kind.»

(Quelle: Reuters)