Ohne Narkose

25. September 2018 22:03; Akt: 25.09.2018 22:03 Print

Ärzte operieren Patient unter Hypnose am Herzen

In einem Spital im französischen Lille haben Chirurgen einem 88-Jährigen eine neue Herzklappe verpasst. Nicht unter Betäubung, sondern unter Hypnose.

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Normalerweise erfordert eine Operation am offenen Herzen eine Vollnarkose oder mindestens eine Lokalanästhesie. Ärzte in Nordfrankreich haben einem Patienten nun aber eine Herzklappe ersetzt, ganz ohne diesen mit Morphin oder Anxiolytika zu betäuben – eine Premiere in der Region.

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Stattdessen wurde der 88-Jährige unter Hypnose operiert, wie «France Bleu Nord» berichtet.
Dem Portal zufolge hatten die Mediziner vom Universitätsspital CHU Lille den Eingriff zuvor als «schwer» eingestuft.



Thailand und Gartenarbeit

Für den Schlaf von Gérard Courtois verantwortlich war eine auf Hypnose spezialisierte Fachperson. Sie habe Courtois am Tag vor der Operation besucht und mit ihm über seine Umgebung und seine Leidenschaften gesprochen. Über Dinge, «die es mir ermöglichten, ihn in eine Welt zu führen, die er liebt», sagte Hélène Sergent, die erste in Hypnose ausgebildete Pflegefachfrau am CHU Lille.

So sprach der Rentner über gemeinsame Reisen mit seiner Frau nach Thailand, Ägypten und Tunesien oder über Gartenarbeit, während ihm die Chirurgen eine neue Aortenklappe einsetzten. 48 Stunden später scheint sich Courtois gut erholt zu haben. Er würde ohne Zögern wieder auf Hypnose statt Narkose setzen, sagte er.

Vorteil: Keine Nebenwirkungen

Vorteil der Hypnose gegenüber der Narkose: Der Patient erhole sich schneller, so Arnaud Surdre, Leiter für interventionelle Chirurgie am Unispital Lille. Gerade ältere Patienten reagierten manchmal empfindlicher auf Narkosewirkstoffe und hätten nach einem Eingriff etwa mit Verwirrung zu kämpfen. Mit Hypnose erhole sich der Patient sofort, «ein echter Vorteil», so Surdre.

Während medizinischer Eingriffe Hypnose anzuwenden, ist auch in der Schweiz ein Thema. So setzt etwa das Genfer Universitätsspital seit einem Jahr auf die Technik. Wie srf.ch berichtete, sollen dort bis in vier Jahren rund 4000 Mitarbeiter die Grundtechniken der Hypnose kennen lernen. Diese sollen dem Personal vorerst bei kleineren Prozeduren wie dem Wundennähen oder Spritzengeben dienen.

Pionierin auf dem Gebiet ist eine Belgierin. Die Narkoseärztin Marie-Elisabeth Faymonville am Universitätsspital von Lüttich beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der modernen medizinischen Hypnose.

(kko)