Zürichs neue Hochhäuser

30. Dezember 2011 08:45; Akt: 30.12.2011 09:42 Print

«Wir müssten einen Neubau der Stadt zulassen»

von Lukas Egli - Mit dem Prime Tower in Zürich hat die Schweiz ein neues eindrückliches höchstes Gebäude. Bauen wir jetzt in die Höhe? Soziologe Thomas Held über den Siedlungsbrei und Verdichtungsstrategien.

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(Bild: Keystone/Yoshiko Kusano)

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Der Prime Tower in Zürich West ist eröffnet. Baut die Schweiz nun in die Höhe?
Thomas Held:
Ich fürchte nicht, nein. Der Prime Tower ist ein positives Signal und ein kommerziell sehr erfolgreiches Projekt. Mit dem Tower ist die Technologie des Hochhaus-Baus in der Schweiz angekommen. Aber der Turm wird als Wahrzeichen bezeichnet – als etwas nicht Normales.

Für Schweizer Verhältnisse wurde bei der Hardbrücke in Zürich sehr dicht gebaut.
Nicht unbedingt. Der Gestaltungsplan verlangt, dass praktisch auf demselben Areal oder in der näheren Umgebung ein niedriger Ausnützungsschnitt hergestellt wird. Der Prime Tower bringt keine Ausnützungsziffer von 3 oder 4 auf der Grundfläche, sondern eher 2,5 oder 2,7, was für Schweizer Verhältnisse allerdings schon recht viel ist.

Also keine echte Verdichtung?
Nein. Um von einer echten Verdichtungsstrategie sprechen zu können, müsste die Stadt erlauben, dass in gewissen Quartieren ein oder zwei Stockwerke höher gebaut wird als bisher – wo die Stadt heute 4- oder 5-stöckig ist, müsste man auf 6 oder 7 Etagen gehen dürfen.

So weit sind wir wohl noch nicht.
In Genf wurde vor einigen Jahren eine Volksinitiative angenommen, die genau das forderte. Allerdings wurde die Umsetzung von der Verwaltung in den Bewilligungsinstanzen berhindert. Die Initiative hatte nur geringe Auswirkungen.

Sie haben einmal gesagt, man dürfte eigentlich nichts mehr bauen, das weniger als 7 Etagen hat.
Genau. Wenn man in Zürich die Blockrand-Überbauungen aus der Zwischenkriegszeit aufstocken würde, könnte man die Kapazitäten der Stadt gewaltig erhöhen. Diese Massnahme würde so etwas wie einen Neubau der Stadt ermöglichen. Die Neubauten in der Agglomeration gehen schon in diese Richtung, wenn man an Zürich Nord, das Glatttal und die Flughafen-Region denkt. Aber ich glaube, dass es auch im historischen Bereich eine Verdichtung braucht. Allerdings sehe ich momentan keine Entwicklung zu echter Verdichtung.

Warum gibt es in der Schweiz keine politischen Fürsprecher einer Verdichtung?
Das frage ich mich auch. Es ist für mich unverständlich, warum Grundbesitzer, Bauentwickler und Generalunternehmer sich nicht mehr dafür einsetzen.

Die Gegner hingegen sind bestens organisiert.
Die Kräfte, die gegen die Verdichtung sind, sind jene, die schon dort wohnen. Es ist ganz einfach: Wer eine Wiese vor dem Haus hat, will, dass die Wiese bleibt. Ob ich Besitzer oder Mieter bin, spielt in der Schweiz fast keine Rolle. Diesen Widerstand zu überwinden, ist eine schwierige Sache.

Der Widerstand gegen Hochhäuser ist gerade auch im Zürcher Industriequartier immens. Wird der Prime Tower ein Solitär bleiben?
Das glaube ich nicht. In Sachen Höhe vielleicht, aber ich gehe davon aus, dass noch andere Hochhäuser kommen werden. Aber es ist schon so und es ist fast ein bisschen pervers: Dank der Aufwertung dieses Stadtteils ziehen immer mehr Leute hierher und richten sich ein – und wenn es ihnen dann gefällt, dann wollen sie, dass es genauso bleibt wie zum Zeitpunkt, als sie gekommen sind.

Auch die Bewohner des ehemaligen Industrieviertels suchen die Idylle?
Ich stritt mich mit guten Freunden, als es um die Aufstockung der Swissmill-Silos ging. Das sind industrielle Gebäude, die etwa gleich hoch wie der Prime Tower werden. Ich wohne in der Nähe dieser Silos und finde, dass gerade diese Durchmischung den Reiz dieses Stadtteils ausmacht. Es ist doch toll, dass es hier noch industrielle Aktivitäten gibt. Aber viele sind der Meinung, man müsse die Industrie aus der Stadt verbannen.

Wenn man vom Escher-Wyss-Platz in Richtung Hardturm fährt, kommt man an lauschigen Wohnquartieren vorbei: Häuschen, Gärtchen, Garage…
… da muss man unterscheiden! Man sieht dort die Bernoulli-Häuser, die zum historischen Bestand gehören und von grossem Wert sind. Aber ihre Existenz darf nicht heissen, dass es rundherum auch so aussehen muss. Das ist der Punkt: Dass neben den Bernoulli-Häusern es alle genauso haben wollen.

Gehört diese Verhäuslisierung nicht zur Schweizer DNA?
Nein, das ist eher eine amerikanische DNA, wo die meisten Städte auf der grossen Wiese entstanden. Die historische Form der Schweiz ist, abgesehen vom Appenzell, nicht die Streusiedlung, sondern das Dorf – oder sogar das Wehrdorf. Murten beispielsweise ist unheimlich dicht gebaut, und die Bauherren hatten sehr strenge Auflagen zu erfüllen.

Wann kam in der Schweiz die Wende zum Häuschen im Grünen?
Der erste Schub kam mit dem Bau der Nationalstrassen in den 1960er-, 1970er-Jahren. Der zweite mit dem Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und dem Bau der S-Bahn-Netze, namentlich in Zürich und Bern. Die S-Bahn-Strecken wurden zu regelrechten Agglomerations-Entwicklungsstrecken.

Ist die Zersiedelung ein Kollateral-Schaden des Ausbaus der Mobilität?
Es ist wohl eine nichtbeabsichtigte Konsequenz.

Ist die Zersiedelung aufzuhalten?
Kaum. Der Ausbau der Schweiz zu einer Stadt ist unaufhaltsam.

Was müsste man tun?
Wir müssten die noch unbebauten Gebiete in Parks umwandeln und eine Verdichtung in den bebauten Gebieten erzwingen.

Denn in jedem Bauer steckt ein Baulandspekulant?
Das kann man ihm auch nicht übel nehmen – das ist einfach ein Fakt. Jeder Bauer hofft auf Einzonung. Das bestimmt seine Zukunftsvision. Solange das so ist, kommen wir zu keinem vernünftigen Plan, wie wir mit unserer Landschaft umgehen wollen.

Wer müsste diese Parks betreiben? Der Staat?
Die öffentliche Hand würde jedenfalls besser in Parks investieren als in den sozialen Wohnungsbau. Der Staat müsste wahrscheinlich bei der Handänderung oder der Wertvermehrung Steuern abschöpfen, um jene zu entschädigen, die wegen der Parks vom Handel ausgeschlossen werden. Wenn wir nichts in diese Richtung tun, wird die Zersiedelung weitergehen.

Bern denkt in die umgekehrte Richtung. Dort wird erwogen, einen Teil des Bremgartenwalds zu roden. Ist das sinnvoll?
Ich finde das eigenartig. Ich würde die Wälder eher als eine Art Anzahlung auf die Parklandschaften anschauen, mit denen man sehr sorgfältig umgehen sollte. Hierzu noch eine private Beobachtung: Ich war im Sommer in den USA. Dort sah ich immer wieder Häuser, die in den Wald gebaut waren. Häuser, die unter den Bäumen stehen. Das sah ganz lustig aus.

Wie bei Asterix und Obelix «Die Trabantenstadt»?
Ja. Diese Aufhebung der Trennung von Siedlung und Wald, die bei uns sehr strikt ist, hat mich fasziniert. Die Villa mit altem Baumbestand gibt es hierzulande eben nur, wenn die Bäume so alt sind wie das Haus selbst. Häuser im Wald sind in der Schweiz verboten. Es könnte interessant sein, den Wald auch so zu nutzen. Dann muss er nicht gerodet werden.

Bern kommt ja nur auf diese Idee, weil es dort sonst unmöglich ist, etwas zu bauen.
Bern mit seiner Altstadt ist in dieser Hinsicht kritisch, zweifellos. Aber um die Altstadt herum gibt es viele behäbige Quartiere mit vierstöckigen Häusern oder Einfamilienhäusern, in denen man gut verdichten könnte. Am Zürichberg setzt sich langsam durch, dass die Leute Villen abreissen und stattdessen dreistöckige Mehrfamilienhäuser bauen.

Nun setzt jede Bautätigkeit Wachstum voraus. Zürich hat einen regelrechten Boom erlebt in den letzten Jahren. Ist er nachhaltig?
Daran gibt es berechtigte Zweifel. Das Wachstum der letzten Jahre verdanken wir der Personenfreizügigkeit, vor allem dem Zustrom hoch qualifizierter Arbeitnehmer – Spezialisten, die von der Stadt Schweiz angezogen werden, welche Dienstleistungen für die ganze Welt erbringt und hochspezialisierte Industrie-Nischen bedient. Heisst: Wir sind von der Weltkonjunktur abhängig. Das Schweizer Wachstum ist Weltwachstum. Wenn die Krise zu einem echten Absturz führt, ist das Wachstum auf längere Zeit gefährdet. Ich halte es für möglich, dass es in der bisherigen Form vorbei ist.

Wie lange also wird Zürich noch prosperieren?
Der Prime Tower hatte ein sehr gutes Timing. Heute würden die Banken ein solches Projekt kaum mehr finanzieren. Die Nachfrage nach Wohnraum ist nach wie vor ungebrochen, aber auch diese Nachfrage ist abhängig von diesem Zustrom von Leuten.

Warum sind die Zuwanderer so wichtig?
Diese Leute geben den grösstmöglichen Wachstumsimpuls: Sie sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, verdienen sehr gut, gründen Familie. Wenn nur noch die Hälfte von ihnen kommt – und die Zuwanderungszahlen gehen zurück – wird das Wachstum einbrechen.

Das wird in erster Linie für das Spitzensegment Folgen haben.
Nicht nur. In den Aussenquartieren und Agglomerationen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren gebaut wurden, kommt ein grosser Erneuerungsdruck auf uns zu. Wenn die Nachfrage nach Wohnraum nicht mehr im selben Mass da ist, wird das ein echtes Problem. Aus energietechnischer Sicht müsste man vieles neu bauen: neue Grundrisse, neue innere Strukturen.

Aber Herr und Frau Schweizer reissen nicht gerne ab.
Nein. Wir bauen solide, darum fällt uns der Entscheid schwerer. Wir erheben uns ja gerne über die Amerikaner, auch was ihren Umgang mit Ressourcen betrifft, aber in den USA ist die Baumasse oft Holz – erneuerbare Energie, rezyklierbar und der Anteil grauer Energie ist viel kleiner als jener für die Herstellung von Stahl und Zement. Ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, dass jedes Haus 60 bis 70 Jahre stehen muss.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Noelle am 30.12.2011 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne neue Welt

    Was ist mit den Arbeitnehmern zwischen 40 und 65, bzw 70 (gefordertes neues Rentenalter). Haben die gegenüber den 30jährigen Zuwanderern überhaupt noch eine Chance? Da kommen noch ganz andere Probleme auf uns zu!

  • stop am 30.12.2011 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nein

    wir brauchen nicht noch mehr Zuwanderer!

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  • Peter K. am 30.12.2011 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Hochbau

    man sollte in die Höhe bauen, sonst ist am Ende die ganze Schweiz zubetoniert. Es gibt immer weniger Natur und immer mehr Strassen/Häuser. Das muss aufhören.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heinz am 02.01.2012 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Vor lauter Häuser sehen wir den Wald

    nicht mehr - zudem kann die Schweiz weder mit der USA noch mit anderen Grossstädten vergleichen werden - was die Schweiz braucht, ist ein Einwanderungs-Stopp, nur so bekommen wir die Überfremdung in den Griff.

  • Fritz am 02.01.2012 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Brainstorming

    Die Schweiz sollte sich zurückhalten das ganze Brainstorming von Herrn Held umsetzen zu wollen. Sicherlich hat er gute Ansätze genannt. Das man jetzt aber auf den Wald losgehen will, kann ich nicht im geringsten gutheissen.

  • Hannes Zoller am 01.01.2012 00:40 Report Diesen Beitrag melden

    Unsere Haltung zu den Thema

    Aufgeblasene Bauten sollen Fortschritt sein ? Ist mir schon klar dass Stadtrat, auch der rotgruener, möglichst weltweite Bedeutung wuenscht.... Also Arme raus, Reiche rein.

  • Tobias am 31.12.2011 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Höhen-Wahnsinn abschaffen

    Es ist erschreckend was die Städtebauer alles für Unsinn-Bauten in die Landschaft stellen - von den Preisen abgesehen, die jenseits von gut und böse sind.

  • Meinhard Stark am 31.12.2011 02:58 Report Diesen Beitrag melden

    Häuser im Wald

    Oben wird die USA angesprochen und gewisse Häuser unter Bäumen. Ich habe in New Jersey vile Wohngebiete gesehen, die quasi mit dem Wald verbunden sind, es giebt viele bewaldete Flächen. An gewissen Orten, sah das Bild etwa so aus: Waldstreichen von ca. 30-50 Metern Häuserreihe (Einzelhäuser mit viel Gras rundherun, Abstand von H. zu H. ca. 30m), Strasse 2. Häuserreihen und wieder ein Waldstreifen. Belohnt wirt man mit Eichhörnchen, Hasen und Rehen, die man im Garten täglich beobachten kann.