Tragödie in Barcelona

24. Juni 2010 11:50; Akt: 24.06.2010 12:09 Print

«Wie konnte das passieren?»

12 Jugendliche wurden in der Nähe von Barcelona von einem Schnellzug überrollt. Während die einen in ihrer Trauer ersticken, richten andere schwere Vorwürfe an die Behörden.

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«Wie konnte das passieren?», fragen sich die Spanier am Morgen nach dem tragischen Unfall in Castelldefels bei Barcelona. Zwölf junge Menschen waren am Mittwochabend von einem Schnellzug überrollt worden, weil sie die Geleise überquerten, statt durch die Unterführung zu gehen. Die Opfer, alle zwischen 16 und 26 Jahren, waren auf dem Weg zu einer Feier am Strand. Sie waren mit einem Regionalzug gekommen und wollten auf die andere Seite der Gleise zum Strand laufen. Ein Schnellzug aus der anderen Richtung rammte ungebremst in die Menge.

Für die Rettungshelfer bot sich ein Bild des Grauens. Obwohl sie nur wenige Minuten nach dem Unfall ankamen, waren die ersten Verletzten schon weg: Nachbarn hatten sie in ihren Privatautos in die nächstliegenden Spitäler gebracht. Die Sanitäter konnten nur noch Leichenteile einsammeln. «Einige sind völlig zerstückelt. Es liegen Körperteile überall herum und es ist alles voller Blut», schilderte ein Rettungshelfer den Medien.

Brücke zu – Unterführung auch?

Die Versionen zum Tathergang gehen weit auseinander: Zeugen sagen, die Unterführung sei gesperrt gewesen. Der Bürgermeister von Castelldefels, der noch am gleichen Abend zur Unfallstelle eilte, sowie der katalonische Inlandsminister Joan Saura dementieren: Die Unterführung sei sehr wohl offen gewesen, der Unfall sei wegen der «Fahrlässigkeit» der jungen Menschen passiert.

Die Version der Behörden wird durch Anwohner bestätigt: Die Unterführung, die zum Strand führt, sei erst letzten Oktober eröffnet worden. «Sie ist sehr eng und weil so viele Menschen aus dem Regionalzug ausgestiegen waren, war sie vollgestopft.» Eine alte Fussgängerbrücke, die seit der Eröffnung der Unterführung gesperrt wurde, wird zurzeit umgebaut.

«Nicht der Moment, um eine Polemik zu beginnen»

Charly, der mit der Gruppe über die Geleise gelaufen war und der Tragödie nur knapp entkommen war, hält an seiner Version fest: «Wir stiegen aus dem Zug und weil die Unterführung geschlossen war, hatten wir keine andere Wahl, als über die Geleise zu gehen», erzählt er der Zeitung «El País». Marcelo Cardona, ein Bolivianer um die 30, beschrieb die Ereignisse als Inferno. Die jungen Leute seien «in einer Welle» über die Geleise gegangen. Er habe sich zurückgehalten und auf dem Bahnsteig gewartet. «Die Euphorie im Zug vorher schlug sofort in Schmerzensschreie um. Die Leute schrien 'meine Tochter, meine Schwester'» sagte Cardona. Er habe «verstümmelte Menschen gesehen, überall Blut, Blut auf dem Bahnsteig».

Teofilo Serrano, Chef der spanischen Bahnen RENFE, beeilte sich zu sagen: «Es ist nicht der Moment, um darüber zu streiten, jetzt muss den Angehörigen zuerst geholfen werden.» Er wolle im Moment keine Polemik starten, er sei dafür zu sehr «erschüttert». Wenn sich die Situation beruhigt habe, werde eine Untersuchung eingeleitet.

Der Abend war aber nur für einen Teil von Castelldefels zum Horror geworden. Die meisten Dorfbewohner feierten auch Stunden nach dem Unglück gelassen die kürzeste Nacht des Jahres weiter.

(kle)