Leser-Reporterin in Australien

05. Februar 2019 16:56; Akt: 05.02.2019 16:56 Print

«Wir wissen nicht, wann wir hier wegkommen»

Die Schweizerin Olivia besucht gerade ihren Freund in Australien. Ausgerechnet am Tag, an dem die beiden nach Townsville reisen, beginnt es zu regnen – und hört nicht mehr auf.

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Die Stadt Townsville versinkt im Wasser. Am Dienstag waren immer noch rund 11'000 Haushalte von der Stromversorgung abgeschnitten. Auch die Leser-Reporterin Olivia* (22) harrt in der Küstenstadt im australischen Bundesstaat Queensland aus. Sie wollte ihren Freund besuchen – stattdessen erlebte sie in den letzten Tagen eine wahre Odyssee, wie sie 20 Minuten berichtete.

«Seit meiner Ankunft in Cairns am 30. Januar regnete es immer wieder sehr, sehr stark. Mein Freund und ich wollten eigentlich zwei Nächte dort bleiben, um meinen Geburtstag zu feiern und dann so schnell wie möglich dem Regen zu entkommen», erzählt Olivia. Sie reisten ausgerechnet nach Townsville.

«Wir hatten einen Aufenthalt auf Magnetic Island gebucht, einer Insel rund 20 Minuten von Townsville entfernt, auf der 320 Tage im Jahr schönstes Wetter versprochen wird. Leider war es ein grosser Fehler, dorthin zu gehen.» Nach zwei Tagen ununterbrochenem Regen gaben die Schweizerin und ihr Freund auf: «Wir gingen zurück nach Townsville, wo bereits alle Strassen so masslos überflutet waren, dass wir auf keinem der drei Highways wegfahren konnten. Wir versuchten, einen Umweg ins Landesinnere zu nehmen, endeten jedoch vor einem riesigen Fluss, der den ganzen Highway überflutet hatte. Mit anderen Leuten standen wir davor und realisierten, dass kein Weg Richtung Süden über diesen Fluss führt», so die Leser-Reporterin.

Sie finden nichts zu essen

Am Sonntagabend entscheiden Olivia und ihr Freund notgedrungen, eine weitere Nacht in Townsville zu verbringen. Obwohl die Lage für viele Bewohner der Region bereits zu diesem Zeitpunkt als gespannt gilt, entdecken die beiden ein Unternehmen, das für 50 australische Dollar (umgerechnet etwa 36 Franken) Rundflüge mit dem Helikopter anbietet, um das Ausmass der Überschwemmungen zu besichtigen.

Weil es nach wie vor in Strömen regnet, will das Paar im Restaurant des Hotels essen. Unmöglich: Die Hotelleitung teilt den beiden mit, dass die Küche geschlossen sei. «Alle Mitarbeiter wurden früh nach Hause geschickt, weil der Damm in Townsville geöffnet wurde und sie später nicht mehr nach Hause gekommen wären.»

Olivia und ihr Freund suchen verzweifelt nach Essen. «Zusammen mit einer Mutter und ihrem kleinen Kind, die in Townsville zu Besuch waren, rannten wir von Restaurant zu Bars und zu Hotels und versuchten unser Glück bei unzähligen Lieferservices – überall war entweder geschlossen, oder es wurden nur noch Getränke serviert.» Schliesslich hat die Gruppe in einem lokalen Pub etwas Glück: «Wir kauften sechs Minipackungen Chips und gingen nass bis auf die Knochen und sehr, sehr hungrig zurück ins Hotel. Wir mussten uns an diesem Abend mit Chips und Nutella begnügen.»

Noch am gleichen Abend erhält das Paar eine Telefonwarnung, dass es sich nicht dem Ross River nähern solle. «Wir gingen schlafen und bekamen wenig von dem Desaster in der Stadt mit. In dieser Nacht wurden viele Häuser überflutet, und das Militär musste ausrücken.»

Es bleibt nichts anderes übrig, als zu warten

Am nächsten Tag herrschte laut Olivia eine «apokalyptische Stimmung» in Townsville. «Alle Strassen waren überflutet, so dass man Umwege fahren musste, um überhaupt irgendwohin zu kommen. Sämtliche Shops, Malls und Büros waren geschlossen, Parkhäuser überflutet, und der Fluss war sehr hoch angestiegen.»

Olivia und ihr Partner fanden schliesslich einen offenen Supermarkt. «Wie alle anderen Bewohner auch sind wir einkaufen gegangen, damit wir für den Notfall etwas zu essen haben. Schockierenderweise waren viele Regale schon fast leergeräumt, besonders Fleisch gabs kaum mehr.»

Das Paar sass am Montag immer noch in Townsville fest. «Überall sind die Strassen überflutet, oder es hat sehr tiefe Wasserlachen. Viele Strassen sind gesperrt und werden von Polizisten bewacht. Wann wir von hier wegkommen, wissen wir nicht.» Auch der Flughafen ist am Dienstag geschlossen. «Darum haben wir keine andere Wahl, als hier zu sitzen und abzuwarten.»

Update vom 5. Februar

Olivia hat sich am Dienstag erneut bei 2o Minuten gemeldet – mit schon etwas besseren Nachrichten: «Es regnet nicht mehr so stark. Einige Shops und Restaurants haben bereits offen. Der Highway ist gemäss letzten Informationen auch bald wieder offen. Wir hoffen, morgen endlich losfahren zu können, aber die Situation ändert sich stetig.»

* Vollständiger Name der Redaktion bekannt

(kle)